Manchmal braucht man einen, der einem sagt, dass man es kann, der einem Mut macht, weiterzuschreiben und Geschichten zu erzählen, die sonst keiner erzählt. So einer war Henner Kotte für Domenico Müllensiefen. Dem viel zu früh verstorbenen Autorenkollegen hat Müllensiefen nun seinen dritten Roman gewidmet: „Ohne dich wäre ich auf dieser Straße nicht sehr weit gekommen“. Wem können wir so etwas schon nachsagen? Wer traut sich? Denn manchmal braucht es einen, der einem richtig Mut macht, sich beherzt auf den Weg zu machen. Und sich nicht entmutigen zu lassen. Darum geht es auch irgendwie in diesem Roadmovie.

Es ist die Geschichte von Sandra, die mit ihrem Lkw quer durch Europa unterwegs ist. Mit an Bord: ihre 14-jährige Tochter Mia. Eine Konstellation, die sie an ihre eigenen Anfänge erinnert, als ihr Vater ihr die Welt der Truckfahrer zeigte. Auch wenn er eigentlich nicht wollte, dass Sandra in seine Fußstapfen tritt. Lieber sollte sie Krankenschwester werden.

Lang ist das her. „Die Autobahn hat ihre eigenen Gesetze“, hatte ihr Vater ihr beigebracht. „Kennst du sie nicht, kommst du nicht nach Hause.“

Auch ihr Vater ist eines Tages nicht mehr nach Hause gekommen. Die Autobahn ist unerbittlich. Das weiß Sandra nur zu gut, die die Tour in den Süden noch einmal richtig genießen will, weil es wohl die letzten Tage mit ihrer Tochter sein werden. Denn das Erziehungsrecht hat ihr das Gericht abgesprochen. Sie hat nur noch das Umgangsrecht.

Schon bei dieser Konstellation merkt man, dass Müllensiefen auch in diesem Roman in eine Welt eintaucht, die es eher selten in einen Roman schafft. Vielleicht nicht einmal, weil Autoren blind wären für das Leben und die Sorgen der Menschen ganz unten im System, für ihre Sprache, ihre Gefühle, ihre Rauhheit.

Keine Ausfahrt, nirgends

Man übersieht oft, wie auch die modernen Romanwelten eigentlich die Welten der Upperclass sind, der Leute, die eigentlich alles haben und sich um Status und kaputte Ehen kümmern, irgendwelche intellektuellen Berufe haben und in den nobleren Vierteln der Stadt leben. Müllensiefen aber macht die Menschen zu Protagonisten seiner Bücher, die er aus der Realität kennt. Deren Sprache er kennt.

Eine Sprache, die einem auch aus Henner Kottes Romanen vertraut ist und die manchmal an Raymond Chandler erinnert, der noch allzu gut wusste, dass Sprache fast alles über ihre Sprecher erzählt: ihre Gefühlswelt, ihre Nöte und Überforderungen.

Und Sandra ist überfordert. Von Anfang an. Denn eigentlich hatte sie gedacht, dass sie mit dem Kauf ihres Lkw die Freiheit gewonnen hat, ihr Leben selbst zu gestalten. So wie ihr Vater jeden Tag auf der Piste, Ladung abholen, Grenzen passieren, abladen. Die Fahrerkabine auch als ein geschützter Ort, an dem einen die ganzen Nötigungen des Lebens einmal in Ruhe lassen. Denn Sandra hat all ihr Geld in den Truck gesteckt.

Doch sie bekommt nur noch Touren, die sich eigentlich nicht rechnen, kann ihre Rechnungen daheim nicht bezahlen und die Oma ihres Kindes droht ihr auch noch, sie anzuzeigen und ihr damit auch den Umgang mit Mia zu untersagen.

Die eigentlich kein Kind mehr ist. Je länger Sandra mit Mia unterwegs ist, umso mehr begreift sie, wie ähnlich ihr ihre Tochter ist, dass sie denselben Stolz und Trotz in sich trägt und sich von der überbesorgten Mutter schon gar nichts mehr sagen lässt. Scheinbar eine Mutter-Kind-Geschichte. Aber so simpel macht es Müllensiefen nicht. Denn er weiß, wie es sich da ganz unten anfühlt, wenn ein einziger Fehler genügt, dass man aus dem Rennen fliegt. Gekündigt wird, aussortiert, weggeschickt, weil man zu teuer geworden ist.

