Nach Lockerung der Kontaktbeschränkungen: „Wir sollten uns stark an Südkorea orientieren“

Für alle LeserIn Leipzig ist die Epidemie zum Erliegen gekommen, auch die Werte für Sachsen und Deutschland lassen hoffen. Die Nettobasisproduktionsrate sinkt, die Maßnahmen der vergangenen Wochen zeigen Wirkung. Das sind Ergebnisse der Berechnung von Prof. Dr. Markus Scholz vom Institut für Medizinische Informatik, Statistik und Epidemiologie der Universität Leipzig.

Der Epidemiologe vom Institut für Medizinische Informatik, Statistik und Epidemiologie forscht zu infektionsepidemiologischen Modellen von Erkrankungen und hat für SARS-CoV-2 ein eigenes Modell aufgesetzt, das er täglich mit den Daten des Sächsischen Staatsministeriums für Soziales, des Robert-Koch-Institutes (RKI) und weiterer Quellen anpasst. Für die Zeit nach dem „Lockdown“ empfiehlt er eine schrittweise Lockerung der Maßnahmen und konsequentes Testen.

Was sagen die Berechnungen Ihres Epidemie-Modells: Zeigen die Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen Wirkung? Flacht die Kurve ab?

Ja, wir sehen sowohl für Deutschland als auch für Sachsen eine klare Abschwächung der Ausbreitung der Epidemie. Die Maßnahmen zeigen also Wirkung.

Ende vergangener Woche teilte das RKI mit, dass jeder Infizierte nur noch einen weiteren Menschen ansteckt und nicht mehr drei. Was bedeutet das für die weitere Entwicklung?

Diese sogenannte Nettobasisproduktionsrate haben wir auf Basis der uns aktuell vorliegenden Daten für Deutschland auf 1,23, für Sachsen auf 1,19 und für Leipzig auf 1,05 geschätzt. Vor zwei Wochen waren diese Werte noch mehr als doppelt so hoch. Werte kleiner 1 bedeuten, dass die Epidemie zurückgedrängt wird. Für Leipzig ist dies schon fast der Fall. Die Epidemie ist hier zum Stillstand gekommen. Das heißt jedoch nicht, dass sofort alle Maßnahmen gelockert werden können, da noch viele Infizierte unterwegs sind.

Könnte es jederzeit wieder ansteigen oder wird es sich nach Ostern weiter reduzieren?

Unter Beibehaltung der Maßnahmen rechnen wir mit einer weiteren Reduktion der Nettobasisproduktion, also einem allmählichen Rückgang der Epidemie. Da eine komplette Zurückdrängung jedoch viel zu lang dauern würde, ist eine vorzeitige Lockerung der Maßnahmen zu diskutieren. Dann ist jedoch auch wieder mit ansteigenden Zahlen an Neuerkrankungen zu rechnen.

Welches Ziel muss erreicht sein, damit Kontaktsperren gelockert werden?

Ziel muss sein, die Nettobasisproduktion auf einem Wert von circa 1 zu halten. Das führt dazu, dass sich die Erkrankung nicht oder kaum weiter ausbreitet. Die Maßnahmen können also so weit gelockert werden, dass dieser Wert eingehalten wird.

Entwicklung der Testpositiven- und Verstorbenenzahlen sowie der Reproduktionsrate. Foto: IMISE

Entwicklung der Testpositiven- und Verstorbenenzahlen sowie der Reproduktionsrate. Foto: IMISE

Was sind aus Ihrer Sicht und auf Grundlage der Daten mögliche Szenarien zur Lockerung der Bestimmungen? Könnten Sie unterschiedliche Szenarien kurz skizzieren?

Wenn alle Maßnahmen sofort aufgehoben werden, würde dies voraussichtlich schnell zu neuen starken Steigerungen bei den Neuinfektionen führen. Dagegen würde eine Aufrechterhaltung des „Lockdowns“ bis zur kompletten Zurückdrängung der Epidemie sehr lange dauern und enorme volkswirtschaftliche Schäden verursachen. Deshalb muss ein Mittelweg gefunden werden.

Wir sollten uns hier stark an Südkorea orientieren, die ohne „Lockdown“ auskommen, aber die Epidemie unter Kontrolle haben. Das bedeutet konsequentes Testen von Personen, die viele Kontakte haben, konsequente Isolations- und Quarantänemaßnahmen von Betroffenen und weitgehende Aufrechterhaltung der Abstandsregeln im öffentlichen Raum. So könnten zum Beispiel Läden, Restaurants und Kinos unter diesen Einschränkungen wieder öffnen.

Da wir aktuell nur schwer abschätzen können, welche Maßnahmen welche Wirkung haben, sollten Lockerungen schrittweise erfolgen. Die Auswirkungen der Lockerungen sollten dann engmaschig hinsichtlich der Entwicklung der Neuinfektionen überwacht werden, um ggf. weiter reagieren zu können. Wir versuchen, dies mittels mathematischer Vorhersagemodelle zu unterstützen. Mit diesen Modellen kann man in gewissem Rahmen die Wirkung der Maßnahmen abschätzen und die weitere Entwicklung prognostizieren. Hierzu muss jedoch auch die Datengrundlage weiter verbessert werden.

Das Interview führte Dr. Katarina Werneburg von der Medienredaktion der Universität Leipzig.

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