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Mit neuen Schulformen tut sich Sachsens Bildungsministerium noch immer schwer

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    Eigentlich war es ein wichtiges und fälliges Interview, das die LVZ am Freitag, 19. Juni, veröffentlichte. Sie hatte die sächsische Bildungsministerin Brunhild Kurth zur Sicherung der Schulen in den Landkreisen befragt. Während in den drei Großstädten Sachsens die Schulen aus allen Nähten platzen, drohen in den Landkreisen noch immer Schulschließungen. Trotz neuer Schulmodelle, die der Freistaat mit Zähneknischen endlich einzuführen gedenkt. Oder?

    So richtig warm geworden mit den neuen Modellen ist auch die Kultusministerin noch nicht. Für zwei Passagen aus ihrem Interview bekam sie postwendend Kritik von der Opposition. Die erste gab es für die alte, autoritäre Machtposition der Ministerin, die ziemlich deutlich macht, wie wenig Achtung die sächsische Regierung eigentlich selbst vor den Lehrerinnen und Lehrern im Land hat. Von „Schwarzer Pädagogik“ spricht Cornelia Falken, die bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Landtag.

    Den Tonfall kennen eigentlich sonst nur die Klienten der Jobcenter.

    „Man darf nicht nur fordern, sondern muss auch bereit sein, Leistung zu erbringen“, hatte Brunhild Kurth gegenüber von LVZ/DNN gesagt. „Wer die Innovation ablehnt und sich neuem Denken verweigert, muss damit leben, dass es in dem betreffenden Ort bald keine Schule mehr geben wird, wenn die Menschen nicht mitgehen wollen, müssen sie die schmerzhaften Konsequenzen tragen.“

    Das seien Töne, die jetzt tatsächlich nicht angebracht sind, findet Cornelia Falken: „Seit mehr als einem Jahrzehnt lässt das Kultusministerium munter eine Schule nach der anderen im Freistaat schließen. Laut amtlicher Statistik mussten seit dem Schuljahr 1992/1993 insgesamt 1.226 Schulen ihren Betrieb einstellen. In dieser Zeit haben CDU und Kultusministerium jeden innovativen Vorschlag zur Rettung von Schulen auf dem Land abgelehnt, darunter einzügige Mittelschulen und jahrgangsübergreifenden Unterricht. Jetzt, wo das Schulwesen in Sachsen bis auf das Skelett abgemagert ist, gilt beides auf einmal als innovativ.“

    Die Einführung des jahrgangsübergreifenden Unterrichts hatte die SPD mit in den Koalitätsvertrag schreiben lassen, um für einige besonders bedrohte Regionen in Sachsen überhaupt noch einen Schulbetrieb ermöglichen zu können. Für Sachsen war das eine kleine Revolution.

    Rumpelstrecke Bildungspolitik

    „Wer jedoch jahrelang das gemeinsame Lernen diffamiert, weil es der Individualität von Schülerinnen und Schülern nicht gerecht werde und das Leistungsniveau senke, der darf sich nicht wundern, wenn Eltern und Pädagogen den plötzlichen Schwenk, den die Kultusministerin in der Bildungspolitik vollzieht, nicht verstehen. Sie dann auch noch als Leistungsverweigerer hinzustellen und ihnen über die Presse unverhohlen mit ’schmerzhaften Konsequenzen‘ zu drohen, das ist ungeheuerlich“, findet Cornelia Falken. „Statt den Lehrerinnen und Lehrern den schwarzen Peter für die verfehlte Bildungspolitik zuzuschieben, sollte die Kultusministerin für die entsprechenden Rahmenbedingungen sorgen, um die Menschen vor Ort von den Innovationen zu überzeugen. Dazu gehören die Senkung der Mindest-Klassengrößen auf zehn Schüler und mehr Lehrkräfte. Wie bei den freien Schulen, die die Ministerin für ihre Reformpädagogik lobt, während sie verschweigt, dass Schulen in freier Trägerschaft zwei Lehrkräfte im jahrgangsgemischten Unterricht einsetzen.“

    Wie schwer sich das sächsische Kultusministerium damit tut, sich aus dem starren Raster der Verfangenheit zu lösen, das thematisiert Petra Zais, bildungspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion.

