Für Leipziger wird eine Geschichte in diesem Büchlein besonders ins Auge fallen. „Güstrow“ heißt sie, handelt aber nicht in Güstrow, sondern schildert etwas, was einige Teilnehmer der Leipziger Buchmesse erleben. Und was der Rostocker Hochschullehrer und Autor Veit Sprenger so oder so ähnlich vielleicht beim letzten Mal erlebt hat, als er die Leipziger Buchmesse besuchte. Bei Veit Sprenger muss man aufpassen. Seine Phantasie neigt zu Abflügen und Abwegen. Und aus einer kleinen Staugeschichte wird ein verwirrendes Abenteuer mit Pferden im Kofferraum.
Auch wenn das Ausgangsmotiv vielen Messebesuchern vertraut sein dürfte. Denn nicht nur Straßenbahnen und S-Bahnen sind rappelvoll, wenn das Messepublikum am Abend wieder Richtung Innenstadt strebt. Auch an den Ausfahrten der Parkplätze wird es eng. Wer da noch eine Lesung in einer kleinen Location in der City hat, der fährt am besten rechtzeitig los und quatscht sich nicht noch beim Verlassen der Halle fest. Und selbst dann brauchen Fahrer und Beifahrer Geduld. In diesem Fall lenkt der Verleger selbst das Auto, das für gewöhnlich als Transporter für die Pferde des Verlegers dient. Auf dem Beifahrersitz der phantasiebegabte Autor, hinten die Malerin, die die schönen Buchcover verzapft. So weit, so normal. Würde sich die Fahrt Richtung Innenstadt nicht als veritables Staudrama entpuppen.
Man erkennt sein Leipzig nicht gleich wieder. Aber man darf mitfiebern, stöhnen und mit den Füßen trappeln. Und man darf sich wundern , welche Schleifen möglich sind, wenn so ein vom Termin getriebenes Trüppchen in den Blechlawinen feststeckt und sich aus dem Handschuhfach die durstigen Pferde melden.
Und so geht das eigentlich in allen Geschichten, die Veit Sprenger für dieses Büchlein gesammelt hat: Mitten in der Story hebt die Handlung ab, wird skurril, traumhaft, manchmal auch so schräg, dass man sich im Sessel festhalten muss. Oder das zarte Gefühl bekommt, mitten in eine abgedrehte Traumsequenz hineingeraten zu sein.
Kafka lässt grüßen
Im Vorwort sinniert Sprenger noch über die Frage, ob er das Buch nicht einfach „Honks“ hätte betiteln können. Denn etliche seiner Figuren benehmen sich so unglaublich, dass man geneigt ist, ihre Lebensfähigkeit zu bezweifeln. Das geht mit einem chinesischen Revolutionsführer los, der erst einmal ein ganzes Dorf auseinandernehmen lässt, um darin irgendwie so etwas wie den absoluten Geist der Revolution zu finden. Zwar weiß niemand wirklich, was ein Honk ist, aber diese Leute als Typen zu beschreiben, die von ihrer Arbeit keine Ahnung haben und einfach wild drauflos dilettieren, kommt der Sache vielleicht recht nahe. „Man könnte sie als Berufsuntätige beschreiben“, meint Sprenger. Und all die verpeilten Diktatoren des 20. Jahrhunderts gehören wohl dazu.
Es ist ein bezaubernder Gedanke, auch einmal so über Macht und ihren Missbraucht durch Nichtskönner nachzudenken.
Aber die meisten Geschichten in diesem Band spielen eher in unserer Sphäre hier unten, in der Welt der ganz gewöhnlich Berufsuntätigen und Verpeilten. Da geht es in „Geschäft geplatzt“ um einen stinkreichen Zausel, der aber ganz offensichtlich von einem beißenden Gestank begleitet wird. In „Auswüchse“ bekommen es die Angestellten einer Firma, in der ständig irgendwelche brenzligen Konferenzen stattfinden, mit seltsamen Köpfen zu tun, die aus dem Konferenztisch wachsen. In der nächsten Geschichte besucht ein neugieriger Mensch eine „Klinik der gebrochenen Herzen“ in Teheran, in der man sein Herz reparieren lassen kann, wenn es aus Überlastung oder Falschbenutzung kaputtgegangen ist.
