Wenn einer wie Bertram Reinecke Prosa schreibt, dann werden das ganz bestimmt keine braven Mädchen- oder Knabengeschichten, auch keine Thriller. Auch wenn es darin zuweilen gespenstisch bzw. märchenhaft zugehen kann. Aber wer beim Vorlesen der Märchen der Brüder Grimm genau zugehört hat, weiß, dass es darin immer wieder auch beklemmend zugeht. So, wie das Leben manchmal ist. Auch das eines Burschen mit Säbel, der das Dornengesträuch am Prinzessinnenschloss durchhauen will.
Bekanntlich hat es bei den Grimms ein etwas verspäteter Prinz nach 100 Jahren geschafft. Aber was war mit den anderen Prinzen, die es versucht haben? Bei der Stelle im Märchen hören zartbesaitete Kinder ja am liebsten weg.
Da geht es nämlich so: „Es ging aber die Sage in dem Land von dem schönen schlafenden Dornröschen, denn so ward die Königstochter genannt, also dass von Zeit zu Zeit Königssöhne kamen und durch die Hecke in das Schloss dringen wollten. Es war ihnen aber nicht möglich, denn die Dornen, als hätten sie Hände, hielten fest zusammen, und die Jünglinge blieben darin hängen, konnten sich nicht wieder losmachen und starben eines jämmerlichen Todes.“
Und noch sensiblere Kinder bekommen die Vorstellung, die da im Kopf entsteht, einfach nicht mehr weg. Für sie beginnen hier erst die heillosen Geschichten. Solche, wie sie Bertram Reinecke in einem titelgebenden Text aufgeschrieben hat. Eigentlich ist es eine Doppelt- und Dreifachgeschichte, denn nach Tagen im Dornengesträuch weiß der Held in dieser Geschichte schon gar nicht mehr, wie er da eigentlich hineingeraten ist.
Schon gar nicht, warum er nicht wieder hinausgefunden hat. Und ob er nun ein richtiger Königssohn war oder nur der Sohn einer armen Mutter, die jetzt vergeblich auf die Heimkehr des Jungen warten wird, kann er auch nicht mehr so recht sagen.
Aber Reinecke gibt ihm eine Stimme und damit eigentlich stellvertretend allen Königssöhnen, die beim Versuch, die Dornenhecke zu durchqueren, gescheitert sind. Irgendwo da drinnen in den Dornen verloren. Vergessen. Ein verdammt hoher Preis für eine verwunschene Prinzessin, denn die gescheiterten Befreier waren ja nicht schuld am Fluch. Aber irgendwie ist so ja die Welt: Später wird nur noch von dem erzählt, der sich bis zur schlafenden Prinzessin durchgeschlagen hat. Und alle, die vor ihm waren, sind vergessen.
Was wäre, wenn …
„Kommentare und Dokumente“ hat der Leipziger Autor sein Büchlein untertitelt. Und damit wieder einmal ein augenzwinkerndes Understatement abgeliefert. Denn was er erzählt, sind ja eher Geschichten, auch wenn sie – wie in „Zu Friedrich“ und „Der sogenannte Agnetendorfer Kommentar“ – als Briefe daherkommen. Aber selbst Briefe werden im Kopf von literaturerfahrenen Menschen zu Geschichten.
Denn was wäre, wenn … der längst berühmte und mit Goethe verglichene Gerhart Hauptmann dem nicht ganz so berühmten Rainer Maria Rilke damals einen ausführlichen Brief geschrieben hätte, in dem der Patriarch wohlwollend kritisch und genüsslich dem Jüngeren erklärt hätte, was alles an seinem zugesandten Gedicht-Fragment noch verbesserungswürdig wäre.
Oder nimmt hier Bertram Reinecke ein Rilke-Gedicht lustvoll auseinander? Wer spricht hier wirklich und sieht in Rilkes 1904 erschienener Erzählung „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ vor allem die Darstellung der „Misere beim Kommis“, die Rilke da eingefangen habe? Während der vermeintliche Gerhart Hauptmann Rilkes „Malte Lauritzs Brigge“ nur vom Hörensagen zu kennen scheint, sich aber ausführlich auch über den „Brügge“ auslässt. Was wäre tatsächlich passiert, hätte Hauptmann an Rilke so einen Brief geschrieben? Vorstellbar ist das schon.