    „Wir begrüßen, dass die Kultusministerin jahrgangsübergreifenden Unterricht als innovativen Ansatz sieht. Das wurde im Handeln bisher noch nicht so deutlich, aber besser spät als nie. Allerdings ist diese Form des Unterrichts eben nicht nur eine Möglichkeit ‚Schulen auf dem Land zu retten‘, sondern tatsächlich ein erfolgreiches pädagogisches Konzept – egal ob auf dem Land oder in der Stadt. – Und auch die Frage des Trägers ist nicht entscheidend. Wer aber diese Schulform nur als ‚Notlösung‘ sieht, wird Vorbehalte nicht abbauen und trägt zur Stigmatisierung bei.“

    Neue Modellversuche nicht erwünscht

    Zais hält einige der Vorwürfe der Ministerin für nicht gerechtfertigt. Vor allem nicht vor dem Hintergrund, dass es das Kultusministerium selbst war, dass sich jahrelang gegen alternative Schulformen mit Händen und Füßen sträubte. Und bis heute sträubt. Zais: „Leider können viele staatliche Schulen diesem Ansatz nicht folgen, denn das Kultusministerium sieht keinen Anlass, weitere Modellversuche zuzulassen, wie es auf meine Anfrage mitteilte (Drs 6/1021). Dabei gibt es erfolgreiche Modellversuche innerhalb des staatlichen Schulsystems, wie dem Chemnitzer Schulmodell. Hier ist aus unserer Sicht dringender Handlungsbedarf seitens des Kultusministeriums, sei es die Zulassung weiterer Modellversuche oder die offensive Information über jahrgangsübergreifenden Unterricht.“

    Und ein wirkliches Konzept, das sächsische Schulnetz zu stabilisieren, hat das Kultusministerium auch nicht. Tatsächlich steckt man noch immer im alten Raster der Mindestschülerzahlen – wenn die nicht erreicht werden, droht die Schließung der Schule.

    Und wie sieht es mit den Schulen aus, die „Innovationen ablehnen“, wie die Ministerin so lax erklärte?

    „Derzeit haben vier Schulen einen Antrag auf jahrgangsübergreifenden Unterricht gestellt, wie mir auf eine weitere Anfrage mitgeteilt wurde (Drs 6/1711)“, nennt Petra Zais die Zahlen, um die es aktuell geht. „Bei allen vier Schulen haben die Schulträger (Gemeinde) und die Schulkonferenz zugestimmt. Was noch fehlt ist die Zustimmung der Schulaufsicht. Es ist daher dringend geboten, dass die Sächsischen Bildungsagenturen (SBA) den Antragstellern schnellstmöglich die nötige fachliche Hilfestellung gibt, insbesondere was den Nachweis und die Bereitstellung von qualifizierten Lehrkräften anbelangt.“

    Bremsen die Bildungsagenturen die „Innovation“ aus?

    Da sind es auf einmal die dem Kultusministerium unterstellten Bildungagenturen, die bei der Umsetzung der „Innovationen“ hinterher hinken und die vorgelegten pädagogischen Grobkonzepte und die Personalaufstellung nicht akzeptieren. Das nennt man dann wohl doch: Bürokratie.

    „Das Konzept darf eben nicht daran scheitern, dass die SBA ihren Anteil nicht leistet. Wäre das so, müsste die Ministerin ihr eigenes Haus in den Blick nehmen und nicht die Lehrenden“, sagt Petra Zais dazu. Und ergänzt: „Die Schule in Taura ist im Übrigen ein schlechtes Beispiel für mangelnden Willen zum jahrgangsübergreifenden Unterricht. Denn noch ehe die Schulkonferenz ihr Votum abgeben konnte, hatte sich der Gemeinderat als Schulträger bereits gegen diese Form des Unterrichts entschieden. Als nachvollziehbarer Grund ist hier angegeben, dass die Schülerzahlen im nächsten Jahr wieder steigen und die geforderte Mindestschülerzahl wieder erreicht wird.“

    Antwort auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Petra Zais ‚Abschluss der wissenschaftlichen Begleitung zum Modellprojekt „Schule mit besonderem pädagogischen Profil/Gemeinschaftsschule“‚ (Drs 6/1021).

    Antwort auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Petra Zais ‚Jahrgangsübergreifender Unterricht an sächsischen Grundschulen‘ (Drs 6/1711).

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