LeserclubAber warum war das Gespräch mit dem Bürgermeister so brisant, dass er sich Zurückhaltung ausbedungen hatte? Hätte er nicht einfach sagen können: „Nee, ist nicht!“ Hätte er ja sagen können. Oder: „Das ging alles seinen richtigen Gang.“ – „Versteh ich nicht“, sagte Herr L.. – „Das ist Politik“, erwiderte Kollege Stachelschwein. „Gut abgelagert. Herrlicher Dünger.“

Eigentlich wartete L. ja noch auf die eine oder andere Rückmeldung. Von Herrn Shark zum Beispiel oder aus dem Polizeipräsidium. Aber woraus wollte sein Kollege mit dem dicken Fell jetzt eine Geschichte schmieden, wenn er nicht den Bürgermeister durch die Mangel drehen wollte?

„Ein jedes Ding hat seine Zeit“, brummte der nur. „Kommste mal her?“

  1. kam hin und schaute Stachelschwein beim Entfalten eines Relikts zu – einer riesigen Stadtkarte, die so oft entfaltet worden war, dass ihre Falze schon Risse hatten, die Ränder voller Fingerspuren waren (und Kaffeeflecken, wie L. feststellt). Und die Stadt war mit lauter bunten Krakeln verziert. Als hätte ein kleines Kind versucht, Umrisse nachzumalen.

„War ich“, sagte Stachelschwein. „Kaufste manchmal Schweinefilet?“

„Nie“, behauptete L.

„Ich aber. Solltest mich mal erleben, wie ich die Fleischmamsell trieze, damit ich ja auch das beste Stück kriege.“

„Filet eben.“

„Filetstück, du sagst es. Und wenn du hier auf meine geniale Karte schaust …“

VEB Kartendruck G. 1974, las L.

„… das Alter ist egal. Um die Kringel geht’s. Siehst du die Kringel?“

„Sehen aus wie Schweinefilets.“

„Sind auch welche. Hab ich selbst gemalt. Und weißt du, warum?“

„Langeweile? Keine Idee für eine gute Geschichte?“, riet L.

„Das hier WAR eine gute Geschichte. Damals, als du noch mit der Trommel um den Birnbaum marschiert bist und unsereiner das Blashorn für die blühenden Landschaften diesseits von Rhein, Main und Oder gespielt hat. Du erinnerst dich?“

„Da war ich ein kleiner blasser Anfänger in einer gewissen Redaktion. Wenn mir nur der Name von dem Burschen einfiele, der mich da zu jeder lausigen Autohauseröffnung …“

„Siehst du die blauen Punkte?“

„Ja. Könnten auch kleine Autos sein. Du musst wirklich Langeweile gehabt haben.“

„Sind auch Autos. Jedes Auto ein Autohaus. Schwant dir was?“

„Weil du deine Autos in die ganzen roten Kringel gemalt hast?“

„Genau. Mitten in die Filetstücke. Und jetzt such auch dir mal eine Zeitung raus …“

Und er suchte auch. Sie lag ganz unten in dem Stapel, den er sich auf den Schreibtisch gebaut hatte, war längst vergilbt, ergraut und da und dort auch schon etwas durchsichtig. Ein paar Buchstaben purzelten vor L.s Augen von der Kante. Aber es ging wohl eher um das große Bild, stark gerastert, schwarzweiß natürlich. Farbe bekam die Welt erst später. Der Mann auf dem Bild sah ein wenig aus wie der kleine König aus dem Kindermärchen, wie er da eine riesige Urkunde mit einem übermächtigen Stadtsiegel in die Kamera hielt, während hinter ihm – na hoppla – ein paar Gesichter aus dem Gerasterten schauten, die L. doch irgendwie bekannt vorkamen.

„Alle beieinander“, sagte Stachelschwein. „Unser heißgeliebter König der ersten Stunde, unser ehrenwerter Dr. Dr. Fuchs, Herr Shark persönlich und sein Freund Herr Bär, der in unserer geliebten kleinen Stadt das erste Autohaus bauen darf. L. ist endlich Weltstadt! Endlich auf Kurs, zur Schmiede des blühenden Ostens zu werden …“

„Bei dem Termin ging es aber nicht um das Autohaus.“

„Musst du einem alten Gesellen nicht erzählen. Das ist der Termin, bei dem unser damaliger selbstgewählter König das Sieben-Wunder-Auferstehungs-Programm für unser geliebtes kleines L. verkündet hat. 120 Seiten dick, mit einer ellenlangen Liste von Bauvorhaben: Hotels, Banken, Autohäuser, Kongresshallen, Panoramaturm, Kaufhäuser, Seniorenheim. Sogar ans Seniorenheim hat er gedacht. Die reichen Säcke sollen ihm die Bude eingerannt haben, kaum dass wir hier fertig gewählt hatten und alle braven Bürger von L. bannig stolz waren, dass wir jetzt wieder einen König hatten, der die ganze Bande von Investoren gleich mitbrachte …“

