„Fraktal“ nennt sich die wissenschaftliche Publikationsreihe der musikwissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig im Wiener Verlag Hollitzer. Hier geht es vor allem um Instrumentenkunde, um die Geschichte von Musikinstrumenten und Sammlungsbeständen. Im nunmehr vierten Band der Reihe schildern die beiden Leipziger Musikwissenschaftler Josef Focht und Heike Fischer aber etwas, was dem Besucher der Ausstellung im Musikinstrumentenmuseum so überhaupt nicht ins Auge fällt: wie katastrophal es eigentlich um die Dokumentation der Sammlungsbestände bestellt ist. Und das hat eine Menge mit der DDR-Zeit zu tun.

Im Grunde ist das ganze Buch ein einziger Aufruf, endlich ein richtig umfassendes Projekt zur Provenienzforschung am Musikinstrumentenmuseum der Universität Leipzig aufzulegen. Ein Begriff, den man vor allem aus dem Umgang mit den Sammlungsstücken in deutschen Museen kennt, die in der NS-Zeit in die Bestände kamen und oft genug aus dem Besitz vertriebener oder getöteter jüdischer Bürger stammten.

Aber beim ersten Durcharbeiten der Sammlungsbestände kamen Josef Focht, Professor für Instrumentalkunde/Organologie an der Uni Leipzig, und die Musikwissenschaftlerin Heike Fricke zu dem ziemlich erschütternden Ergebnis, dass gerade die Sammlungsarchivierung in der DDR-Zeit riesige Lücken aufweist. Und das hat nichts mit Schlamperei zu tun, aber viel mit Vertuschung.

Denn schon früh etablierte sich im SED-Staat etwas, was man so in westlichen Staaten nicht kannte: Museumssammlungen wurden nicht als zu bewahrende Schätze der Nation betrachtet, sondern als zu verwertendes Kapital. Als Wertanlage, mit der man im Verkauf in den Westen wichtige Devisen ins Land holen konnte.

Kulturgut als Devisenbringer

Ein ganzes Kapitel in diesem Buch beschäftigt sich mit dieser Praxis, die sogar ein sowjetisches Vorbild hatte: die von Lenin und Stalin installierte Verkaufspraxis russischer Sammlungsbestände in den 1920er und 1930er Jahren, mit der sich das devisenklamme Sowjetreich dringend benötigte Dollar besorgte. Und die verkauften Mengen bemaßen sich nicht nach Kilogramm, sondern nach vierstelligen Tonnenangaben.

Für westliche Käufer – insbesondere große Museen in den USA – war das ein Glücksfall: Ohne diesen Massenverkauf von Kunstschätzen aus dem Sowjetreich hätten sie niemals ihre hochkarätigen Sammlungen zusammenbekommen.

Es ist ein fast vergessenes Kapitel in der Geschichte.

Aber in der DDR wurde es ganz ähnlich praktiziert. Kurz nach der deutschen Wiedervereinigung schlug es sogar große Wellen. Der Bundestag setzte extra einen Untersuchungsausschuss ein, der sich mit den Praktiken des Bereichs Kommerzielle Koordinierung (BKK) beschäftigte, der offiziell zwar im Außenhandelsministerium angesiedelt war, aber tatsächlich von der Stasi kontrolliert wurde. Der Untersuchungsausschuss konnte Vieles natürlich nur skizzenhaft erfassen, auch wenn selbst die damaligen Ergebnisse beklemmend waren.

Die Lücken in der Erfassung

Focht und Fricke aber zeigen in ihrem Buch, dass diese Praxis des Ausverkaufs wertvoller Kulturgüter schon in den 1950er Jahren begann, im Lauf der Zeit verfeinert und auf ihre Weise professionalisiert wurde. Was mit der Erfassung sämtlicher Museumsbestände in einem Museumsfonds begann und auch bei der Registrierung interessanter privater Sammlungen nicht endete. Letztere wurden oft auf erpresserische Weise enteignet.

Aber wie war das mit den Beständen des Musikinstrumentenmuseums selbst, das ja im Eingangsbuch auch den Zugang mehrerer Privatsammlungen in der DDR-Zeit verzeichnete? Kamen diese denn nicht rechtmäßig ins Haus?

