Freiwillig macht sich kaum einer auf den Weg, auch nicht über die gefährliche Route übers Mittelmeer. Die Menschen, die aus Kriegs- und Bürgerkriegsländern flüchten, haben oft Schlimmstes erlebt, erleben auch auf ihrer Flucht oft Situationen voller Gewalt, Not und Gefahr. Wenn sie dann in Ländern wie Deutschland ankommen, sind sie zwar erst einmal in Sicherheit. Doch sie bringen von ihrer Flucht oft schwere psychische Belastungen mit. Das Ausmaß zeigt jetzt eine Leipziger Studie.

Rund 68,5 Millionen Menschen waren 2017 weltweit auf der Flucht vor Gefahren, Armut und Krieg in ihren Herkunftsregionen, 970.400 kamen nach Deutschland. Unmittelbar nach ihrer Ankunft befragten Wissenschaftler der Universität Leipzig einen Teil der Geflüchteten in einer Erstaufnahmeeinrichtung. Die nun vorliegenden Studienergebnisse unterstreichen die hohe psychische Belastung Geflüchteter und liefern wichtige Informationen für die weitere Versorgung.

Die Studie wurde in einer Leipziger Erstaufnahmeeinrichtung für Asylsuchende von Mai 2017 bis Juni 2018 durchgeführt. Insgesamt nahmen 569 erwachsene Geflüchtete aus über dreißig verschiedenen Ländern teil. Etwa die Hälfte wurde innerhalb der ersten Woche nach der Ankunft befragt.

Die Studie von Wissenschaftlern um Prof. Dr. Heide Glaesmer und Dr. Yuriy Nesterko von der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie ergab, dass um die 50 Prozent der befragten Geflüchteten deutliche Zeichen einer psychischen Störung zeigen. Ein Drittel der Befragten hat eine posttraumatische Belastungsstörung, ein Drittel berichtet von psychosomatischen Symptomen wie Herzrasen und Angstzuständen. Viele Betroffene wiesen außerdem Symptome einer Depression auf und leiden unter mehr als einer psychischen Störung.

„Die Ergebnisse sind für uns grundsätzlich nicht überraschend. Die Geflüchteten hatten zum Zeitpunkt der Befragung fast immer eine lange Flucht hinter sich, viele hatten Krieg und Gewalt erfahren und waren von ihren Familien und Angehörigen getrennt“, fasst Prof. Glaesmer die Studienergebnisse zusammen. Durch die traumatischen Erfahrungen und die psychischen Störungen ist die Leistungsfähigkeit der Betroffenen oft in wichtigen Lebensbereichen eingeschränkt und das Risiko für die Entwicklung weiterer psychischer Erkrankungen beziehungsweise deren Chronifizierung steigt stark an.

„Die Studienergebnisse weisen zum einen auf die Dringlichkeit einer professionellen Behandlung der Betroffenen hin. Zum anderen sind psychosoziale Entlastungs- und Beratungsangebote vor Ort vonnöten, insbesondere für kürzlich angekommene Geflüchtete, um Symptomverschlechterungen und der Entwicklung von psychischen Störungen vorzubeugen“, resümiert Co-Autor Dr. Yuriy Nesterko.

Die Studie ist eine Momentaufnahme kurz nach der Ankunft in der Erstaufnahmeeinrichtung. Es ist zu erwarten, dass bei einigen Personen psychische Belastungen erst noch zum Tragen kommen, während andere möglicherweise in einer sicheren und ruhigen Umgebung diese überwinden können. Entscheidend ist, dass ohne eine zeitnahe und bedarfsorientierte Versorgung die Gefahr einer stetigen Verschlechterung der psychischen Gesundheit als sehr hoch einzustufen ist.

Die Ergebnisse liefern wichtige Informationen für die Gesundheitsplanung und weitere Versorgung. Sie machen deutlich, wie wichtig es ist, eine frühzeitige psychosoziale Unterstützung für Geflüchtete bereitzustellen. Die Roland Ernst Stiftung für Gesundheitswesen förderte die Studie mit 61.800 Euro.

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