„… aus dem Frankenlande …“

„Ich tippe mehr auf Schwabenländle. Aber ist auch egal.“

„Mir hast du immer gesagt, ich soll die Herren nicht so hart anfassen – ‚Das Kapital ist scheu wie ein Reh‘.“

Das Warnschild. Grafik: L-IZ
Grafik: L-IZ

„Hab ich gesagt? – Stimmt. Hast du auch wieder Recht. Siehst ja, was du angerichtet hast.“

„Wieso ich?“

„Vielleicht ich auch ein bisschen. Hier ist das große Wellness-Bad geplant gewesen.“

„Da steht heute ein Seniorenheim.“

„Und hier das riesige Kino mit zehn Sälen und Spielcasino unterm Dach.“

„Das Spielcasino steht jetzt da drüben. Der Kino-Mensch wollte doch lieber ein Stadion bauen.“

„Hat er ja auch.“

„Ja, aber da hinten, wo eigentlich der Europa-Büro-Komplex hin sollte.“

„Ja, der steht dafür hier, siehst du?“

„Stadion der Völkerfreundschaft? Das gehörte doch den Ru…“

„Ja.“

Die ersten Jahre nach der Wahl des Königs war die kleine Stadt L. regelrecht berauscht. Überall standen Bauschilder, fuhren riesige Baumaschinen, drehten sich Kräne. Auch wenn sich ein paar Jahre später herausstellte, dass völlig andere Sachen gebaut worden waren als ursprünglich angekündigt. Statt einer Stadtbibliothek wurde ein großer Einkaufstempel gebaut, statt einer Schule eine Wohnanlage. Manches blieb auch gänzlich ungebaut. Im Grunde machte es die ganze Zeit nur „Plopp!“ und dann kam der Katzenjammer, weil die Stadt zwar gründlich verbaut worden war – nur die Leute hatten kein Geld in der Tasche. Und wo eigentlich ein neues Krankenhaus stehen sollte, wurde mit feierlichem Banddurchschnitt ein postmodernes Arbeitsamt eröffnet.

Das war ziemlich genau auch das Jahr, als der Sonnenkönig mit fröhlicher Abschiedssause im Rathaus in den Ruhestand ging und die Kette seiner traurigen Nachfolger begann, die nichts mehr zu verkünden hatten. Das Geld der ersten Jahre war verprasst. Und wer nach den riesigen Grundstücken suchte, die damals als Bauland für die grandiose Wiedergeburt der Stadt verplant wurden, der fand sie – nu ja – ziemlich filetiert wieder. Dreimal weiterverkauft, jedes Mal ein bisschen teurer.

„Du musst immer fragen, wo das Geld geblieben ist“, sagte Stachelschwein. Als wenn es Herr L. nicht längst gelernt hätte von ihm. Nur dass das Geld für gewöhnlich keine gerade Wege nimmt. Es schlägt Haken, taucht ab, verwandelt sich, wird untreu, findet neue Freunde und Kumpel und manchmal auch ein neues Zuhause. Zum Beispiel auf einem Konto in Panama.

„Und ganz am Anfang“, raunte Stacheltier, als wolle er L. jetzt noch ein schönes Märchen erzählen, „war das ganze schöne Geld eine Sammlung leckerer, saftiger, herrlicher Filetstücke in einer kleinen, verschlafenen Stadt am Rande der zivilisierten Welt. Jeder kluge Mann hätte es aufmalen können, welches Stückchen besonders wertvoll, besonders saftig und besonders begehrt sein würde, wenn die ganzen tatendurstigen Herren Anleger aus dem Schwabenländle …“

„… oder dem Rheinland…“

„Na ja, die nun gerade nicht. Aber ein paar Hessen waren auch dabei. Aus Königstein, wenn ich mich recht erinnere ..“

„Der hat aber besonders teuer eingekauft.“

„Aber nicht bei unserem Sonnenkönig. Seltsam, nicht wahr? Dass alle diese hübschen leckeren Grundstücke da schon alle jemand anders gehörten und nicht mehr der stolzen Stadt L.“

„Du meinst?“

„Was meinst du, steht sonst in den Grundbüchern, die jetzt beim Staatsanwalt liegen?“

