Puzzle-Teil um Puzzle-Teil, Buch um Buch hat der Leipziger Historiker Sascha Lange die Geschichte der Leipziger Meuten in den letzten Jahren ans Licht geholt. Gerade noch rechtzeitig, um auch noch mit hochbetagten einstigen Mitgliedern der Meuten sprechen zu können. Durch seine Forschung hat er erst sichtbar gemacht, wie präsent die Leipziger Meuten in den späten 1930er Jahren in mehreren Leipziger Stadtteilen waren. Und wie rabiat sie von der Leipziger Gestapo verfolgt wurden.
Das Problem, dem Sascha Lange dabei begegnete, ist nicht so sehr das Verschweigen der Meuten in der Nachkriegszeit, als sich die SED-Erinnerungskultur ganz auf den kommunistischen Widerstand im NS-Reich konzentrierte.
Vielmehr fehlen wichtige Akten, die zum Teil Kriegsverluste der 1940er Jahre waren, teils aber zum Kriegsende auch von der Gestapo noch eiligst vernichtet wurden. Niemand kann sagen, dass diese Leute nicht wussten, dass sie Verbrechen begingen. Sie wussten es ganz genau.
Aber diese Lücken in der Aktenlage machen es natürlich schwierig, das Bild zu vervollständigen. Es bleibt lückenhaft. An vielen Stellen kann Sascha Lange nur Vermutungen anstellen – etwa über das Ausmaß der Bestrafungen für die verhafteten Jugendlichen oder die Absichten der diversen NS-Organisationen, die in Aktion traten, um die Meuten zu kriminalisieren und aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen.
Die „Meuten“ der 1940er Jahre
Aber deutlich wird, dass es auch im NS-Reich ein Leben im Protest gegen die offizielle Gleichschaltung gab. Und zwar bis zum Schluss. Darauf kommt Sascha Lange nach der ausführlichen Beschäftigung mit den Meuten zu sprechen, wenn er von den „Broadway-Gangstern“ schreibt, den „New Kids“ am Hundstart oder der „Bündischen Jugend“ in Connewitz.
Die Jugendlichen der frühen 1940er Jahre mieden zwar aus guten Gründen den öffentlichen Raum und verlegten ihre Treffen in Gaststätten, Gartenanlagen und Privatwohnungen. Aber sie lebten ihren Wunsch, sich von Hitlerjugend & Co. nicht gleichschalten zu lassen, trotzdem aus.
Mit amerikanischer Jazz- und Swing-Musik, von den NS-Organisationen misstrauisch beäugt, aber nicht mehr so drakonisch verfolgt wie die Leipziger Meuten im Jahr 1938.
Der Grund ist simpel. Er hieß Krieg. Der Krieg verschaffte nicht nur der Gestapo andere Aufgaben, er zog auch die Hitlerjugend-Führer ab, die mit Begeisterung in die Schlacht zogen und dort verheizt wurden.
Und auch den jungen Leuten, die sich 1940/1941 noch in Gaststätten wie dem „Naumannsbräu“ in der Innenstadt oder im „Café Canitz“ am Münzplatz trafen, blieb der Kriegsdienst nicht erspart. Viele wurden zuletzt noch als Flakhelfer eingezogen, sollten an der „Heimatfront“ retten, was an den Fronten im Osten und Westen längst verloren war.
Feindbild HJ
Aber Sascha Lange verdichtet mit diesem Buch auch das Bild der Meuten, die in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre in Leipzig aktiv waren und sich nach den Treffpunkten benannten, an denen sie in ihrer Freizeit zusammenkamen. Fast alles Jungen, betont Lange.
Und geht kurz auch auf die Rollenverteilung der Geschlechter im NS-Reich ein, die aufs Engste verknüpft war mit den Arbeits- und Lebensbedingungen der jungen Leute. Denn viele waren in der Lehre oder in ihrer ersten Arbeit, lebten aber noch in der Wohnung ihrer Eltern. Gerade für Jungen blieb da eigentlich nur noch der öffentliche Raum, um sich mit Gleichgesinnten zu treffen.
