2024 war ein überraschendes Jahr für die Leipziger Autorin Martina Hefter. Nicht nur erschien ihr Roman „Hey, Guten Morgen, wie geht es dir?“ Für das Buch bekam sie auch den Deutschen Buchpreis, dem dann noch drei weitere Ehrungen folgten, während sie mit ihrer Performance „Soft War“ im Schauspiel Leipzig Premiere feierte.
Manche Großautoren rätselten zwar, warum Martina Hefter für „Hey, Guten Morgen, wie geht es dir?“ ausgezeichnet wurde. Aber die beiden Gedichtbände, die Klett-Cotta jetzt folgen lässt, zeigen recht deutlich, warum die Ehrung einfach dran war.
Den einen Gedichtband kennen die Leserinnen und Leser schon: „In die Wälder gehen, Holz für ein Bett zu klauen“ erschien erstmals 2021. Auch darin schlug sie schon den geradezu nüchternen Ton an, den man für gewöhnlich nicht mit Gedichten in Verbindung bringt. Die Texte lesen sich zuweilen wie Notate aus dem Alltag, aufmerksam betrachtete Vorgänge, Zustände und Dinge, die sich im Gedankenspiel der Autorin verändern, in Bewegung geraten.
Und trotzdem den Eindruck vermitteln: Das hätte sie jetzt auch im gut gelaunten Gespräch äußern können. Es ist ein Blick in die Welt, wie ihn eigentlich viele teilen – nur nehmen sie meist nicht wahr, dass selbst in gewöhnlichen Alltagsmomenten eine Portion Poesie lauert, das Staunen über die rührende Lebendigkeit und Maßlosigkeit des Lebens.
Und genauso arbeitet sie auch im zweiten, nun von Klett-Cotta veröffentlichten Gedichtband, der eigentlich ein Materialband ist. Direkt aus der Werkstatt. Über ein Thema, in dem man sonst eher keine Poesie wahrnimmt, weil es bedrückend, verwirrend, verstörend ist.
Ein ganzer Kosmos von Texten rund um die Ein-Frau-Performance „Es könnte auch schön werden“, die Hefter selbst als Lehrstück bezeichnet. Es ist der zur Ein-Frau-Vorstellung gewordene Besuch der Autorin bei ihrer Schwiegermutter im Pflegeheim.
Die bald zur Schwermutter wird, denn sie ist an ihr Bett gefesselt und die Demenz lässt sich auch nicht verleugnen. Und trotzdem oder gerade deswegen sind diese Besuche der Schwiegertochter der Höhepunkt in ihrem Alltag. Sie wartet regelrecht darauf, auch wenn sie dann, wenn die Schwiegertochter da ist, unkonzentriert ist, sich vom Alarmknopf ablenken lässt und immerfort die Pflege ans Bett holen will.
Im Fluss des Lebens
Am Ende ist es das gemeinsame Lösen von Kreuzworträtseln, bei denen die beiden eine Ebene der Verständigung finden. Auch wenn die Besucherin immerzu das Gefühl des Ungenügens hat, des Unfertigen. Denn natürlich sind die Gespräche mühsam.
Der Alltag im Heim kreist letztlich nur noch um sich selbst. Um die Mahlzeiten, die Rufe nach den Pflegern, die Beschäftigungsangebote für die Pfleglinge, die sich wie in Kindergartenzeiten zurückversetzt fühlen. Aber Martina Hefter gibt sich selbst den Raum zum gedanklichen Abschweifen, dem stillen und oft sehr farbigen Kommentieren, wie es in unseren Köpfen eigentlich immer passiert.
Gerade in Situationen, die zäh und ermüdend sind. Aus denen wir aber nicht fortlaufen wollen, weil wir wissen, dass selbst das Wenige, was an Kommunikation passiert, wichtig ist, eine wärmende Insel in einem Alltag, der nur noch aus Warten besteht.
In dem Ausflüge im Rollstuhl, die der Sprecherin den Schweiß auf die Stirn treiben, schon echte Höhepunkte sind. Wenn auch frustrierend, weil die Schwermutter sich nicht mehr konzentrieren kann und mit den Angeboten da draußen überfordert ist.
Und dieses Lehrstück ist der Kern dieses Bandes, der auch noch einen ebenso poetischen Brief an das Publikum enthält und lauter Gedichte, in denen Martina Hefter die Motive aus dem Stück aufgenommen und verwandelt hat. Angefangen mit all den Teufeln, die ja nicht nur ihrer Besucherin im Pflegeheim immerzu im Nacken sitzen.
Wir kennen sie alle, diese unzufriedenen Gedanken, Mahnungen, Ablenkungen und Infragestellungen. Sind wir eigentlich gute Menschen, wenn wir – wie Martina Hefter – dreimal in der Woche ins Pflegeheim gehen? Stellvertretend darf die Heimkatze diese bohrende Frage stellen. Zur Empörung der Besucherin: Wie soll man auf solche Fragen antworten? Ist das Leben nicht schon kompliziert genug?