Da zweifeln Focht und Fricke. Wohl berechtigt. Denn die Inventarlisten aus dieser Zeit weisen erstaunliche Lücken auf. Viele Sammlungsstücke wurden nicht einmal inventarisiert. Und das untermauert den Verdacht, dass sie auch nicht im Haus bleiben sollten, sondern der KoKo zur Verfügung standen, um sie bei Gelegenheit gegen Devisen in den Westen zu verkaufen.

Aber das Erschrecken der beiden war noch größer. Um das deutlich zu machen, gehen sie bis in die Vor-Gründungszeit des Museums zurück, zu Leipzigs berühmtestem Musikinstrumentensammler Paul de Wit, der zeitweilig mit seiner Sammlung auch schon ein – privates – Museum im Bosehaus (wo sich heute das Bach-Museum befindet) betrieben hat und der lange Zeit mit dem Rat der Stadt verhandelte, ob die Stadt die Sammlung nicht übernehmen wollte.

Doch die Ratsherren wollten nicht, jedenfalls nicht so, wie sich das Paul de Wit vorgestellt hatte. Mit dem erst einmal fatalen Ergebnis, dass Paul de Wit seine Leipziger Sammlung an den Kölner Sammler Wilhelm Heyer verkaufte, der in Köln sein eigenes – ebenfalls privates – Musikinstrumentenmuseum eröffnete. Dort begann auch etwas, was in der damaligen Museumslandschaft noch neu war: die wissenschaftliche Erforschung der Sammlungsbestände.

Verwertung statt Erforschung

Doch auch die Stadt Köln konnte sich nicht entschließen, das Heyersche Museum zu übernehmen. Was dann die erneute Chance für Leipzig war. Jetzt war es aber die Universität, die die Gelegenheit nutzte und die Heyersche Sammlung nach Leipzig holte, wo sie dann ab 1928 auch im neuen Grassi-Museumskomplex ausgestellt wurde. Bis zum Zweiten Weltkrieg, als die meisten Bestände ausgelagert werden mussten. Was im Grassi zurückblieb, wurde dann mit der Zerstörung des Nordflügels ein Raub der Flammen.

Wahrscheinlich kam auch in den Außenlagern einiges abhanden. Aber das waren eher kleine Verluste verglichen mit dem, was dann in der DDR-Zeit zur Hauspolitik wurde. Was auch wieder mit der Entkernung der Musikwissenschaft an der Uni Leipzig (der damaligen Karl-Marx-Universität) zu tun hatte und mit der Installation von zunehmend parteihörigen Museumsleitern, die ziemlich wenig Sinn hatten für den Wert einer aus ihrer Sicht feudalen bis bürgerlichen Sammlung.

Entsprechend verlor das Musikinstrumentenmuseum viel von seinem Profil. Forschung – etwa zur Instrumentengeschichte – fand kaum noch statt. Dafür wurde ganz offensichtlich der reiche Fundus immer mehr zur Verfügungsmasse der KoKo.

Wie heftig dieser Zugriff war, war bislang auch nicht wirklich klar. Denn die „entsammelten“ Instrumente, die dem Fundus entnommen wurden, wurden natürlich nicht ordentlich registriert. Die Deutschen sind zwar berühmt für ihre penible Bürokratie. Aber wenn Institutionen wie die Koko ihr Handeln verschleiern wollten, verwandelten sich Museumsregister rasant in löcherige Gebilde, denen nicht mehr zu entnehmen war, was wirklich im Bestand war und was nicht. Und selbst die Herkunft der verzeichneten Sammlungsstücke wurde eher verschleiert als transparent gemacht.

Kultur im Verkauf

Wer bislang glaubte, Museen müssten doch bis zum letzten Sammlungsstück genau wissen, wo es ist und wie es ins Haus kam, wird mit diesem Buch eines Besseren belehrt und bekommt so eine Ahnung, welche Sisyphus-Arbeit da auf jene Forscher wartet, die sich tatsächlich einmal mit der gründlichen Erfassung der Sammlungsstücke und der Erkundung ihrer Herkunft beschäftigen wollen.