Außer Kontrolle
In der Geschichte „In Gesellschaft“ begegnet man einem Wohnungsinhaber, der seine große Wohnung anderen Leuten zum Partymachen überlässt und irgendwie zum Fremdkörper in der eigenen Bude wird. Es sind solche knapp neben die Wirklichkeit platzierten Geschichten, die einen mitnehmen in Welten, die so kafkaesk sind, dass man sich an seine ältesten Versagensängste erinnert. Was passiert, wenn wir die Kontrolle über unser eigenes Leben verlieren? Wie geht es einem Scharfrichter, der seine Aufgaben heimlich erledigen muss und Angst hat, vom Publikum gelyncht zu werden? Und was, wenn das einsam gelegene Hochhaus am Stadtrand etwas ganz anderes ist als nur eine der üblichen traurigen Seniorenresidenzen, sondern die ganzen in den letzten Jahrhunderten aussortierten Götter dort ihren Lebensabend fristen und sehnlichst auf ein paar verirrte Gläubige warten?
Und in der Geschichte, die auch für den Buchtitel herhielt, schlüpft der Erzähler ganz und gar in die Rolle eines Vogels, der dem neugierigen Frager erklärt, wie viel Arbeit es macht, jedes Frühjahr ein ordentliches Vogelkonzert auf die Beine zu stellen. Und welche Partitur jeder einzelne Vogel darin singt, auch wenn die Menschen für diese gelungene Vielstimmigkeit gar keinen Sinn haben. Man trifft sich übrigens zur Konzertabstimmung bei der nächstgelegenen U-Bahn-Station. Und wie es in einem modernen, „verschlankten“ Knast aussehen könnte, das wird am Beispiel des ordnungsliebenden Herrn Siestrup in der Geschichte „Erstes Kapitel“ erzählt.
Und spätestens da wird klar: Das sind alles Geschichten, die eigentlich die Narreteien unserer Gegenwart aufgreifen und so nur ein klein wenig ins Absurde abdriften lassen. In Routinen, die einem erstaunlich bekannt vorkommen, weil sie den Routinen einer Wirklichkeit ähneln, in der eine Menge Leute mit dem Vortäuschen emsiger Betriebsamkeit ihr Geld verdienen und anderen Leuten mit gelebter Arbeitsverweigerung das Leben schwer machen. Es ist eine Welt nur knapp neben unserer.
Die Honks sind unter uns
Aber das ist kein Trost. Die Honks sind unter uns. Jeder ist schon mal einem begegnet und hat dieses Gefühl empfunden, das man erfährt, wenn man mit Leute zu tun bekommt, die wie Gespenster aus der Kulisse auftauchen und einen mit offenherziger Ignoranz klar machen, dass sie ganz und gar nicht vorhaben, irgendetwas von dem zu begreifen, was man von ihnen will. Honks eben.
Aber sie kommen zum Glück nicht in allen Geschichten vor. Und manchmal laufen sie selbst wie Gespenster durch ihre Story und nehmen alle seltsamen Vorgänge hin, als müsste das so sein. Als wären sie geradezu erzogen worden dazu, auch noch die blödsinnigsten Erwartungen zu erfüllen und dabei so zu tun, als wäre das ganz normal.
Da irrt man mit ihnen zwar manchmal durch riesige Wohnungen, öffnet Türen in Räume, in denen komische Dinge passieren. Aber eigentlich sucht man so ganz beiläufig die ganze Zeit nach der versteckten Tür, die einen zurück in die richtige Wirklichkeit führt. So, wie man das in manchen wilden Träumen ja auch macht. Nur gibt es in Sprengers Geschichten diese Tür nicht. So, wie es sie auch in der Wirklichkeit nicht gibt, in der wir leben und in abstrusen Vorgängen oft genug selbst zum Honk gemacht werden. In Schleifen gefangen, aus denen wir nur entkommen, indem wir den Konferenzsaal schleunigst verlassen und uns lieber draußen im Freisitz einen extrastarken Espresso holen, um endlich aufzuwachen aus dem, was irgendwelche Honks einem als Selbstverständlichkeit immer wieder zumuten.
Veit Sprenger „Durch die Gärten, sehr weit links“, Literatur Quickie Verlag, Hamburg 2026, 20 Euro
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