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Generalversammlung der Leipziger Modellschule: Bildung ohne Zwänge, aber mit Plan

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    Achtsamkeit, Partizipation, Sozialraumorientierung, Qualitätsmanagement. Die Konzepte der Leipziger Modellschule (LEMO) standen lange als leere Worthülsen im Raum. Die beiden Generalversammlungen am Freitag, 5. Februar und Samstag, 6. Februar, brachten Licht ins Dunkel. Neben offenen Lern- und Unterrichtsformen, die die individuelle Entwicklung der Schulkinder stärken sollen und verschiedene Bedürfnisse berücksichtigen können, steht im Fokus der Ersatzschule vor allem die Integration (LZ berichtete).

    Das heißt: Alle sind willkommen, die Schüler/-innen sollen den Unterricht aktiv mitgestalten können und die Schule in Stadt und Gesellschaft integriert werden. Demokratische Fähigkeiten werden in den fächerübergreifenden Unterrichtseinheiten ebenso vermittelt wie Medien- und Problemlösungskompetenzen sowie Umweltbewusstsein.

    Die LEMO, eine Schule in freier Trägerschaft, wird im September 2021 im Bürotrakt des Allee-Centers in Grünau eröffnet. Von hier aus sollen die Kinder die Welt entdecken und Spaß am Lernen haben statt sich zu Leistungen verpflichtet zu fühlen. Vergangenes Wochenende stellte die Leitung der Modellschule in einer Zoom-Veranstaltung mehr Details zum Konzept, zu den Räumlichkeiten, pädagogischen und finanziellen Aspekten vor. Rund 100 Personen waren am Freitagabend und Samstagmittag online anwesend.

    „Entwicklung ohne Korsett“ im Allee-Center

    Prof. Dr. Gerlind Große, Professorin für frühkindliche Bildungsforschung in Potsdam, Vorsitzende des LEMO e. V. und Initiatorin des Programms, eröffnet die Präsentation mit ihrer Vorstellung von Bildung: „An der LEMO möchten wir eine Entwicklung ohne Korsett fördern.“ Das genaue Konzept der Leipziger Modellschule soll als Vorbild für weitere Schulen in freier Trägerschaft fungieren und die Bildungslandschaft in den folgenden Jahren revolutionieren.

    Große erklärt den Interessierten und Unterstützer/-innen den Stand der Dinge: bisher wurde das Konzept der Schule entwickelt und der Antrag beim Sächsischen Landesamt für Schule und Bildung (LaSuB) eingereicht. Des Weiteren konnten alle 48 Schulplätze für das Lehrjahr 2021/22 vergeben werden und auch das Team, bestehend aus Pädagog/-innen, Lernbegleiter/-innen, Erzieher/-innen, Lehrer/-innen und Sozial- sowie Psychotherapeut/-innen, ist nun vollständig.

    Der Bauantrag wurde eingereicht, ein Gestattungsvertrag mit der LWB über die Nutzung der Freifläche neben dem Allee-Center abgeschlossen und ein Businessplan ausgearbeitet. Letzterer generierte Finanzierungsangebote von zwei Banken. Neben der Zusammenstellung eines wissenschaftlichen Beirates durch die Universität Leipzig, der die LEMO bei ihrer Entwicklung begleitet und positive Aspekte sowie Defizite evaluiert, konnte das erste Bauvorhaben realisiert werden.

    Dank einer Förderung durch den sächsischen Mitmach-Fonds über 15.000 Euro kann der Regenbogencontainer mit Terrasse und Café später als erster Begegnungsraum zwischen Kindern, Eltern und dem Grünauer Stadtteil fungieren.

    Architekt Sebastian Schneider stellte im Anschluss die Pläne für die bisherigen LEMO-Räumlichkeiten vor. Offene Gemeinschaftsbereiche und große Klassenräume mit Sitzplenen statt aufgereihten Sitzbänken sollen Kreativität und Innovation fördern. „Wir wollen auf die Vielfalt der Kinder auch in den Räumlichkeiten eingehen“, so Schneider. Auf der besagten Freifläche neben dem Allee-Center soll später der Bildungscampus entstehen.

    Grundriss der Schulräume im Allee-Center. Screenshot LEMO-Generalversammlung: LZ

    Zeugnisse ohne Noten

    Marie Luise Grell, staatlich anerkannte Erzieherin und angehende Grundschullehrerin, ist sehr überzeugt vom pädagogischen Konzept der Modellschule: „In der LEMO habe ich eine Initiative gefunden, die Schule nicht unbedingt neu erfindet, aber die durch Wissenschaft und Forschung schon länger bekannten Erkenntnisse konsequent umsetzen möchte.“ Lernen soll den Kindern und Jugendlichen Spaß machen und sie auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts vorbereiten.

    Bedürfnisse, Potenziale und Interessen müssen früh gefördert werden. An der LEMO soll das durch verschiedene „Stellschrauben“ gewährleistet werden, erklärt Grell. Zum einen sorgt das an der LEMO entworfene Konzept einer Ganztagsschule (8:30 Uhr bis 16 Uhr) für einen flexibleren Alltag, bei dem nicht in ernstes Lernen am Vormittag und spaßige Freizeit am Nachmittag unterteilt wird.

    Zum zweiten werden die Kinder in Stammgruppen unterteilt. Im Schuljahr 2021/22 lernen so 24 Schüler/-innen der Klassen 1 bis 3 sowie 4 bis 6 gemeinsam. So können die Kinder nicht nur von den neun pädagogischen Fachkräften lernen, sondern auch voneinander profitieren. Den dritten Punkt umschreibt Grell mit „Lernen durch Engagement“.