Josef Focht und Heike Fricke müssen es gar nicht erst betonen: Wenn man die Provenienz eines Sammelgutes nicht kennt, ist es für die wissenschaftliche Arbeit geradezu wertlos. Ganz zu schweigen davon, dass hinter der Erwerbsgeschichte oft undurchschaubare Vorgänge stecken, bei denen einige Vorbesitzer regelrecht enteignet wurden. Über einige Methoden, mit denen das in der DDR bewerkstelligt wurde, wird im Buch berichtet.

Aber auch als kulturinteressierter Mensch wird man desillusioniert. Denn offiziell verkaufte sich auch die DDR als Kulturland, wurden die reichen Sammlungen in den Museen als wertvolles Volkseigentum beworben. Dass gleichzeitig die Bestände geplündert wurden, um dem Land die dringend benötigten Devisen zu beschaffen, war natürlich kein Thema. Außer in westlichen Medien, die das Treiben der DDR-Kulturverkäufer mit durchaus kritischem Auge begleiteten.

Josef Focht und Heike Fricke skizzieren zumindest, welcher Forschungsaufwand betrieben werden muss, um den tausenden Sammlungsstücken im Musikinstrumentenmuseum eine belastbare Provenienzgeschichte (zurück-)zugeben, die Herkunft diverser Sammlungen zu klären, die in der DDR-Zeit ins Haus kamen, aber auch, um dem Verschwinden wertvoller Stücke aus der Gründungszeit auf die Spur zu kommen.

Denn die Überschau über die Bestände zeigt eben auch, dass von der ursprünglichen Sammlung de Wit/Heyer nur noch die Hälfte im Fundus ist. Wohin sind die Instrumente verschwunden? Dokumente und Veröffentlichungen aus den 1920er Jahren lassen zumindest ahnen, um welche wertvollen Musikinstrumente es sich handelte.

Zeit für die Provenienzforschung

Am Ende wird deutlicher, wie die Funktionäre der SED tatsächlich auf die musealen Sammlungen im Land schauten, die sie in einem (verwertbaren) Museumsfonds zusammengefasst hatten: Was in den Sammlungen lag, waren aus ihrer Sicht Konsumtionsmittel, die man mit Planzahlen belegen und dann zur „Verwertung“ aus den Beständen löschen konnte. Und wäre das alles nach seriöser bürokratischer Art in den Bestandslisten erfasst worden, hätte man heute tatsächlich einen Überblick.

Doch diesen Überblick gibt es nicht. Und in einer kleinen Überschau zeigen Focht und Fricke, wie misstrauisch man selbst den in der DDR-Zeit ins Haus gekommenen Sammlungsbeständen gegenüber sein muss.

Es ist also eine Riesenaufgabe, die hier – mit eigentlich zur Verfügung stehenden Mitteln zur Provenienzforschung – geleistet werden muss. Endlich geleistet werden muss, lautet das Fazit des Buches. Es geht dabei auch um gerechte Lösungen für all jene, die – oft unter Zwang – ihre Sammlung an das Museum abgeben mussten.

„Schwer lastet das Erbe der NS-Zeit und der DDR auf vielen Museen und Sammlungen des 20. Jahrhunderts, weil jeweils staatliche Maßnahmen des Unrechts unübersehbare Konfliktfelder geschaffen haben, die wir heute verantwortungsbewusst zu reflektieren und aufzuarbeiten haben, und für die wir faire und gerechte Lösungen suchen müssen“, schreiben Focht und Fricke.

Und gehen sogar noch weiter: Es gehe um die „verlorene wissenschaftliche Reputation“ des Musikinstrumentenmuseums, die nur zurückzugewinnen sei, wenn es eine entschiedene Kurskorrektur gibt. Und das heißt nun einmal: Die Herkunft aller im Bestand befindlichen Stücke endlich möglichst lückenlos aufzuklären.

Aber eben auch zu klären, was mit Instrumenten passiert ist, die noch zur Mitte des Jahrhunderts zum Sammlungsbestand des Museums gehört hatten. Man ahnt, was für ein Berg an Arbeit auf die Forscher wartet. Eine Arbeit, die unerlässlich ist, wenn man die Bestände tatsächlich in Gänze für die Forschung erschließen will.

Josef Focht, Heike Fricke „Die DDR als Sammlerin. Ethik und Konzept im Musikinstrumentenmuseum“ Hollitzer Wissenschaftsverlag, Wien 2025, 30 Euro.

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