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Wenn der Bildungsversager Sachsen wieder Sieger im INSM-Ranking wird

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    In den vergangenen Jahren haben wir schon jeweils recht ausführlich den jeweiligen „Bildungsmonitor“ der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) besprochen und gezeigt, welch fatale Wirkungen so ein Bewertungsmodell auf die Bildungspolitik in Deutschland und Sachsen hat. Sachsen ist ja im Bereich Bildung der INSM-Musterknabe. Und kein Bundesland zeigt besser, wie das INSM-Ranking die Wirklichkeit verzerrt und verfehlt.

    Dass die Lobby-Institution kein Musterknabe ist und schon gar kein unabhängiger Verband, dem wirklich daran gelegen ist, dass die Schüler in Deutschland größtmögliche Bildungserfolge erreichen, ist nicht neu. Über die INSM üben einige finanzstarke Wirtschaftsverbände massiven Druck auf die Politik aus, ihre Interessen auch in Schule, Ausbildung und Universität durchzusetzen. Und sie sind damit schon sehr weit gekommen, wovon eigentlich jeder, wirklich jeder Ausbildungsbetrieb ein Lied singen kann: Vielen Schülern fehlt nach ihrem Schulabgang das simpelste Arsenal von Motivation, Konzentration über Lösungskompetenz bis hin zur praktischen Anwendung des gelernten Wissens.

    Ein Modul-System mit verheerenden Folgen.

    Dass die INSM Schule, Lehre und Hochschule wie einen Produktionsprozess begreift, bei dem junge Menschen passend für die Wünsche dessen, was man dort als „Wirtschaft“ begreift, ausgebildet werden, haben wir auch schon analysiert. Ergebnis sind dann solche betriebswirtschaftlichen Begriffe wie „Inputeffizienz“ und „Zeiteffizienz“.

    Schnell rein, schnell durch, schnell zur Verfügung für die nachfragenden Unternehmen. Dass hier in Wirklichkeit nur ein Teil der Wirtschaft seine Bedürfnisse einschleust, merkt man spätestens, wenn vor allem Ingenieurausbildung und MINT-Fächer besonders gut bewertet werden. Und wenn – wie in diesem Jahr – die Digitalisierung gar als Bewertungskriterium eingeführt wird.

    Bildungsminister, denen die Kinder und ihr Bildungserfolg wirklich wichtig sind, würden dieser Art Ranking die „Rote Karte“ zeigen. Macht natürlich Christian Piwarz (CDU), der sächsische Bildungsminister, auch nicht. Stattdessen schlägt er dieselben Töne an wie seine gescheiterten Amtsvorgänger: „Dieser erneute Erfolg wäre ohne die sehr gute Arbeit der Lehrerinnen und Lehrern nicht denkbar gewesen. Aber die aufgezeigten Schwächen im Bereich Digitalisierung sind berechtigt. Da müssen wir besser werden. Umso wichtiger ist es, dass der Bund den Digitalpakt endlich Realität werden lässt und eine zielführende, schlanke und unkomplizierte Förderstruktur aufsetzt. Wir brauchen einen digitalen Schub an Sachsens Schulen.“

    Bei der "Schulabbrecherquote" landet Sachsen auf Rang 14. Grafik: INSM
    Bei der „Schulabbrecherquote“ landet Sachsen auf Rang 14. Grafik: INSM

    Tatsächlich erzählt sogar dieses BWL-Ranking für die Schulen, wie gravierend die Probleme in Sachsens Schulen sind.

    Man wird nicht Sieger in so einem Ranking, wenn die sogenannte „Schulabbrecherquote“ bei 8,7 Prozent liegt. Oder mit den Worten der INSM: „Verbesserungspotenzial besteht jedoch noch bei der Schulabbrecherquote, die im Jahr 2016 mit 8,3 Prozent höher als im Bundesdurchschnitt (5,7 Prozent) war.“

    Und das, nachdem die INSM, die den Zahlensalat wieder vom IW Köln hat sammeln lassen, festgestellt hat: „Schulqualität (BM 2018: 1. Platz): In der jüngsten Kompetenzerhebung für die Viertklässler aus dem Jahr 2016 erreicht Sachsen im Lesen und in Mathematik hinter Bayern jeweils den zweiten Platz, im Hören (Deutsch) den dritten Platz. Aufgrund der sehr guten Ergebnisse bei den IQB-Schulleistungstests aus dem Jahr 2015 in Mathematik und Naturwissenschaften sowie im Lesen der Neuntklässler erreicht Sachsen Platz 1 bei der Schulqualität.“

