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Ausufernder Medienkonsum sorgt bei immer mehr Kindern für Auffälligkeiten beim Sehen, Sprechen und Hören

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    In ihrer Landtagsanfrage zu den Schuleingangsuntersuchungen in Sachsen hat die bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion, Cornelia Falken, auch zu den Befunden und Auffälligkeiten der Kinder nachgefragt, die für den Schuleintritt untersucht worden waren. Die Großstadt Leipzig sticht zwar hervor - aber nicht bei allen Befunden. Und nicht immer in "Spitzenpositionen".

    Die Zahlen geben natürlich keine Auskunft darüber, dass die Kinder mit besonderen Auffälligkeiten nun alle aus Familien mit sozialen Problemen, Bildungsferne oder Migrationshintergrund kommen. Das lässt sich bei einigen Befunddichten nur vermuten.

    Aber eine auch nicht mehr ganz neue Erkenntnis ist, dass auch Kinder aus gut situierten Familien mit Auffälligkeiten in die Schule kommen – das viel zitierte Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom hat auch damit zu tun, dass viele Kinder gar nicht mehr aus streng durchorganisierten Tagesabläufen herauskommen, selbst organisierte Freiräume nicht kennen, zu selten Bewegung an frischer Luft bekommen und zu oft mit modernen Medien konfrontiert sind, die sie nicht nur vorm Bildschirm festbannen, sondern auch mit unverarbeitbaren Informationen überfluten, was dann wieder oft genug mit einem unmäßigen Konsum von fett- und süßstoffreichen Nahrungsmitteln verbunden ist.

    Die Ergebnisse sorgen dann bei den Ärzten in der Schuleingangsuntersuchung für entsprechendes Entsetzen. Das beginnt bei Sprachauffälligkeiten. Kinder mit Migrationshintergrund haben zwar oft noch Probleme bei der Beherrschung der deutschen Sprache, erst recht, wenn sie noch keinen Kindergarten besucht haben und zu Hause kein Deutsch gesprochen wird. Aber die meisten Sprachauffälligkeiten haben damit nichts zu tun, sondern stammen aus einem familiären Umfeld, in dem zu wenig gelesen, zu selten auch verbal und einfühlsam miteinander kommuniziert wird. Verstärkt wird das Phänomen durch den oben genannten ausufernden Medienkonsum – nichts eignet sich so wenig zum klaren Sprechenlernen wie ein Fernseher oder ein Videospiel, auch wenn die Schöpfer der Angebote Gegenteiliges glauben.

    Ergebnis: In ganz Sachsen sind die Sprachauffälligkeiten bei den Sechsjährigen hoch – und die Quote wächst über die Jahre kontinuierlich. 2011 wurden 36,4 Prozent der Einschulungskandidaten mit Sprachauffälligkeiten registriert, 2013 waren es schon 37,8 Prozent. Und die höchsten Befundquoten wurden nicht in den Großstädten festgestellt, wo die meisten Kinder eben doch in den Kindergarten kommen und dort einen gewissen Ansporn erleben, deutlich zu sprechen. Die höchsten Befundquoten gab es mit 47,3 Prozent in Mittelsachsen und mit 45,7 Prozent im Erzgebirgskreis. In Dresden lag die Quote bei 32,1 Prozent und in Leipzig bei 34,9 Prozent.

    Beide Großstädte lagen damit unterm sächsischen Durchschnitt. Wobei die Leipziger Quote 2013 wieder leicht gestiegen ist gegenüber 2012, als es in Leipzig nur 32 Prozent waren. Dass möglicherweise der massive Medienkonsum der Kinder eine Rolle spielt, belegt auch die Quote bei der festgestellten „Herabsetzung der Sehschärfe“. Denn wenn hier die Befundquote zwischen 14,1 Prozent in Nordsachsen und 27,8 Prozent im Landkreis Bautzen schwankt, dann hat das mit einer natürlichen Verteilung möglicher Sehschwächen nicht mehr viel zu tun. Dann müssen Faktoren am Werk sein, die Kindern schon im jungen Alter Probleme beim Sehen schaffen.  Beim Scharfsehen übrigens genauso wie beim räumlichen Sehen: Kinder, die regelmäßig in die freie Natur kommen, haben ein deutlich besseres räumliches Sehvermögen als Kinder, die vorm flachen Bildschirm aufwachsen.

    Leipzig lag übrigens mit 21,5 Prozent 2013 etwas unterm sächsischen Durchschnitt von 22,8 Prozent, Dresden lag mit 26,9 Prozent hingegen deutlich drüber.

    Wobei auch hier zu bemerken ist, dass die Befundquote in Sachsen leicht ansteigt – von 22,0 im Jahr 2011 auf 22,8 Prozent im Jahr 2013. Und dasselbe gilt für „Herabsetzung des Hörvermögens“, ein Befund, der Cornelia Falken besonders aufgeschreckt hat, denn das hat in der Regel mit zu lautem Hören auch mit Kopfhörern zu tun – und oft genug mit einer lebenslangen Beeinträchtigung des Hörvermögens.

    Hier stieg der Prozentsatz der Befunde von 9,5 Prozent im Jahr 2011 auf 10,2 Prozent im Jahr 2013. Und hier fällt Leipzig nun deutlich aus dem Rahmen, denn hier stieg die festgestellte Befundquote von 6,9 Prozent im Jahr 2011 (womit Leipzig deutlich unterm Sachsendurchschnitt lag) auf 12,8 Prozent im Jahr 2013. Ähnlich drastische Steigerungen gab es auch in den Landkreisen Görlitz, Meißen und Sächsische-Schweiz/Osterzgebirge, aber auch in Nordsachsen.

    Und gerade hier liegt es auf der Hand, dass diese Art Beeinträchtigungen mit dem wachsenden Medienkonsum der Kinder schon im Vorschulalter und mit der Art ihres Medienkonsums zu tun hat. Da liegt auf der Hand, dass das durch Angebote im Kindergarten nicht „repariert“ werden kann. Hier müssen Kita-Träger und Eltern zusammenarbeiten und auch ein gewisses Bewusstsein dafür schaffen, dass die diversen Medien im Kinderzimmer keineswegs gute Helfer in Erziehung und Entwicklung sind, sondern Kinder frühzeitig lernen müssen, diese frühe Sucht zu beherrschen und zu dosieren.

    Vielen Eltern und auch vielen Pädagogen ist bis heute nicht bewusst, dass das Suchtverhalten junger Menschen oft schon im Kita-Alter vorgeprägt wird – angefangen von der Sucht nach Süßem bis hin zur Sucht des permanenten Unterhaltenseins und des passiven Konsums von „Erlebnissen“. Was nicht nur körperliche Schäden für die Kinder zur Folge hat, mit denen sie meist ein Leben lang zu tun haben.

    Zu ein paar dieser Schädigungen kommen wir im nächsten Teil.

    Dr. Dietmar Pellmann „Grünauer Schriften Nr. 2. Bildungschancen an Leipziger Schulen“, Leipzig 2015. Die Broschüre ist im Wahlkreisbüro von Dr. Cornelia Falken und Sören Pellmann in der Stuttgarter Allee 16 in Grünau erhältlich.

    Die Anfrage von Cornelia Falken zu den Schuleingangsuntersuchungen in Sachsen.

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