Das ganze Leben
Aber auch die Besuchte bekommt ihre Gedichte, in denen Schlaf und Warten zum Thema werden. Während die Autorin über das Vergängliche und Endliche nachdenkt, den immer gegenwärtigen Tod, der nicht nur mit dem Gedächtnislicht auf dem Heimflur anwesend ist.
„Da, der Tod bringt einen Teller herein. / Man hört nie, wenn die Tür geht.“ Sie muss es gar nicht ausmalen. Solche kurzen, nüchternen Eindrücke machen die Situation sichtbar, in der die Erzählerin dasitzt und das Heim mit allen Sinnen aufnimmt. Eine eigentlich karge Welt, die aber gerade durch die Lakonie der Verse Plastizität und Tiefe gewinnt. Jene Präsenz, die man als Besucher im Heim durchaus als bedrückend empfinden kann.
Und trotzdem steckt darin das ganze Leben. Wenn auch jetzt eins, das nur noch aufs Ende hin gedacht ist und auf die kleinen, getakteten Abwechslungen im Heimalltag: „Getöse mittags, draußen auf dem Flur, / Teller werden befüllt, ausgeteilt, / es weckt alles an ihr, aber es hilft nicht.“
Und man ahnt beim Lesen, warum Martina Hefter 2024 für „Hey Guten Morgen, wie geht es dir?“ den Deutschen Buchpreis bekommen hat. Genau für diese Lakonie, mit der sie das scheinbar so gewöhnliche Leben erzählt.
Ganz ohne Farbeimer, ohne die Blütensträuße „poetischer“ Adjektive, ohne die die meisten Dichter hierzulande nicht meinen auszukommen. Weil sie weder ihren Lesern noch der Sprache vertrauen, der kantigen Wucht der Wörter, die ganz von allein Kulissen erschaffen, wenn sie dastehen.
Bilder, bei denen man hört, spürt, schmeckt und riecht. Auch in Texten, in denen Martina Hefter die alten Leute im Heim über das Essen reden lässt, über die Pfleger und das Draußen, an dem sie nicht mehr wirklich teilhaben.
Aber als frühere Generationen alter Leute, die noch in ihren Familien alt wurden und unterm Ahornbaum die Tage verstreichen sahen. Seitdem hat sich die Welt der Alten (und auch der Jungen) verwandelt, leben sie fast nur noch in Innenräumen.
Das Draußen wird fremd. Und man merkt mit Martina Hefter, wie viele Welten in so einem Heim gegenwärtig sind. Vielleicht auch nur im Kopf der Dichterin, die sich Momente, Situationen, Motive zu Herzen nimmt und weiterdenkt.
Damit die scheinbar so passiven Alten doch wieder mit einem eigenen Sein versieht. Und damit auch sichtbar macht, was uns selbst in den Kopf kommt. Immerfort. Wir sehen die Welt ja in Geschichten, verpassen auch den scheinbar abgestumpften Alten eine Geschichte, wenn wir sie sehen. Und spüren ja selbst den Fluss, in dem alles fließt und treibt.
Wie Kirschbäume
Im Warten der Alte sehen wir dann oft unsere eigenen Momente am Fluss. „All die Leute, die, weil sie alt sind, / um ihr Leben kämpfen, / man betrachtet sie wie Kirschbäume, die auch um ihr Leben kämpfen / aber nicht weil, sondern wenn sie alt sind, / und das macht den Unterschied.“
Im Grunde lässt Martina Hefter die Alten selbst auf die Bühne treten in „Halbtotengespräche“. Da sitzen sie nicht schweigend und warten auf das Ende, sondern können sich noch einmal begeistern wie kleine Kinder.
Eigentlich sollten auch die Pfleger noch ihren eigenen Auftritt bekommen. Aber warum sie das nicht zu Text gemacht hat, verrät Martina Hefter am Schluss. Denn die Arbeitsbedingungen in den Pflegeheimen erzählen natürlich von unser aller Umgang mit den Alten. Und eben auch den Jungen, die oft nur auf ihren Nutzen reduziert werden und als lebendige Menschen hinter der Maschinerie der Heime verschwinden.
Und damit hat Martina Hefter ein Thema in Gedichte gesetzt, das in all der poetischen Lakonie zeigt, dass selbst die verschlossenen Pflegeheime Orte sind, an denen das Leben fließt. Anders als draußen, manchmal sogar intensiver. Und durchsetzt mit dem Gefühl des Ungenügens, das sich auch nach dem nächsten Besuch bei der Schwiegermutter nicht auflösen will.
Verkörpert von sieben Teufeln, die Martina Hefter am Ende auch noch in Worten malt. Damit wir uns daran erinnern, dass selbst unsere widersprüchlichen Gefühle stets in wilder Maske daherkommen. Verwirrend, nervend, verstörend. Manchmal mitten in der Nacht. Unruhestifter, die uns daran erinnern, dass es weder einfache Fragen noch einfache Antworten gibt.
Martina Hefter Es könnte auch schön werden, Klett-Cotta, Stuttgart 2026, 22,00 Euro.
Martina Hefter In die Wälder gehen, Holz für ein Bett klauen, Klett-Cotta, Stuttgart 2026, 22 Euro.
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