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Sachsen stagniert nicht nur, es versagt bei den Themen Integration und Förderung

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    Wer seine Reserven vertilgt, nur noch auf Sparflamme fährt und auch keine echten Reformen hinbekommt, der hat bald ein Bildungssystem, an dem nur noch die Zierleisten glänzen, während der Motor stottert und das Getriebe streikt. "Länder-Ranking: Wirtschaftslobby kürt Sachsen zum Bildungsmusterland", tönte der "Spiegel" am Donnerstag, 3. September. Doch selbst die INSM stellt fest: Der Osten stagniert, auch Sachsen.

    Tatsächlich wäre es auch für die Autoren des jährlichen „Bildungsmonitors“ der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) an der Zeit, zu akzeptieren, dass eine neoliberale Bildungspolitik ihre Grenzen hat. Man kann Bildung nicht einfach wie ein Input-Output-System betrachten, bei dem es darum geht, mit möglichst wenig Geld möglichst gute Ergebnisse zu erreichen.

    Und Sachsen ist gerade dabei, seinen letzten Speck zu verzehren, denn jetzt gehen all die Lehrerinnen und Lehrer Jahr um Jahr in den Ruhestand, die in den vergangenen Jahren für sächsische Spitzenergebnisse in den diversen Leistungstests (z.B. PISA, IQB) mit ihren Schülern gesorgt haben.

    Eigentlich sollte es schon alarmieren, dass die aktuellsten Ergebnisse solcher Tests aus dem Jahr 2012 stammen. Doch auf diesen Tests basieren auch Zahlen im Monitor, wie die zur Integration. Damit ist nicht das gemeint, was Pädagogen unter Integration verstehen, nämlich die Integration von Schülern mit besonderem Förderbedarf in die allgemeinen Schulen. Beim INSM geht es hier eher um die Integration von Kindern mit Migrationshintergrund. Und da ist Sachsen sogar im Bildungsmonitor auf dem absteigenden Ast. Denn wenn es um die höchsten Bildungsabschlüsse geht, die Ausländerkinder in Sachsens Schulen bekommen können, hat sich Sachsens Quote im letzten Jahr deutlich verschlechtert.

    Das System ist kaputtgespart

    Was natürlich mit all dem zu tun hat, was linke Bildungspolitiker wie Dietmar Pellmann oder Cornelia Falken kritisieren: Das System ist kaputtgespart. Der Lehrermangel macht sich gerade da bemerkbar, wo Kinder mit Handicaps besondere Förderung und echte Integration brauchen. Das zweite Ergebnis – auch unter Integration zu finden – ist die hohe Quote von Schülern mit Migrationshintergrund ohne Abschluss (Schulabbrecherquote). Ein schäbiger 15. Platz. Ein zweites Mal taucht die Schulabbrecherquote (diesmal die allgemeine) bei „Bildungsarmut“ auf. Und da landet Sachsen auf einem miserablen 14. Rang.

    Selbst solche von der INSM gern gepriesenen Faktoren wie die „Zeiteffizienz“ werden durch das strukturelle Zerrütten des sächsischen Bildungssystems konterkariert. Wild zusammengewürfelte Werte, das haben wir in früheren Besprechungen des Rankings ja schon ausführlich kritisiert. Kindern aus den hauptsächlich von der Sparwut betroffenen Gruppen, vor allem aus bildungsfernen und Migrantenfamilien, haben mit den (vergleichsweise niedrigen) Bachelorquoten an den Hochschulen ja nichts zu tun. Sie erleben ja schon in der Grund- und der Mittelschule (Oberschule), dass die Geldverknappung der sächsischen Staatsregierung dafür sorgt, dass ihre „Zeiteffizienz“ beim Lernen nur eine Schimäre ist. Die meisten, die dann mit oder ganz ohne Hauptschulabschluss die Schule verlassen, hängen in der Regel noch einige Jahre in Förderprogrammen herum, bis sie endlich einen ordentlichen Schul- und Berufsabschluss haben.

    Und auch die von der INSM so gepriesene Bologna-Reform hat ja ihre Tücken.

    In Studiengängen, in denen wirklich eine breite und fundierte Ausbildung erfolgen muss (wie in der in Sachsen stark ausgebauten Medizin) gibt es nun einmal keine Bachelor-Studiengänge.

    Wo Sachsen glänzt, das ist nach wie vor die hohe Quote bei Kita- und Hortbetreuung, beides vor allem von den Kommunen abgesichert, wo die Verantwortlichen sehr wohl wissen, dass sie sich eigentlich nicht leisten können, dass auch nur ein Kind durchs Raster fällt.

    Und das beginnt eben mit der Schule. Da kritisiert die INSM zwar, dass die Sachausgaben an Sachsens Schulen im Verhältnis zu den Personalausgaben gesunken sind. Aber die relativen Bildungsausgaben des Freistaats sind sowieso schon unterirdisch, denn man spart ja auch eifrig an den Lehrerhonoraren.

    Das spiegelt sich so nicht im Gesamtergebnis, weil das IW bzw. die INSM alle möglichen Parameter durcheinander mixen, die nichts mit den wirklichen Leistungen des sächsischen Bildungssystems zu tun haben. So zum Beispiel auch die enorm hohe Abschlussquote im MINT-Bereich. Ein Faktor, der den Wirtschaftslobbyisten natürlich besonders wichtig ist: Die deutsche Wirtschaft schreit nach Ingenieuren und Naturwissenschaftlern (kann aber mit Medizinern, Lehrern, Juristen usw. augenscheinlich überhaupt nichts anfangen). Und die werden auch an Sachsens Hochschulen ausgebildet. Widerwillig, wie man weiß. Denn seine Hochschullandschaft behandelt Sachsen genauso knickrig wie den Schulbereich, die Streichung von Stellen geht munter weiter.

