Es ist ein ziemlich vertracktes Buch, das die Leipziger Autorin Lea Rohrmoser hier vorgelegt hat. Eigentlich hat sie Germanistik und Anglistik studiert und über Hölderlin promoviert. Aber mit diesem Buch versucht sie, sich in das Innenleben einer Künstlerin einzufühlen. Wie ticken Künstler/-innen, wenn sie ihre Bilder erschaffen?

Das zumindest ist ein in der deutschen Literatur gern benutztes Motiv. Am Künstler kann man die Einsamkeit des Schaffenden schildern. Und seine Nöte, wenn es mal nicht so läuft, die Ideen ausbleiben oder die Arbeit einfach stockt. Ein Künstlerleben ist nicht so einfach.

Erst recht, wenn man dann auch noch einen viel älteren Topos der deutschen Literatur aufgreift: der Künstler als im Rausch Schaffender. Quasi durch seine Kreativität mit einer anderen Welt verbunden, hin- und hergerissen. Genie und Scheiternder.

Und irgendwie geht es auch Dorothee Born so, der jungen Frau, die Lea Rohrmoser in diesem Buch auftreten, träumen, schaffen und leiden lässt. Gesteigert durch die brütenden Hitzetage eines jüngeren Sommers. Hitzetage, die die junge Frau zusätzlich in Qualen versetzen, die nicht nur körperliche sind.

Sodass man in das Buch hineinkommt, als wäre man sofort in bedrückenden Träumen gelandet. Besonders zwei scheinen Dorothea sehr zu bedrücken. Das eine ist ein Traum von Lilith, der sagenhaften ersten Frau von Adam, die es in den langweiligen Dimensionen des Paradieses nicht aushält. Die mit dem vor sich hindösenden Adam erst recht nichts anfangen kann, den die Rätsel der Welt nicht zu interessieren scheinen.

Aber Lilith will alles wissen, ist aber in Dorotheas Traum auch gleichzeitig eine Urgestalt, die ihre Mitwelt nicht rational, sondern durch Gefühle zu begreifen versucht und dabei selbst in (alb-)traumhafte Situationen gerät.

Situationen, die sich später in der Geschichte Dorotheas spiegeln, die ihrerseits auf die an ihrer Hilflosigkeit leidende Lilith schaut. Der Traum spiegelt sich im Traum. Während Dorothea ganz offensichtlich mit ihrer Arbeit an den jüngsten Bildern nicht vorankommt.

Wenn sich Fantasie und Wirklichkeit vermengen

Oder doch? Auch das bleibt in der Schwebe, denn gleichzeitig sind ihre Bilder in der neuesten Ausstellung zu sehen, die der Galerist Alexander verantwortet.

Der aber selbst wieder Probleme hat, Traum und Realität auseinanderzuhalten. Vielleicht selbst getrieben von der Erwartung, immer wieder neue, Aufsehen erregende Ausstellungen gestalten zu müssen. Sodass am Ende das Privatleben darunter leidet und ein Ausflug mit den Kindern zum Horrortrip wird, weil ihm beim Baden am Fluss die schlimmsten Befürchtungen zu leibhaftig erlebten Träumen werden.

Oder Tag-Träumen. Ihm geht es ja wie Dorothea: Fantasie und Wirklichkeit vermengen sich. Die Gestalten aus den Bildern geraten in die Wirklichkeit – so wie Jesus und Menas, die Dorothea zu ihrem nächsten Bild animieren. An dem sie bis zur Erschöpfung arbeitet. Oder schon erschöpft ist, bevor sie richtig ins Arbeiten kommt.

Ob das Realität ist oder nur Einbildung, das lässt sich nicht greifen. Denn auch bei Lea Rohrmoser wird Schaffen zum Rausch, ist die Malerin nicht souverän, sondern getrieben von Erwartungen, Gefühlen, Ängsten. Und natürlich den Figuren, die ihre Fantasie beschäftigen.

So wie Lilith, der Engel Raphael. Oder die Briefleserin von Jan Vermeer van Delft, die man in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden besichtigen kann – seit 2021 wieder mit dem freigelegten Cupido im Hintergrund, der die Aussage des Bildes drastisch verändert.

Die Nöte des Galeristen

Aber was macht eigentlich das Schaffen von Dorothea so albtraumhaft? Warum kann sie nicht in Ruhe arbeiten? Warum treiben sie ihre Figuren derart in Not, sodass sie im Grunde die ganze Zeit in einem Zustand des Scheiterns zu leben scheint? Erst recht noch zugespitzt durch ihre Kindheitserfahrung, dass sie eigentlich nur gut zeichnen kann. FĂĽr andere Berufswege also gar nicht geeignet?