Folgenreiche Entscheidungen

Sandra hat das Gespenst immerzu im Nacken. Und wird zu Recht panisch, als sie erfährt, dass ein versprochener Viehtransport ausbleibt, weil andere noch billiger sind. Da kommt ein alter Bekannter wie Dirk scheinbar gerade recht, der ihr nicht nur die Begleichung aller Schulden anbietet, sondern auch richtig lukrative Fahrten. Nur ist Dirk zwar einer, der sehr behütend und einnehmend sein kann und in Sandras früherem Leben auch eine Rolle spielte.

Aber er wittert seine Geschäfte dort, wo andere lieber die Finger von lassen. Zuletzt hatte ihn ein dubioser Waffentransport hinter Gitter gebracht. Und auch die Fuhre, zu der er Sandra nun mehr oder weniger überredet, ist nicht wirklich legal.

Und Sandra hätte am liebsten Nein gesagt, wenn sie nur gekonnt hätte. Außerdem drängt der Termin bei der Oma des Kindes, die kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn es um ihre unzurechnungsfähige Schwiegertochter geht. Die sie auch damals nicht akzeptieren konnte, als Sven sie heiratete. Sven, der irgendwann richtig Geld verdienen wollte für seine kleine Familie und deshalb wieder zum Bund ging, um dann als Kraftfahrer in Afghanistan eingesetzt zu werden.

Fast vergessen schon diese völlig entglittene Mission, die auch mehrere deutsche Soldaten das Leben kostete. Man müsste auch darüber schreiben, merkt Müllensiefen an. Die Themen liegen auf der Straße. Und wer Müllensiefens Romane liest, weiß, dass es hier wirklich um das Leben da ganz unten geht, wo man auch den Pakt mit dem Teufel eingeht, wenn es um ein bisschen Geld geht, mit dem man dann seine Schulden bezahlen kann.

Es lebt sich da unten ganz anders als in den vielen Schön-Wetter-Romanen, die deutsche Buchpreise bekommen. Wer das prekäre Leben in den mies bezahlten Höllen unserer Gesellschaft kennengelernt hat, weiß, wie sich das anfühlt, wenn das Konto leer ist und sich im Briefkasten die Mahnungen häufen.

Wenn sich die Jugendämter melden und grimmige Amtswalter einen behandeln, als hätte man ihnen persönlich einen Tort angetan, weil man mit dem sauer verdienten Geld nicht über die Runden kommt.

So gesehen: Wieder ein Roman zur richtigen Zeit. Mitten hinein in das regierende Rotzlöffeltum, dem die Malocher ganz unten in der von „Billig, billig“ besessenen Kultur völlig egal sind. Sind ja eh alle faul und arbeiten nicht genug.

Vom Regen in die Traufe

Die Gefühle gibt es bei Mülensiefen quasi dazu. Auch wenn er nur mit einer robusten Sprache Sandras Probleme schildert, all die Sorgen, die immer mitfahren und in ihrem Kopf explodieren, als sie erfährt, dass die letzte Fracht einfach weggegeben wurde. So etwas macht etwas mit einem. Denn so spürt man, was die anderen von einem halten. Und es bricht oft genug aus ihr heraus, macht die Gespräche mit ihrer Tochter ruppig und heftig. Auch wenn man ununterbrochen merkt, wie es in ihr arbeitet, wie sie sich vor der Stunde fürchtet, in der sie Mia bei der Oma abgeben muss.

Und dann? Dass da eigentlich nichts weiter ist, keine Aussicht, kein sinnvoller Plan, das merkt sie spätestens, als sie sich auf den Deal mit Dirk einlässt und erlebt, dass sie damit erst recht vom Regen in die Traufe kommt. Und Müllensiefen thematisiert dabei auch gleich all jene Vorurteile und Worthülsen, mit denen die Menschen, die nie von den schönen „Erfolgen“ der Republik profitiert haben, auf die Zumutungen reagieren, die sie irgendwie ausfedern müssen. Die Zuwanderung von Menschen aus den ganzen kaputten Ländern da unten zum Beispiel. Oder direkt aus diesem seltsamen Afghanistan, aus dem die Bundeswehr Hals über Kopf abrücken musste, als die Amerikaner 2021 völlig ohne Plan selbst abzogen.

