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Wie der Lake Mungo die Australier vor 24.000 Jahren möglicherweise dazu inspirierte, das Boot neu zu erfinden

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    Der Mensch ist ein pfiffiges Wesen. Zumindest einige Menschen sind das. Während die einen sich hinsetzen und warten, bis es mal Manna regnet, fangen die anderen an zu tüfteln, was sie aus ihrer derzeit vielleicht belämmerten Lage machen können. Und weil Menschen da manchmal über riesige Distanzen hinweg auf dieselbe Idee kommen können, gibt es die berühmten Mehrfacherfindungen. Wie die Neuerfindung des Bootes in der australischen Wüste.

    Was nur auf den ersten Blick etwas seltsam aussieht. Aber Australien war nicht immer so von riesigen Trockenflächen dominiert wie heute. Der Kontinent war mal von großen Wäldern bedeckt. Und es gab mittendrin einen gewaltigen See: den See Mungo. Auch wenn es den in seiner ganz großen Ausdehnung nur kurze Zeit gab. Aber lang genug, um den Menschen in der Gegend ein paar Probleme zu machen. Auch Forscher des Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie waren jetzt wieder beteiligt, die Sache ein bisschen zu erhellen. Auch wenn die Boote selbst nicht gefunden wurden. Immerhin geht es um eine Zeitspanne von 25.000 Jahren.

    Nur zur Erinnerung: Damals war es in  Europa noch richtig kalt, die Weichsel-Eiszeit beherrschte den Kontinent. Die Eisgletscher reichten damals bis südlich von Berlin. Aber auch der Riesensee Mungo ist ein Produkt der Eiszeit. Als die Weichsel-Eiszeit zu Ende ging, trocknete er einfach aus.

    Der See Mungo als Mega-See

    Aber der See ist – obwohl er verschwunden ist – geradezu berühmt. Der bereits seit 15.000 Jahren ausgetrocknete Lake Mungo ist das bekannteste Becken in der Willandra-Seenregion, einer UNESCO-Welterbestätte, die sich im semiariden Teil Australiens befindet, berichtet das Max-Planck-Institut zur Geschichte dieses Sees. Seine Uferdüne (“Lünette”) bewahrt Australiens älteste bekannte menschliche Überreste sowie archäologische Spuren, die Veränderungen im Verhalten der Menschen über die vergangenen 50.000 Jahre hinweg dokumentieren. Die in der Lünette abgelagerten Sedimentschichten liefern umfangreiche Belege zu klimatischen Veränderungen in den letzten 100.000 Jahren. Archäologische und sedimentäre Belege gemeinsam geben einzigartige Einblicke in das Zusammenspiel zwischen Menschen und ihrer Umwelt.

    In ihrer Studie präsentieren Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, der La Trobe University und der University of Wollongong Belege für einen bisher unerkannt gebliebenen extrem hohen Füllgrad des Lake Mungo: einen „Mega-See“. Das Ereignis fand vor 24.000 Jahren, kurz vor Einbruch der letzten Hochphase der letzten Eiszeit, statt. Die Weichsel-Eiszeit selbst begann vor 115.000 Jahren und endete vor 11.700 Jahren.

    Die Entwicklung zum Mega-See dauerte beim Lake Mungo nur kurze Zeit an. Bisher nahm man an, dass sich die Seen in dieser Region immer bis zur selben Höhe gefüllt hatten. Diese Annahme basierte aber auf älteren Vermessungsmethoden, denen es an der Präzision mangelte, die heute in Form des Differential Global Positioning System (dGPS, Globales Positionssystem mit Differentialsignal) zur Verfügung steht.

    Und ohne Vor-Ort-Besuch ging’s natürlich auch nicht: Auf ihren Erkundungsgängen fiel den Forschern eine zusätzliche Kiesstrandlinie auf, die sich fünf Meter oberhalb der Hauptuferlinie befindet. Diese Beobachtung konnte durch dGPS-Daten und die Analyse von Strandkies und dem daran angrenzenden Uferdünensand sowohl für das östliche als auch für das westliche Ufer bestätigt werden. Anschließend datierten die Forscher Beginn und Dauer des Ereignisses, indem sie mithilfe der Lumineszenzmethode das Alter von Sedimenten bestimmten, die sie der Mega-See Uferliniendüne entnommen hatten.

    Zur Rekonstruktion des Ereignisses am Computer nutzen sie ein digitales Höhenmodell und berechneten, dass sich das Volumen des Lake Mungo während seiner Zeit als Mega-See um 250 Prozent erhöht hatte. Mithilfe des Höhenmodells entdeckten die Forscher außerdem, dass der Mega-See an zwei Überlaufpunkten mit seinem Nachbarsee verbunden war, wodurch eine Insel entstand.

    Den Forschern zufolge hatte das Ereignis erhebliche Auswirkungen auf das damalige Klima: Ursache dafür, dass sich der See so hoch füllte, waren wahrscheinlich extreme Regenfälle, während sich zeitgleich das Klima kurz vor der letzten Phase der Eiszeit abzukühlen begann.