Erst recht, wenn sie sich dem Drill und der Schikane in der Hitlerjugend entziehen wollten. Und der Protest der Meuten richtete sich vorrangig gegen den doktrinären Jugendverband der Nazis. Während die HJ gleichzeitig Streifen losschickte, um öffentlich zu kontrollieren, ob die jungen Leute in Leipzig auch ihrem HJ-Dienst nachgingen, der anfangs noch gar nicht Pflicht war. Aber gerade als er per Gesetz zur Pflicht gemacht wurde, sorgte das erst recht für Frust und Vermeidung.
Während in Leipzig in den letzten Jahren vor allem Meuten wie Hundestart (Kleinzschocher), Reeperbahn (Georg-Schwarz-Straße) oder Lille (Lilienstraße in Reudnitz) Thema auch in der Ratsversammlung und der Ehrung durch ein „Meuten Memorial“ auf dem Lindenauer Markt wurden, liefen andere, oft genauso aktive Meuten meist unter dem Radar. Was auch wieder mit der Überlieferung zu tun hat.
Der Mut zum Protest
Und so zeichnet Sascha Lange in diesem Buch ein relativ vollständiges Bild der Meuten-Landschaft in Leipzig und widmet auch Meuten aus Schönefeld, Paunsdorf, Stötteritz und Connewitz entsprechende Kapitel, rekonstruiert – so weit das möglich ist – die Stärke der Jugendgruppen, die sich an namhaften Plätzen in ihrem Viertel trafen, gemeinsame Ausflüge ins Umland – etwa zu den Lübschützer Teichen – organisierten, sogar Fahrten bis nach Bayern.
Aber er zeigt auch ihre Tracht, mit der sie ihre Gesinnung auch im öffentlichen Raum sichtbar machten.
Wozu auch damals viel Mut gehörte – aber auch sehr viel jugendlicher Wagemut. Denn die Verfolger von der Gestapo kannten die jungen Leute ja. Und die Streifen der Hitlerjugend waren allgegenwärtig. Und trotzdem war es, wie Sascha Lange feststellt, zeitweise tatsächlich möglich, dass junge Leute vor allem aus dem Arbeitermilieu derart auffällig im öffentlichen Raum zeigen konnten, dass sie sich nicht im Reichsjugendverband gleichschalten lassen wollten.
Einige dieser Meuten – wie etwa die Meute Hundestart aus Kleinzschocher – lassen sich recht eindeutig auch in einem eher linken Milieu verorten.
Was nicht ganz unwichtig ist zu betonen, da die deutsche Geschichtsschreibung in der Vergangenheit vor allem die sogenannten Edelweißpiraten aus dem Ruhrpott thematisiert hat, die aus einer eher bürgerlich geprägten Tradition kamen. Zwar deutet die Markierung der Leipziger Meuten als „Bündische Jugend“ durch die Gestapo auf einen ähnlichen Ursprung hin.
Aber Lange zeigt jetzt akribisch, dass das eher eine Zuschreibung der Verfolger war, während die meisten Meuten in Leipzig eher aus der Tradition der linken Jugendverbände kamen.
Der Geist der Leipziger Arbeiterquartiere
Einige Meuten-Mitglieder waren vor 1933 tatsächlich in den Jugendverbänden von SPD und KPD gewesen. Aber ganz so direkt waren die Entwicklungen dann doch nicht. Denn gerade in den ersten Jahren nach 1933 haben die NS-Institutionen sämtliche linken Strukturen in Leipzig gründlich zerschlagen.
Die jungen Leute, die sich da ab 1935 zusammenfanden, stammten aber zum größten Teil aus einer proletarisch geprägten Welt, in der es bis 1933 selbstverständlich war, linke Parteien zu wählen. Das hat sich ganz bestimmt auch über die Familien tradiert. Und noch bei den Reichstagswahlen im März 1933 hatten SPD und KPD in Leipzig zusammen die Mehrheit der Stimmen geholt.
Das lebte gerade in den als „rot“ bezeichneten Stadtvierteln weiter und wurde ganz gewiss auch an die Kinder weitergegeben. Auch wenn 1938 von einem organisierten Widerstand keine Rede sein konnte.
Aber die Frage stand ja auch immer über der Diskussion um die „Edelweißpiraten“: Ist das auch Widerstand, wenn Jugendliche einfach mit Einheitstracht und gemeinsamen Unternehmungen abseits der HJ zeigten, dass sie keinen Bock auf die herrschende Ideologie hatten?