Da war Sven schon lange tot. Und Sandra hatte das Geld, das sie als Entschädigung vom Bund bekam, an den Spielautomaten der Raststätten verzockt, wollte es so schnell wie möglich loswerden. Und hat doch den Alb erst einigermaßen in Griff bekommen, als Dirk ihr half. Eigentlich ein Typ zum Gernhaben, dem man vieles verzeihen kann. Nur weiß Sandra inzwischen, dass sie sich auf Dirks Geschäfte auf keinen Fall einlassen darf.

Wenn Politiker ihre Versprechen nicht halten

Was der Geschichte am Ende richtig Drive gibt, als sie mit Dirks nagelneuem Truck unterwegs ist, zwei „blinde Passagiere“ an Bord, die da eigentlich nicht sein dürften. Und die alle Wunden in der Erinnerung aufreißen. Denn sie sind Flüchtlinge aus Afghanistan, Opfer jenes chaotischen Rückzugs der Bundeswehr 2021, als diese die meisten ihrer einheimischen Helfer einfach zurückließ.

Eine Wunde, die bis heute nicht geheilt ist, weil wir mal wieder Politiker haben, die das Versprechen aus der Vergangenheit ignorierten, die Helden der Bundeswehr nach Deutschland zu holen. So hängen sie fest – überwiegend auf der ganzen Fluchtroute über Pakistan und Iran.

Und Dirk wittert ein Geschäft. Und bewirkt damit letztlich etwas, was die ganze Zeit schon in Sandras Kopf rumorte: Am Ende trifft sie eine Entscheidung. Tut genau das, was sie so lange verdrängt hat, nicht wahrhaben wollte. Wer in solchen Mühlen steckt, weiß, wie sich das anfühlt, wenn man auf das ganze schöne Truggebilde verzichten muss, das eben noch das ganze Leben war. Und sich trauen muss, radikale Entscheidungen zu treffen.

Auch der Kinder wegen, die einen nun einmal herausfordern. Und mit einigem Recht Wünsche haben, die man nicht immer nur ignorieren kann. Und so reißt dieser On-the-Road-Roman seine Leserinnen und Leser mit sich. Aufgeladen mit den ganzen heftigen Gefühlen der Heldin, die eigentlich gelernt zu haben glaubte, dass man sich einfach nur durchbeißen muss, nicht stillstehen darf, sondern sich um die nächsten Aufträge kümmern muss, egal, wie mies die Verträge inzwischen geworden sind.

Die Gesetze der Autobahn

Viele werden sich wiedererkennen in dieser Getriebenen, weil sie diese Nöte kennen, die Sorgen um das Geld auf dem Konto und die Angst vor dem nächsten Mahnbrief. Die ganze Unbarmherzigkeit einer Gesellschaft, die ihre Macht über die armen Schweine ganz unten lustvoll auskostet.

Und auch wenn sich das Frachtgeschäft auf den Autobahnen inzwischen deutlich verändert hat, nimmt Müllensiefen seine Leser hier mit in eine Welt, die nicht verschwunden ist. Sie verändert sich nur, findet immer neue entwurzelte Seelen, die für das Big Business auf der Straße sind und wissen, dass ein einziger geplatzter Auftrag genügt, um das ganze labile Lebensmodell zum Einsturz zu bringen.

Und trotzdem ist da eine tief verwurzelte Güte, die die Geschichte ganz anders ausgehen lässt, als man es erwartet, als Mia die Passagiere im Frachraum entdeckt. Eine Güte, die in unserer heutigen Politik regelrecht unter die Räder gekommen zu sein scheint. Auch weil die Emporgekommenen überall den Eindruck erwecken, die „faulen“ Malocher ganz unten wären zu mitmenschlichen Gefühlen nicht mehr fähig.

Das Gegenteil ist der Fall. Und Müllensiefen zeigt es mit einem trockenen Verständnis für die ganz und gar nicht gezähmte Art, wie Sandra mit ihrem Kind umgeht. Und eigentlich mit sich selbst und den mahnenden Worten ihres Vaters im Kopf, die am Ende eben doch nicht weiterhelfen, wenn die Gesetze der Autobahn keinen Ausweg mehr lassen.

Domenico Müllensiefen „Manchmal muss man sich entscheiden“, Kanon Verlag, Berlin 2026, 22 Euro.

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