    „Wir wissen, dass das Klima während der letzten Eiszeit in Australien kühl und trocken war“, sagt Kathryn Fitzsimmons vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. „Unsere Ergebnisse zeigen aber, dass der Übergang in die Eiszeit nicht gleichmäßig von statten ging – klimatische Veränderungen verlaufen also nicht immer auf eine sanfte Art und Weise.“

    Die dGPS-Daten zeigen darüber hinaus, dass die Höhe der Uferlinie des Haupt- und des Mega-Sees entlang der 30 Kilometer Länge des Sees variierte. Der wahrscheinlichste Grund für diese Anomalie ist eine Verwölbung des Seebeckens durch tektonische Aktivitäten in der jüngeren Vergangenheit.

    „Australien wird oft als tektonisch stabiler Kontinent wahrgenommen. Diese Beobachtungen verdeutlichen, dass wir den Einfluss von Spannungen auf die Erdkruste noch besser verstehen lernen müssen“, sagt Fitzsimmons.

    Der Mega-See und die Folgen für die Menschen

    Die Entdeckung am Lake Mungo wird maßgeblich dabei helfen, frühere Klimaveränderungen besser zu verstehen. Darüber hinaus präsentieren die Forscher nun auch noch archäologische Belege dafür, dass die damaligen Menschen wiederholt eine in der Mitte des Mega-Sees entstandene Insel besuchten. Dazu hatten sie möglicherweise innerhalb der kurzen Zeit, die der Mega-See bestand, das Bootsfahren noch einmal erfunden.

    Der Mega-See entstand plötzlich, hielt sich nur relativ kurze Zeit, schränkte aber trotzdem die Mobilität der damals in der Region lebenden Menschen erheblich ein. Doch archäologische Spuren auf der Insel, die von der westlichen und östlichen Seite des Sees her abgeschnitten war, zeigen, dass sich die Menschen schnell an die neuen Bedingungen angepasst haben: Steinwerkzeuge, in Feuerstellen verbrannte Tierknochen und die Beschaffenheit der Feuerstellen selbst zeigen, dass die Menschen die Insel wiederholt – und geplant – aufsuchten, ihre Steinwerkzeuge mit sich über das Wasser hinweg transportierten und die auf der Insel gestrandeten Nahrungsressourcen nutzten.

    Der zwingende Verdacht: Um die Insel zu erreichen, schwammen sie oder nutzten Wasserfahrzeuge. Da es für die Nutzung von Wasserfahrzeugen in Australien zwischen der Kolonialisierung des Kontinents vor mehr als 45.000 Jahren und der Zeit vor etwa 6.000 Jahren keine Belege gibt, liefern die wiederholten Inselbesuche jetzt einen indirekten Beleg dafür, dass die Menschen das Bootsfahren nach einer Pause von wenigstens 20.000 Jahren noch einmal erfunden haben könnten.

    Konjunktiv. Denn Reste von Booten hat man natürlich nicht gefunden. Vielleicht waren es auch Flöße oder sogar Schilffahrzeuge, von denen Thor Heyerdahl einst schwärmte. Alles gebaut aus vergänglichem Material, das sich über 20.000 Jahren nicht erhalten hat.

    Weitere Möglichkeit: An den Seen in der Willandra-Region gab es gar keine Unterbrechung der Bootstradition seit der Besiedlung Australiens. Die Bewohner der Region hörten nur irgendwann einfach auf, Boote zu bauen, weil die großen Seen einfach austrockneten.

    „Unsere Entdeckung des Mega-Sees Lake Mungo zeigt, dass Klima und Landschaften sich plötzlich und dramatisch verändern können. Sie zeigt aber auch, dass sich Menschen recht schnell an neue Bedingungen anpassen“, kommentiert Kathryn  Fitzsimmons die Befunde. Obwohl die archäologischen Belege sich zum jetzigen Zeitpunkt auf eine kleinere Untersuchung beschränken und auch keine Überreste von Booten beinhalten, ist die hohe Dichte an archäologischen Spuren in den Sedimenten, die mit dem Mega-See in Verbindung stehen, für zukünftige gezielte Untersuchungen aus ihrer Sicht ermutigend. „Unsere Ergebnisse verdeutlichen, dass wir bisherige Annahmen zur Natur von Klimaveränderungen noch einmal überdenken müssen. Sie zeigen aber auch, dass Menschen robuster sind, als wir es ihnen bisher zugestanden haben.“

    Oder sollte man eher sagen: Die Erfinder und Tüftler unter den Menschen sind es, die in derart verfahrenen Situationen wie damals am Mega-See Mungo auf die richtigen Ideen kommen und einen Ausweg finden? Ein hübscher Beleg dafür, dass der erfinderische Geist des Menschen schon immer seine Vorteile hatte. Von den Leuten, die vorher jammernd am Ufer standen, weil sie nicht mehr rüber kamen, erfährt man ja in der Regel nichts, wenn die Sache so lange her ist.

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