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Gehirnfitness und ein gesundes Leben mindern die Gefahr, an Demenz zu erkranken

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    Auch die Leipziger Kognitionsforscher am Max-Planck-Institut hatten es schon vermutet: Man kann der Demenz im Alter ganz ähnlich vorbeugen, wie man dem körperlichen Verfall vorbeugen kann – durch Training. Denn unser Gehirn braucht Herausforderungen. Wo es die bekommt und auch die körperliche Fitness gestärkt wird, sinken die Demenzraten in den westlichen Industrieländern.

    Noch gilt: Demenzerkrankungen gehören zu den folgenschwersten Erkrankungen im Alter. Auch weil das Thema der Altersdemenz als Volkskrankheit auch in der medizinischen Forschung relativ jung ist. Keine Gesellschaft war darauf vorbereitet, dass Menschen nicht nur 65 oder 70 Jahre alt werden, sondern sogar 80 und mehr. Und das sind mittlerweile die normalen Lebenserwartungen der Westeuropäer.

    Das heißt: Immer mehr Menschen erreichen ein Alter, in dem sie häufiger mit typischen Alterserkrankungen wie der Demenz zu tun bekommen. Sie werden zwar alt – aber sie sind nicht vorbereitet auf diese zusätzlichen Lebensjahre. Und unsere Gesellschaft ist es in weiten Teilen auch nicht.

    Das Demenz-Risiko ist beeinflussbar

    Wissenschaftler der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig belegen nun einen Trend zu sinkenden Neuerkrankungsraten bei Demenz in westlichen Industrieländern. Das heißt, dass Menschen, die heute 85 Jahre alt sind, seltener an Demenz erkranken, als diejenigen, die eine Generation früher ihr 85. Lebensjahr erreichten.

    Veränderungen in den Neuerkrankungsraten an Demenz belegen vor allem: Das Risiko, an Demenz zu erkranken, ist beeinflussbar. Das ist eine gute Nachricht, denn somit scheint Prävention möglich. Die Leipziger Forscher haben ihre Arbeit im Fachjournal „Clinical Epidemiology“ veröffentlicht.

    Die Leipziger Forscher fassten dazu in einer Metaanalyse aktuelle Studien aus Industrienationen zusammen, die Unterschiede in Demenzraten in vergleichbaren Stichproben mit einem zeitlichen Abstand von mindestens zehn Jahren untersuchten.

    Bei der Datensynthese von sieben identifizierten Studien zeigte sich eine positive Entwicklung in den Neuerkrankungsraten – zumindest in westlichen Industrienationen, konkret Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden und den USA. Gegenläufig dazu war allerdings die Entwicklung in einer japanischen Studie: Hier wurde gar ein Anstieg bei den Demenzneuerkrankungen verzeichnet.

    Mehr Bildung, mehr Herausforderung, gesünderer Lebensstil

    Demnach ist anzunehmen, dass sich Trends in den Neuerkrankungsraten von Demenz in den Industrienationen nicht einheitlich entwickeln.

    „Selbst in Industrieländern können die Lebensumstände und Erfahrungen im Lebensverlauf stark variieren und damit Entwicklungstrends von Demenz unterschiedlich beeinflussen. Und das trotz der insgesamt sehr günstigen Lebensbedingungen, die einkommensstarke Länder in der Regel auszeichnen“, erklärt Dr. Susanne Röhr vom Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health (ISAP). „Für abschließende Schlussfolgerungen ist es aber noch zu früh, da für andere Regionen bisher sehr wenige Erkenntnisse vorliegen.“

    Veränderungen in den Neuerkrankungsraten an Demenz belegen vor allem: das Risiko, an Demenz zu erkranken, ist beeinflussbar.

    Und die Einflussfaktoren lassen sich auch ausmachen: Der tendenzielle Rückgang in den westlichen Industrieländern wird insbesondere vermehrter Bildung und komplexeren beruflichen Anforderungen sowie einer besseren Versorgung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und anderen chronischen Erkrankungen zugeschrieben.“

    Das Gehirn braucht schon im Lebensverlauf mehr Herausforderungen

    „Mehr Bildung und fordernde berufliche Tätigkeiten erhöhen die Widerstandsfähigkeit des Gehirns gegen dementielle Erkrankungen“, erklärt Prof. Dr. Steffi Riedel-Heller, Direktorin des ISAP an der Universität Leipzig. Gleichfalls können Diabetes oder Bluthochdruck, die im engen Zusammenhang mit Demenzerkrankungen stehen, heute besser behandelt werden.

    Grundsätzlich gilt: „Ein gesunder Lebensstil mit viel Bewegung, geistiger und sozialer Aktivität, Nichtrauchen und ausgewogener Ernährung hilft nicht nur Herz-Kreislauferkrankungen vorzubeugen, sondern auch Demenz“, ergänzt Riedel-Heller.

    Womit auch der soziale Aspekt Gewicht bekommt: Wer alte Menschen in ihrer Isolation lässt, erhöht das Demenzrisiko. Auch im hohen Alter brauchen Menschen anspruchsvolle und intensive soziale Kontakte. Was möglicherweise das heutige System der Alters- und Pflegeheime infrage stellt, die oft genug nur noch Verwahrorte sind, keine sozialen Kontaktpunkte.

    Demenz ist im Moment nicht heilbar, deshalb komme der Prävention eine besondere Bedeutung zu, betont die Universität.

    Inwiefern kulturelle und ethnische Faktoren wie auch Umweltbedingungen oder der historische Kontext, in denen Populationen aufwachsen, Trends in der Demenzentwicklung mitbestimmen, ist bislang wenig erforscht. „Das ist jedoch ein Feld, in dem immer mehr Forschungsaktivität zu beobachten ist“, sagt Röhr.

    Analysen von zeitlichen Trends in Demenzraten aus verschiedenen Ländern und Kulturen tragen zum Verständnis bei, unter welchen Voraussetzungen Menschen Demenz entwickeln – und daraus können wiederum Hinweise für weitere präventive Wirkfaktoren gewonnen werden.

    Die absolute Anzahl an Betroffenen steigt jedoch vor allem durch die höhere Lebenserwartung weiter an. So bleibt Demenz eine der größten globalen Herausforderungen im 21. Jahrhundert.

    „Zu sehen, dass jeder Einzelne und auch die Gemeinschaft etwas tun kann, ist ein Lichtblick. Deshalb ist es Zeit, mehr über die Prävention von Demenz zu sprechen. Wir brauchen eine Brain Health Agenda“, schlussfolgert Riedel-Heller.

    Oder noch deutlicher: Ein lebenslanges Trainingsangebot fürs Gehirn. Wer sein Gehirn fit hält, vermindert sein Risiko, an Demenz zu erkranken.

    Fachveröffentlichung in Clinical Epidemiology: „Is dementia incidence declining in high-income countries? A systematic review and meta-analysis“, DOI: 10.2147/CLEP.S163649.

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