Am Mittwoch, 29. August, wurden in Dresden die Pläne zur Einführung einer Gemeinschaftsschule in Sachsen vorgestellt. Ein breites Bündnis steht hinter diesem Anliegen. Und 66 Prozent der Sachsen wünschen sich genau so eine Schule, bei den Jüngeren sind es sogar über 70 Prozent. Nur eine Partei mauert. Und das, obwohl auch ihre Anhänger die Gemeinschaftsschule mehrheitlich wollen.

In den vergangenen zwölf Monaten haben sich verschiedene Akteure zum Bündnis „Gemeinschaftsschule in Sachsen – Länger gemeinsam Lernen“ zusammengefunden. Ziel des Bündnisses ist die gesetzliche Einführung der Gemeinschaftsschule in Sachsen ohne die bestehenden Schularten zu ändern.

Dazu erklärt Burkhard Naumann, Bündniskoordinator: „Längeres gemeinsames Lernen soll dort möglich werden, wo Lehrer, Eltern und Schüler sowie der Schulträger dies wünschen. Wir sprechen deshalb vom ‚Optionalen Modell‘. Wir ergänzen die sächsische Schullandschaft, um den Schulfrieden herzustellen, aber zugleich zur Weiterentwicklung der sächsischen Bildungslandschaft beizutragen.“

Professor Dr. Wolfgang Melzer, Erziehungswissenschaftler und Schulforscher an der Technischen Universität Dresden, ergänzt: „Mit der Gemeinschaftsschule können die Schüler nach Klasse 4 weiter gemeinsam lernen. So nehmen wir Druck von den Kindern und Eltern, eine frühzeitige Entscheidung zur weiteren Schullaufbahn treffen zu müssen. Zudem kommen wir mit unserer Initiative dem Elternwillen zu längerem gemeinsamen Lernen nach. Der Erfolgsfaktor von guter Schule liegt in einer guten sozialen Mischung der Schülerschaft und der Lernkultur.

Mit der Begleitforschung zum sächsischen Schulversuch 2006 – 2016 konnte gezeigt werden, dass sich die Gemeinschaftsschulen gegenüber Vergleichsschulen positiv abheben. Das betrifft insbesondere verschiedene Aspekte der Schulkultur, zum Beispiel die Unterrichtsqualität oder die Innovationsbereitschaft beim Umgang mit Heterogenität und individuellem Lernen. Diesen Reformschub von unten sollte man ohne Gefährdung des Schulfriedens aufgreifen und die entsprechenden rechtlichen Voraussetzungen schaffen.“

„Unsere Verfassung sieht zwei Wege der Gesetzgebung vor: Entweder durch den Sächsischen Landtag oder durch die Bürgerinnen und Bürger. Da längeres gemeinsames Lernen nicht mit dem neuen Schulgesetz vom Parlament ermöglicht wurde, werden wir den zweiten Weg bestreiten und einen Volksantrag initiieren“, kündigt Naumann an. „Dies wird am besten gelingen, wenn unser Bündnis weiterwächst. Neue Bündnispartner sind in den kommenden vier Wochen herzlich willkommen.“

Das Bündnis „Gemeinschaftsschule in Sachsen – Länger gemeinsam Lernen“ ist auf Initiative des Vereins „Gemeinsam länger lernen in Sachsen e.V.“ entstanden. Es wird von Einzelpersonen sowie 20 Institutionen getragen.

Und natürlich nutzten alle Parteien, die das Anliegen unterstützen, die Gelegenheit, selbst Flagge bzw. Plakat zu zeigen.

Die Linksfraktion enthüllte ihr Plakat dazu gleich am Landtag.

Rico Gebhardt, Vorsitzender der Linksfraktion, und Cornelia Falken, bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion

Der Mehrheitswille wird ignoriert

Nach den Themen Kinderarmut und Spaltung der Gesellschaft wollen wir mit einer dritten Großflächenplakataktion auf eine weitere Spaltung der Gesellschaft hinweisen. Mit unseren Plakaten werben wir für die Einführung einer Gemeinschaftsschule in Sachsen. Wir wissen, dass die Bildungspolitik in den Augen der Bürgerinnen und Bürger einen besonders hohen Stellenwert hat. Es geht um die Verbesserung der Lebensverhältnisse.

Wir wissen auch, dass eine klare Mehrheit der sächsischen Bevölkerung die Einführung von Gemeinschaftsschulen in Sachsen befürwortet. Das geht aus einer von uns in Auftrag gegebenen repräsentativen Bevölkerungsbefragung hervor. Im neuen Schulgesetz ist keine Regelung zum längeren gemeinsamen Lernen getroffen worden – gegen den Mehrheitswillen der Bevölkerung. Es ist also an der Zeit, auf außerparlamentarischem Weg für die Einführung der Gemeinschaftsschule zu kämpfen.

Rico Gebhardt und Cornalia Falken bei der Enthüllung des Linke-Plakats zur Gemeinschaftsschule. Foto: Linksfraktion Sachsen
Rico Gebhardt und Cornalia Falken bei der Enthüllung des Linke-Plakats zur Gemeinschaftsschule. Foto: Linksfraktion Sachsen

Was die CDU im Nachbarland Thüringen ermöglicht hat, warum soll das nicht auch in Sachsen gelingen? Sachsen würde mit der Gemeinschaftsschule ein Modernisierungsdefizit beseitigen und den international üblichen Standard einführen. Andere Staaten haben das gegliederte Schulwesen längst durch „integrierte Systeme“ ersetzt. Die meisten Staaten arbeiten erst ab der Sekundarstufe II mit Formen der äußeren Differenzierung. Sie schneiden deswegen im internationalen Vergleich weitaus besser ab.