Selbstgerechte Kritiker
Genauso wie die selige Borniertheit des Briefeschreibers aus „Zu Friedrich“, der sich zwar andient, seinem Briefpartner Wilhelmi, wenn der das wünscht, auch neuere Gemälde eines gewissen Caspar David Friedrich zukommen zu lassen. Aber sein Brief ist eine einzige Generalkritik an den Arbeiten des Dresdner Malers, in denen ihn vor allem der dramatisch festgehaltene Eindruck einer wilden Naturszenerie besonders stört. Keine 50 Jahre gibt er diesem Friedrich, dann wären er und seine (hingeschluderten) Bilder vergessen.
Und man denkt zugleich an so viele in ihren alten, verkarsteten Vorstellungen von Kunst und Literatur festhängende Zeitgenossen, die keine Gelegenheit versäumen, ihre Verachtung für die Kunst der Gegenwart loszulassen und anderen Leuten ihre Vorstellungen vom einzig Richtigen und Wahren mit ausführlicher Beweisführung aufzudrängen.
Man merkt schon in diesem ersten Text im Buch, dass Reinecke mit einer deftigen Portion Ironie zu Werke geht. Es sind zwar auf den ersten Blick genussvolle Spiele mit literarischen Motiven. Aber wenn man sie auf sich wirken lässt, spürt man: Der Bursche meint es tatsächlich ernst. Und nimmt die literarischen und kunsthistorischen Vorlagen nur zum Anlass, um die Engstirnigkeit so mancher Mitmenschen spüren zu lassen, die mit ihren Vorurteilen versuchen, anderen Leuten das Selber-Sehen auszureden.
Und dazu braucht es in manchen Kreisen ja nur einen tönenden Stil, ein Andeuten und Missfallen, sodass man – im Geiste – das beschriebene Werk gleichsam in die Tonne kloppt, wie das ein bekannter TV-Kritiker öffentlich nur zu gern zelebriert.
Man darf es auch Verachtung für die Arbeit anderer nennen. Verachtung aber auch für das Urteilsvermögen der Leserinnen und Kunstbetrachter. Man sieht ja wohl nur, was der berühmte Kritiker hineinterpreteriert hat, nicht wahr?
Zynische Bestattungs-Manager
Und gänzlich zynisch wird Bertram Reinecke, wenn er in „Sterbekrise – Ein Sitzungsprotokoll“ ein paar Inhaber von Bestattungsinstituten darüber referieren lässt, wie man das Geschäft mit dem Tod noch lukrativer und profitabler gestalten kann.
Und zwar mit kaschiertem Effizienz-Sprech der modernen Produktvermarktung, in der die Kunden zur „Zielgruppe“ gemacht und mit Zumutungen beglückt werden, hinter denen es kein Mitgefühl mehr gibt, nur noch auf Effizienz getrimmte Raffgier, die sich den trauernden Menschen dann als sorgender Service verkauft.
Gerade weil das Bestattungswesen dafür eigentlich recht ungeeignet ist, wird deutlicher, wie selbstverständlich andere Branchen auf diese Weise längst ihre Geschäfte „optimieren“ und die Abzocke dann als menschenfreundliche Wohltat verkaufen.
Natürlich ist das ein geleaktes und anonymes Abhörprotokoll. Wie kann es anders sein? Aber es steckt eben – unausgesprochen – der stille Frust eines Autors darin, der längst zu viele dieser getunten Service-Leistungen erlebt hat, die sich dem Kunden am Ende als fette Rechnung präsentieren, während die ganze Zeit das Gefühl da ist, dass man unter Nepper, Schlepper und Bauernfänger geraten ist.
Und dass man ihnen irgendwie nicht mehr entkommen kann, weil sie auch noch das Allerletzte zu einem Geschäft gemacht haben, in dem einem Talmi angedreht wird, obwohl man eigentlich nur einen menschlichen Abschied haben wollte.
Bertram Reinecke „Dornengesichte“ Engeler Verlage, Schupfart 2026, 14 Euro.
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