    Und damit torpediert die Staatsregierung genau den Bereich, der nun seit Jahren tausende junger, kluger Menschen nach Sachsen zieht, die dann oft auch hier bleiben wollen, gerade in den Großstädten. Und nicht bleiben dürfen. Selbst Lehrer mussten sich ja bis zum vergangenen Jahr massenweise ihre Jobs in anderen Bundesländern suchen, weil der Staatsregierung das Sparen wichtiger war als die Sicherung des Lehrplans.

    Und das Ergebnis:

    Hohe Quoten bei Ingenieuren und Naturwissenschaftlern – aber ein mittelmäßiger Platz bei Akademikern in der Gesamtbevölkerung. Selbst diese Zahl verrät, wie viele gut ausgebildete Hochschulabsolventen doch wieder abwandern, gezwungenermaßen, weil Sachsen gerade für sie die Berufschancen gekappt hat.

    Das Problem von IW und INSM ist die Fixierung auf Kosten und Quoten. Wer ein Hochschulsystem so denkt, der will es mit der Zeit immer mehr ausdünnen, effizienter machen, wie das so schön heißt, am liebsten nur noch Ingenieure und Forscher ausbilden und dabei allen „Ballast“ abschmeißen, der beim Beschleunigen der Maschine stört. Das sächsische Bildungssystem ist ein Beispiel für so eine geschmierte Maschine, nur dass dabei die wichtigsten Teile alle über Jahre auf Verschleiß gefahren wurden. Das wird vom „Bildungsmonitor“ eher kaschiert als sichtbar gemacht.

    Das Ergebnis ist im Vergleich zum Vorjahr eine Stagnation. Gerade beim Thema Integration hat Sachsen richtig Punkte gelassen. Dazugewonnen hat Sachsen ausgerechnet bei „Inputeffizienz“, ein Punkt, bei dem es schlicht um die altersmäßige Zusammensetzung der Lehrerschaft geht. Eigentlich ein geradezu irreführender Punkt: Dass der Altersdurchschnitt der Lehrer in Sachsen mit den (erzwungenen) Neueinstellungen wieder ein wenig sinkt, sagt ja nichts über die Verfügbarkeit von Lehrern aus. In der Grundschule ist das Betreuungsverhältnis schon längst hinteres Mittelfeld, zur allgemeinbildenden Schule wird das Verhältnis gar nicht erst angeführt. Da würden wohl etliche Bundesländer regelrecht bedröppelt dastehen.

    Ein „Bildungsmusterland“ ist Sachsen nicht mehr.

    Auch wenn sächsische Politiker jetzt wieder jubeln, weil Sachsen wieder vor Thüringen und Bayern die meisten Punkte bekommen hat. Dass das Land gerade alles tut, den wichtigsten Faktor zu demolieren, der zum Wachstum und vor allem auch zum Wirtschaftsaufschwung des Freistaats beigetragen hat – den Hochschulbereich – das erwähnt die INSM auch – sozusagen als Lob für die Vergangenheit: „Seit dem Jahr 2000 haben rund 58.500 Jungakademiker mehr die Hochschulen in Sachsen verlassen, als unter der damaligen Absolventenquote zu erwarten gewesen war.“

    Gerade Leipzig hat von dieser großen Jungakademikerquote profitiert.

    Und was liest Sachsens Kultusministerin Brunhild Kurth aus dem Ranking? – „Die Qualität der Schulbildung, die Förderinfrastruktur für die Schülerinnen und Schüler und die sehr guten Bedingungen zur Vermeidung von Bildungsarmut sind zwar deutschlandweit spitze, aber wir dürfen die Augen nicht vor dem Personalproblem verschließen.“

    Dass sie die „Förderinfrastruktur für die Schülerinnen und Schüler“ benennt, ist geradezu daneben, denn genau die wird vom „Bildungsmonitor“ nicht erfasst. Dort wird nur die Ganztagsbetreuung in Kitas und Schulhorten registriert. Aber so richtig ernst nimmt sie die Zahlen nicht, wenn sie behauptet: „Im Ländervergleich entscheidet damit die soziale Herkunft der Schüler im Freistaat am wenigsten über den Bildungserfolg. Das ist letztendlich auch dem hohen Engagement der Lehrerinnen und Lehrer zu verdanken, die die Schüler individuell fördern und fordern.“ Genau das aber passiert so nicht und führt genau zu dem, was für Sachsen leider der Normalzustand ist: Viel zu hohe Bildungsmisserfolge – und zwar vor allem bei Kindern, die die von der Bildungsministerin gelobte „Förderung“ schlichtweg nicht bekommen, weil dazu ebenso schlichtweg die Lehrer fehlen.

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      1 KOMMENTAR

      1. 10% eines Jahrgangs brechen die Schule ab. Das ist viel, viel, viel zu viel. Das bedeutet, dass im Durchschnitt jeder von uns einen Schüler kennt, der abgebrochen hat.
        10% Schulabbrecher sind eine volkswirtschaftliche Katastrophe. Die sächsische Regierung sollte geschlossen zurücktreten.

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