Es ist ein möglicher Moment, der die Nöte von Künstler/-innen zu greifen versucht. Denn sie können zwar Dinge tun, um die sie von anderen Leuten beneidet werden – ihrer Kreativität einfach freien Lauf lassen. Aber spätestens, wenn Alexander ihre Ausstellungen organisiert, wird der Zwang zum Erfolg deutlich, der jedes Kunstschaffen begleitet.

Wenn die Bilder nicht so stark und eindrucksvoll werden, dass sie das Galeriepublikum in ihren Bann ziehen und letztlich verkauft werden, steht die KĂĽnstlerin vor dem Nichts. Und ein verkauftes Bild reicht nicht. Es braucht immer neue starke Ideen und ihre Umsetzung.

Und der Galerist leidet mit. Die Vernissage wird für ihn ein einziger Alkoholexzess. Denn niemand weiß, ob der Funke überspringt. Nicht einmal in der Eröffnungsrede für die Ausstellung wird das greifbar. Zumindest Alexander und seinem eher dilettierenden Redner Schwanich nicht.

Was soll man über Kunst erzählen, die sich nicht wirklich greifen lässt? Ein Problem, das ja bekanntlich Legionen von Kunstkritikern und Kunstwissenschaftlern haben.

Die Einsamkeit der Malerin

Dass Dorotheas Ängste geradezu existenziell werden, wird in jenem Abschnitt deutlich, in dem die Malerin tagelang mit dem Tod ringt und die Träume wie Fantasiegebilde wirken, die die Leidende beim Überschreiten der Schwelle begleiten. Während eine zarte Gestalt namens Julie sie pflegt und die Leidende doch eines Tages wieder aus dem Bett kriecht.

Auch das nur ein Traum? Oder das tatsächliche Leiden an den eigenen Träumen, die gestaltet werden wollen? Die so übermächtig sind, dass die Künstlerin unter ihnen auch körperlich leidet.

Womit Lea Rohrmoser ja eine unserer Vorstellungen über das Kunstschaffen versucht, in Prosa zu gestalten. Wie kommen Künstlerinnen zu ihren Bildern? Was passiert da eigentlich im Schaffensprozess? Denn natürlich können die meisten von uns mit Kreativität nicht umgehen. Wohl wissend, dass es um mehr als Technik geht.

Aber was passiert da wirklich im Kopf der Künstlerin? Und was drängt sie dazu, nicht aufzugeben? Auch nicht an Tagen, an denen einen die Hitze fertig macht, einen aber die Gestalten ständig zu beobachten scheinen, die man ins Bild bannen will. Die das eigene Ich (Ego) infrage stellen, die Malende und Träumende zutiefst erschöpfen.

Es ist zumindest eine mögliche Sicht auf den Zustand, in dem Kunst entsteht. Und auf die Einsamkeit der Malerin, die ihr Atelier in dem alten Fabrikgebäude mit den großen Fenstern für ihr eigentliches Zuhause hält. Sodass es auch ein Versuch über die Frage ist, ob sich Realität und Kunst tatsächlich so vermischen dürfen, dass die Malerin regelrecht in den eigenen Bilderwelten steckt, sich nicht loslösen kann. Mit ihren Figuren kämpft, als wären sie Teil der Realität.

Kunst ist immer Grenzüberschreitung. Aber wie beschreibt man diesen Prozess, wenn man nicht selbst jeden Tag vor der Staffelei steht und nicht nur dem Kunstmarkt (und den unberechenbaren Erwartungen der Käufer) gerecht werden muss, sondern auch den stillen Forderungen der Gestalten, die man in Farbe zu bannen versucht?

Und die ganz offensichtlich einen Eigensinn haben, der gestaltet werden will. Und der nicht immer zu greifen ist. Wem kann man da ĂĽberhaupt gerecht werden? Oder ist das Scheitern einfach schon absehbar?

Eine offene Frage. Auch fĂĽr all jene, die versuchen, die KĂĽnstler und KĂĽnstlerinnen dort zu fassen zu bekommen, wo ihre Kunst in der Regel in Einsamkeit entsteht.

Lea Rohrmoser „Ego oder Die Sonne lacht“, Einbuch Buch- und Literaturverlag, Leipzig 2025, 15,40 Euro.

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