Die Wahrscheinlichkeit von Pandemien steigt mit zunehmender Vernichtung von Ökosystemen

Für alle LeserIm neuen Heft „Umweltperspektiven“ des Umweltforschungszentrums gibt es auch ein Interview mit Prof. Josef Settele, UFZ-Agrarwissenschaftler und Co-Vorsitzender des Globalen Assessments des Weltbiodiversitätsrats IPBES. Er spricht nicht nur darüber, dass die Menschheit endlich lernen muss, solidarisch mit der biologischen Vielfalt zu leben. Er beantwortet auch Fragen zum Überspringen gefährlicher Krankheitserreger vom Tier auf den Menschen und was das mit unserer Naturzerstörung zu tun hat.
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Denn indem der Mensch immer mehr Wälder zerstört, ganze Naturlandschaften ihrer Vielfalt beraubt und die Lebensräume von Millionen Arten immer mehr schrumpfen lässt, zerstört er nicht nur die Stabilität ökologischer Systeme. Er sorgt auch dafür, dass Parasiten aller Art sich neue Lebensräume und Wirte suchen – und da nur noch der Mensch mit seinen normierten Landschaften übrig bleibt, wird er zum neuen Wirt.

Zwei Fragen sind dabei zentral und sie sind in der Mitte des ab Seite 24 nachlesbaren Interviews zu finden. Die erste klingt nicht nach einer Frage, weil sie sich auf Setteles Forderung nach einem „transformativen Wandel“ bezieht, der die Menschheit endlich zum solidarischen Partner der Biodiversität macht, ohne die seine Lebensgrundlagen nicht funktionieren.

Aber es gibt diese Transformation noch nicht. Selbst die EU hat noch nicht umgedacht und gießt die Landwirtschaftsförderung immer noch mit der Gießkanne aus, sodass die großen Agrarbetriebe profitieren (und weiterhin zu Dumpingpreisen produzieren), während ökologisch wirtschaftende Kleinbetriebe für ihr Engagement für die Artenvielfalt nicht belohnt werden.

Die logische Schlussfolgerung:

Noch ist die Menschheit von einer Partnerschaft mit der Natur weit entfernt. Das zeigt sich beispielsweise auch an der Entstehung von Pandemien.

Josef Settele: Studien haben gezeigt, dass schrumpfende Lebensräume und damit einhergehende Verhaltensveränderungen von Tieren das Risiko erhöhen, dass Krankheiten von Tieren auf Menschen übertragen werden. Die große Mehrheit an Krankheitserregern harrt noch der Entdeckung, wir kratzen da erst an der Oberfläche. Viele Fachleute waren aber vom Ausbruch des Coronavirus nicht wirklich überrascht.

Wieso?

Josef Settele: Die Menschheit schafft geradezu die Bedingungen dafür, dass sich Krankheiten ausbreiten. Wir reduzieren die Barrieren zwischen den Menschen und den Wirtstieren, in denen solche Viren natürlicherweise zirkulieren. Wir mussten von der Ausbreitung einer pandemischen Influenza ausgehen, genauso wie von vielen Todesfällen. Und wir können damit rechnen, dass es weitere Erreger mit zum Teil noch gravierenderen Auswirkungen geben wird.

So führt die Ausdehnung der Landnutzung zum Verlust von Lebensräumen, was höhere Populationsdichten einiger Generalisten – also Arten, die dann ideale Bedingungen vorfinden – und auch mehr Kontakte mit Menschen zur Folge hat. Die Arten, die überleben, ändern mitunter ihr Verhalten und teilen sich in zunehmendem Maß Lebensräume mit anderen Tieren und eben mit dem Menschen.

Setteles eindeutige Feststellung: „Die Wahrscheinlichkeit von Pandemien steigt mit zunehmender Vernichtung von Ökosystemen und Biodiversität.“

Schon um uns selbst zu schützen, müssen wir nicht nur die noch existierenden relativ intakten Biosysteme wie die Regenwälder, aber auch die Naturschutzgebiete in Deutschland bewahren. Wir müssen sie ausweiten, damit wieder richtige Rückzugsräume für bedrohte Tierarten entstehen. Und unsere Landwirtschaft muss sich ändern, ein Thema, das Settele ja schon mehrfach angesprochen hat. Im Interview wird er noch deutlicher: Wenn die EU ihren Plan für die nächste Agrar-Förderperiode nicht ändert, wird die industrielle Landwirtschaft noch mehr Biodiversität vernichten.

Settele: „Wenn er so bleibt, wie er ist, dann ist das nicht nur bedenklich für die biologische Vielfalt, sondern dann droht Ursula von der Leyens ,European Green Deal‘ schon zu scheitern, bevor er überhaupt angefangen hat. Schon deshalb ist eine Nachbesserung dringend anzuraten, die alle Geldströme eng an ökologische Vorgaben bindet und die Einhaltung auch kontrolliert. Bisher waren das eher warme Worte und Absichtserklärungen. Den gleichen Restriktionen müssten auch die deutsche und die europäische Bioökonomie-Strategien unterworfen werden.“

Die neue Leipziger Zeitung Nr. 81: Von verwirrten Männern, richtigem Kaffee und dem Schrei der Prachthirsche nach Liebe

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