Die Praxis in den anderen Ländern widerlegt den Einwand, dass eine individuelle Förderung durch ein längeres gemeinsames Lernen verhindert werde.

Der bildungspolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Lothar Bienst

Keine Bildungsexperimente

Eine grundlegende Änderung unseres erfolgreichen Bildungssystems wäre fatal! Wer diese Debatte jetzt anzettelt, handelt fahrlässig. In der momentan schwierigen Personalsituation brauchen Schüler, Eltern und Lehrer stabile Schulstrukturen und keine Experimente.

Das sächsische Schulsystem gehört zu den besten in Deutschland. Seit 13 Jahren ist es auf Platz 1 des bundesweiten Bildungsmonitors! Die CDU ist überzeugt, dass vielfältige schulische Angebote den verschiedenen Begabungen unserer Kinder gerechter werden, als eine Einheitsschule. Für jeden Schüler gibt es in Sachsen den passenden Bildungsweg und für jeden Abschluss gibt es einen Anschluss, der Höheres ermöglicht.

Einstellung zur Gemeinschaftsschule nach Partei-Präferenz. Grafik: EMNID Umfrage zur Gemeinschaftsschule
Einstellung zur Gemeinschaftsschule nach Partei-Präferenz. Grafik: EMNID Umfrage zur Gemeinschaftsschule

Christin Melcher, Landesvorstandssprecherin der sächsischen Grünen

Längeres gemeinsames Lernen verbessert Chancengleichheit

Wir sind überzeugt, dass das gemeinsame Lernen aller Schülerinnen und Schüler eine wesentliche Voraussetzung für mehr Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit ist. Wir fordern seit vielen Jahren die Einführung der Gemeinschaftsschule als Regelschulform in Sachsen und wissen dabei die große Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger hinter uns.

Wir wollen mit einer breiten Unterstützung von Bürgerinnen und Bürgern, Verbänden und Gewerkschaften erreichen, dass Gemeinschaftsschulen überall dort eingeführt werden können, wo dies Schulträger und Schulkonferenz wollen. Für den dafür notwendigen Veränderungsprozess brauchen sie angemessene finanzielle und personelle Unterstützung. Gemeinschaftsschulen können einen entscheidenden Beitrag zur Verbesserung des gesamten sächsischen Schulsystems leisten, wenn sie mit einer Sicherung des Lehrkräftebedarfs, einer veränderten Lehrerbildung und größerer schulischer Selbstständigkeit einhergehen.

Die sächsischen Grünen werden die Arbeit des Bündnisses, insbesondere das anstehende Einwerben der benötigten Unterschriften, nach Kräften unterstützen. Ich bin überzeugt, dass wir erfolgreich sein werden!

Martin Dulig, Vorsitzender der SPD Sachsen

SPD Sachsen unterstützt Initiative für Volksantrag zur Gemeinschaftsschule

Die SPD Sachsen hat in ihrer Regierungsverantwortung viel für gute Bildung in Sachsen getan, dabei soll es aber nicht bleiben, wir wollen mehr. Die SPD Sachsen steht schon lange für längeres gemeinsames Lernen unserer Kinder. Als engagierter Politiker, aber auch als Vater einer Grundschullehrerin und Vater von schulpflichtigen Kindern weiß ich, welche Herausforderungen unsere Kinder schon im jungen Alter meistern müssen.

Kinder nach der vierten Klasse weiterführenden Schulen zuzuordnen, halte ich für falsch. Zu diesem Zeitpunkt können die Entwicklungsmöglichkeiten unserer Kinder noch nicht genau bestimmt werden. Nicht jedes Kind bringt von zu Hause die gleichen Voraussetzungen mit. Deshalb finde ich es ungerecht, dass in Sachsen nach der vierten Klasse entschieden wird, welches Kind welche Chancen erhält.

Es geht um Gerechtigkeit in der Bildung unserer Kinder. Diese kann mit einer Gemeinschaftsschule besser gewährleistet werden. Es ist erwiesen, dass das längere gemeinsame Lernen positive Effekte auf die Entwicklung der schulischen Leistungen und der Persönlichkeit hat. Durch die Gemeinschaftsschule stärken wir das soziale Lernen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Der Elternwille bestärkt uns, die Entscheidung zur Einführung einer Gemeinschaftsschule in die Hände vor Ort zu legen. Wenn Lehrer, Eltern, Schüler und Schulträger dies wollen, dann soll es ihnen möglich sein, längeres gemeinsames Lernen zu realisieren. Als Staat ist es unsere Aufgabe, unseren Kindern bestmögliche Entwicklungschancen zu bieten und eine individuelle Förderung zukommen zu lassen. Deshalb ist die Initiative zur erneuten Novellierung des Schulgesetzes ein richtiger Schritt: Mit der Einführung der Gemeinschaftsschule führen wir einen Schulfrieden in Sachsen herbei.

***

Die Idee des längeren gemeinsamen Lernens ist auch eine, die von sächsischen Eltern unterstützt wird. So ergab eine repräsentative Umfrage des EMNID-Instituts aus dem letzten Jahr, dass zwei Drittel der sächsischen Eltern die bislang übliche Aufteilung der Kinder nach der vierten Klasse ablehnen. 66 Prozent sprachen sich für die Einführung einer Gemeinschaftsschule aus.

Gemeinsam länger lernen: Sachsens Linkspartei unterstützt Volksantrag für ein besseres Schulsystem

Gemeinsam länger lernen: Sachsens Linkspartei unterstützt Volksantrag für ein besseres Schulsystem

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