    Das heißt einerseits, dass die Kinder die fächerübergreifenden Problemstellungen selbst aussuchen können und somit von vornherein ein breiteres Interesse am Unterrichtsthema gegeben ist. Andererseits werden die Inhalte im Grünauer Kontext vermittelt – der Stadtteil, dessen Probleme und Entwicklung stehen im Fokus der Problemlösung. Viertens werden weder Hausaufgaben noch Noten verteilt, um dem gesellschaftlichen Leistungsdruck vorzubeugen.

    Vor allem der letzte Punkt könnte für allgemeine Verwirrung sorgen. Was ist, wenn die Kinder doch einmal die Schule wechseln wollen? Wie sollen ihre Leistungen eingeschätzt werden und wie sollen sie sich ohne ein benotetes Zeugnis auf einen Job, eine Ausbildung oder ein Studium bewerben?

    Doch die designierte Schulleiterin Birgit Kilian gibt Entwarnung: „Unser Unterricht wird sich am sächsischen Lehrplan orientieren, die Abschlussprüfungen werden extern durchgeführt und die Leistungen staatlich anerkannt.“ Das heißt alle staatlich festgelegten Fähigkeiten werden vermittelt, Schulabschlüsse aller Art können erworben werden und durch die Leistungsbeurteilung in einem speziellen Kompetenzeinschätzungsmodul können ebenfalls Zeugnisse mit Noten ausgestellt werden, sollte sich ein Kind für einen Schulwechsel entscheiden.

    3.000 Euro als Vertrauensvorschuss

    Neben der Coronakrise steht der Schulleitung und den Unterstützer/-innen aber ein weiteres Problem im Weg: die Finanzierung der LEMO. Erst vier Jahre nach Inbetriebnahme der Schule gewährt der Freistaat Sachsen den Schulen in freier Trägerschaft vollständige Zuschüsse. Für die ersten drei Jahre sieht Unternehmensberater Jan Tews also ein Darlehen von 470.000 Euro vor, um die Personal-, Miet-, Umbau- und Betriebskosten zu decken. Ein Bankkredit von der GLS soll dies ermöglichen.

    Doch die Bank braucht Bürgschaften, die 1:1 der Darlehenshöhe entsprechen. Bisher konnte die Schulleitung aus eigener Kraft und mithilfe von ungefähr 90 Bürg/-innen einen Teil der erforderlichen Summe akquirieren. Somit drehte sich ein Großteil der Restveranstaltung am Samstagmittag um die Werbung für Bürgschaften. René Stein, LEMO-Vorstand und Achtsamkeitscoach, versucht in seinem Beitrag noch einmal alle Kräfte zu mobilisieren: „Die Bürgschaften sind keine Bezahlungen, sie sind nur ein Vertrauensvorschuss in unser Projekt.“ Bis zu 3.000 Euro umfasst jede der Mikrobürgschaften.

    Auf die Frage nach dem Risiko, ob das Projekt LEMO dennoch scheitern könnte und die Bürg/-innen in die Bredouille kommen, erklärt Gerlind Große: „Nichts im Leben ist zu 100 Prozent sicher. Aber aus den Gesprächen mit der GLS und dem LaSuB ging hervor, dass noch nie eine Schulfinanzierung gescheitert ist und auch die von uns entworfenen Szenarien, in denen das Projekt scheitert, sind absolut unwahrscheinlich.“ Dazu zählt beispielsweise, dass der Vermieter des Allee-Centers pleitegeht, dass das Allee-Center durch eine Katastrophe zerstört wird oder dass das Schulgeld von keinem bezahlt wird.

    Ab dem vierten Jahr deckt der staatliche Zuschuss rund 80 Prozent der tatsächlichen Schulkosten. Die restlichen 20 Prozent werden vorrangig über das Schulgeld finanziert. Dieses soll aber nicht zu einem Ausschluss von Schüler/-innen führen, betont Große. Daher sei das Schulgeld sozial gestaffelt.

    Schule im Aufbruch

    Ein letzter Kritikpunkt bleibt: Einige Initiatoren alternativer Schulkonzepte standen vor allem während der Coronakrise zunehmend in der Kritik. So beispielsweise Prof. Gerald Hüther, Neurobiologe und Mitbegründer der Initiative „Schule im Aufbruch“: „Die Kinder versuchen, uns Erwachsenen alles recht zu machen. Wenn man denen sagt: Du musst die Maske aufsetzen, Du musst Abstand halten, Du darfst die Oma nicht mehr in den Arm nehmen, dann nimmt das die Oma nicht mehr in den Arm. Und wenn das ein halbes Jahr so ist, dann will es die Oma auch nicht mehr in den Arm nehmen“ – nach solchen Aussagen hagelte es in den sozialen Netzwerken Vorwürfe.

    Hüther spiele den Coronaleugner/-innen in die Hände, er würde sich offen mit Maskenverweiger/-innen identifizieren. Auch die Schulleitung um Gerlind Große und Birgit Kilian empfindet Hüthers Ansichten als äußerst kritisch, berichtet Bianca Wilmsmann, die Zuständige für die Öffentlichkeitsarbeit an der LEMO: „Solche Ansichten stehen in keiner Verbindung mit unserem Gründungsvorhaben.“

    Sollten die Bürgschaften nicht in ausreichender Höhe zusammenkommen, würde die Finanzierung durch die GLS-Bank scheitern und das Projekt Leipziger Modellschule in den Sand setzen.

    Infos zur Leipziger Modellschule und Möglichkeiten der Unterstützung unter: https://www.leipzigermodellschule.de/unterstuetze-uns/

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