Eine nicht unwichtige Frage, die auch Sascha Lange anreißt. Denn hier geht es um die Spielräume, die (junge) Menschen in einer Diktatur noch finden oder sich nehmen. Und wie ein Regime wie das der Nazis auch nur auf die kleinste Abweichung vom uniformierten Drill reagierte.
Die Zeitzeugeninterviews, die Sascha Lange mit einstigen Meutenmitgliedern noch führen konnte, erzählen von diesem ganz bewussten Willen, sich der Bevormundung zu entziehen, und in Kluft und Auftreten zu zeigen, dass es auch andere Möglichkeiten gibt, zu leben.
Deutschlandweit einzigartig
Lange kann aber auch zeigen, dass das Ausmaß der Meuten-Bewegung in Leipzig deutschlandweit einzigartig war – auch in seiner Dimension, die zeitweilig einige tausend Jugendliche umfasste. Und das hat natürlich auch mit dem „Roten Leipzig“ zu tun, dem starken proletarischen Milieu und den gelebten linken Traditionen, gerade in den Leipziger Arbeiterquartieren von Lindenau bis Reudnitz.
Fast eine Ausnahme ist da die Meute „Arndtstraße“, die mitten in einem bürgerlichen Quartier entstand. Aber auch diese Meute knüpfte Kontakte zu anderen Meuten wie der Meute „Reeperbahn“.
Wobei die Gestapo-Akten auch davon erzählen, wie sich die Häscher vor allem auf die größeren und bekannteren Meuten fokussierten und manche Meuten eher unter dem Radar blieben. Doch das Schicksal der jungen Männer, die dann von der Gestapo verhaftet wurden, erzählt einmal mehr von der Gnadenlosigkeit der NS-Justiz. Die Anklagen waren zumeist ohnehin konstruiert – auch das untersucht Sascha Lange.
Aber wer dann vor Gericht landete – damals dem zuständigen Sondergericht Freiberg –, kassierte in der Regel deftige Gefängnisstrafen. Und viele Meutenmitglieder landeten nach Verbüßung ihrer Haft in der Regel gleich in der Wehrmacht bzw. dem Strafbataillon, in dem die jungen Männer verheizt wurden, die zuvor durch Widerstand gegen das NS-Regime aufgefallen waren.
Raus aus dem Vergessen
Am Ende resümiert Lange auch noch die Forschungsgeschichte zu den Leipziger Meuten, die in der DDR-Geschichtsschreibung praktisch keine Rolle spielten, auch wenn es ab 1977 erste Veröffentlichungen zu ihnen gab – auch wenn sie damals noch dem kommunistischen Widerstand einfach subsumiert wurden.
Wo sie aber nicht hingehören. Tatsächlich waren es erst Sascha Langes Veröffentlichungen und der Jugendroman von Johanes Herwig „Bis die Sterne zittern“ (2017), die das Thema auch in Leipzig endlich populär machten und eine Jugendbewegung sichtbar machten, die man so im gleichgeschalteten NS-Reich nicht vermutet hätte.
Eine Bewegung, die in die üblichen Widerstands-Erzählungen nicht zu passen scheint. Die aber von etwas erzählt, was autoritäre Regime immer fürchten: dass die jungen Menschen sich von Propaganda und Gleichschaltung nicht einhegen lassen wollen.
Und auch andere Vorstellungen vom Leben und dem Umgang miteinander leben wollen – gerade in jenen Meuten, die von eher linken Aktiven geprägt waren und wo auch Mädchen dabei waren, die sich dem BDM und dem „Hausfrauen“-Bild der Nazis entziehen wollten.
Dass für viele Mitglieder der Meuten ihr Aufbegehren tragisch endete, gehört zur Geschichte dazu. Genauso wie der Umgang der DDR-Funktionäre mit den – überlebenden – Männern, die ja durchaus einen Anspruch darauf hatten, als Verfolgte des NS-Regimes anerkannt zu werden.
Nur dummerweise wurde das – wieder einmal – von der „richtigen Haltung“ und Parteizugehörigkeit abhängig gemacht. Was natürlich auch ein Stück weit erklärt, warum der Widerstand der Meuten in DDR-Zeiten eher unter die Decke gekehrt wurde.
Sascha Lange Geschichte der Leipziger Meuten Ventil Verlag, Mainz 2026, 22 Euro
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