    Jeder Unternehmer weiß, dass da in seinem Laden etwas nicht stimmt, wenn er lauter augenscheinlich gut vorbereitete Viertklässler in die höheren Schulverarbeitungsformen schickt und aus dem 1. Platz oder 2. Platz im Ländervergleich auf einmal der 14. wird. Nur Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern haben schlechtere Abgängerquoten.

    Die INSM glaubt zwar, mit der verstärkten Integration von Migrantenkindern die Ursache ausgemacht zu haben, dass sich in fast allen Ländern die Werte seit dem letzten Ranking verschlechtert haben. Aber das kann im Osten nicht die wesentliche Ursache sein. Es sei denn, sie scheitern genauso wie die heimischen Kinder. Nämlich an einer Sekundarstufe, die über Jahre heruntergespart wurde und unter massivem Lehrermangel und Stundenausfall leidet.

    Wie gesagt: Jeder (Schul-)Unternehmer würde nachschauen, warum die Kinder dann gerade in den Oberschulen straucheln. Aber genau das tut die INSM nicht. Sie bringt nur den Faktor Überalterung ins Spiel. Sachsen hat nämlich ein Bildungssystem, in dem die Lehrerinnen und Lehrer durchschnittlich stark überaltert sind. Die starken Abgänge von Pädagogen in den Ruhestand kommen erst – aber das Land kann jetzt schon nicht die Stundentafeln mit genügend Lehrern besetzen.

    "Inputeffizienz": Die Überalterung der Lehrerschaft macht sich hier bemerkbar. Grafik: INSM
    „Inputeffizienz“: Die Überalterung der Lehrerschaft macht sich hier bemerkbar. Grafik: INSM

    Der 1. Platz, den IW und INSM Sachsen hier wieder zuschanzen, zeigt ganz offensichtlich nicht das, was er zeigen soll: Den Erfolg oder gar die zielstrebige Arbeit an der Verbesserung des sächsischen Bildungssystems.

    Es zeigt nur, wie stromlinig sächsische Bildungspolitiker den Fake-Vorgaben der INSM nachtrotten und glauben, das wäre ein Erfolgsmodell.

    Tatsächlich zeigt die Zahlenspielerei, dass Sachsen sogar betriebswirtschaftlich versagt, wenn es um Schule geht. Die „Produktionskette“ reißt für viel zu viele Kinder in der Oberstufe einfach ab. Und für viele geht das Drama in der Berufsausbildung dann einfach weiter.

    Da wundert man sich freilich nicht mehr, dass Sachsens Kultusminister den Wald vor Bäumen nicht sehen und mit völlig ungenügenden Mitteln ein System zu reparieren versuchen, das sie durch falsch verstandenes Effizienz-Denken erst in Schieflage gebracht haben. Und die Worte von Christian Piwarz lassen nichts Gutes erwarten, denn sie zeigen eigentlich, wie tief auch er in dieser Art Denken steckt.

    Und das führt dann erfahrungsgemäß dazu, dass weitere Jahre mit falschen Lösungsansätzen versucht wird, ein System zu reparieren, in dem es nun einmal nicht um Effizienz und Frei-Haus-Lieferung fertiger Arbeitsroboter geht, sondern um Menschen, denen das genialste Denkorgan mitgegeben wurde, das je auf Erden geschaffen wurde. Aber es wird in so einem desolaten System der effizienten Tankbefüllung so lieblos und knickerig behandelt, dass man sich eigentlich nur darüber wundern kann, dass hinterher doch noch ein paar denkende und fühlende Menschen aus diesem System hervorgehen.

    Aber all diese Effizienz-Apostel glauben ja felsenfest daran, man müsse die Schulen nur mit digitaler Technik vollstopfen, dann werde man wieder international wettbewerbsfähig.

    Die nächsten PISA-Tests werden für die Apostel dieser Denkweise eine herbe Überraschung werden.

    Es ist das Elitedenken, das die europäischen Bildungssysteme zerfrisst

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