„Du meinst, das gehörte alles mal der Stadt?“

„Und noch so ein paar kuriosen Truppen: Partei, Jugendorganisation, Rat des Kreises, Wohnungsverwaltung, Sportamt … oder den Russen. Und das, mein lieber L., hat mich so stutzig gemacht. Weil dein seltsamer Herrr Mjuller …“

„Miller.“

„Ist auch egal. Wahrscheinlich hieß er nicht mal so. Eher sowas wie Petrow oder Iwanow, Genosse Iwanow, so in der Art. Ich bin ihm ja nie begegnet, nur du …“

„Auch eher nur in leicht lädiertem Zustand.“

„Da hat wohl einer zu viel gewollt …“

„… oder gewusst.“

„Nein, ich tippe auf gewollt. Immerhin war das schon das Jahr des großen Jammers. Wo sie alle gemerkt haben, dass der große Gärtner nur Blödsinn erzählt hat mit seinen blühenden Landschaften. Da waren auch alle diese schönen Grundstücke nichts mehr wert …“

„In den Büchern schon.“

„Pfeiff drauf. Gute mongolische Pferdefilets müssen ordentlich abgeritten werden. Die verramscht man nicht, wenn alle Leute noch glauben, jetzt geht das große Rambazamba los. Die lässt man liegen …“

„… bis sie vergammelt sind.“

„Du hast noch nie ein Grundstück besessen, stimmt’s?“

„Mit meinen paar Kröten?“

„Deswegen weißt du das nicht, dass ein wirklich guter Spekulatius …“

„Spekulant meinst du.“

„Das hast du gesagt. Ich hab gesagt: Ein guter Spekulatius bleibt liegen, bis die Zeit reif ist, bis die vom Kollaps flachgelegte Stadt sich wieder erholt hat und die ganz normalen Leute, die wirklich hier was bauen wollen, anfangen, noch ein paar freie Grundstücke zu suchen …“

„Aber es ist doch gar nichts mehr frei!“

„Hab ich dem Bürgermeister auch gesagt. Die ganzen schönen Filetstücke hat jetzt jemand anders. Sie sind alle weggegangen wie warme Semmeln, als wir Blödmänner den Leuten noch erzählt haben, was für geniale Pläne unser geliebter König für seine geliebten Untertanen da zusammengebastelt hat – und wie die großen Haie nur darauf lauern …“

„Apropos Haifisch …“

„Stimmt, der gehört ja auch zu dem Haufen. Aber ich verrat dir mal was: Damals, in diesen unseren frühen Jahren, da war der Bursche noch ein eifriger städtischer Angestellter.“

„Darf ich raten? Parteisekretär!“

„Nein. Fi-fa-falsch. Wer im schönen Rausch unserer Neugeburt mit dabei sein wollte beim großen Reibach, der war am besten ein ganz stilles Rankengewächs, ganz unbelastet, nur ein braves Rädchen im Getriebe, das im richtigen Moment erfuhr, wo man Zementmischer und Lastwagen für 10 Mark das Stück abstauben kann, weil eine Stadt in diesem ordentlich verwalteten Land heutzutage keinen eigenen Baubetrieb mehr unterhält. So was gehört ja abgewickelt. Da wird ein kluger Baubetriebsleiter über Nacht zum erfolgreichen Unternehmer mit zehn ausgeruhten Bauarbeitern und einer Auftragsliste, die immer länger wird. So gehen Erfolgsgeschichten.“

„Aber da hat er noch keine Grundstücke …“

„Wozu braucht er Grundstücke, wenn er die Bauaufträge kriegt? Wenn er nur bei seinem Kumpel im Rathaus anrufen muss, wer alles um eine Baugenehmigung angefragt hat? Oder wenn der Kumpel schon selber anruft, weil alle Grundstücksfragen über seinen Schreibtisch gehen?“

Es machte Klick. Es raschelte. Hatte jemand die Redaktion betreten, heimlich die Tür geöffnet? Nichts. Die beiden waren allein.

„Sein Kumpel?“

„Ja. Der junge und dynamische Leiter des Amtes für Liegenschaftswesen. Cleveres Kerlchen. Hat gleich begriffen, wo der Hase hoppelt und der Rubel rollt. Und wie man Filetstücke unters Volk bringt. Oder mal besser: unter die Leute, die damals alles kauften, was wie ein Filetstück aussah.“

„ … und die Karriere dieses cleveren Verwaltungsmitarbeiters endete mit klickenden Handschellen …“

„Du hast doch selbst geschrieben drüber: Das Ende war eine rauschende Firmenparty, auf der ein erfolgreicher Jungunternehmer dem einzig anwesenden Reporter erklärte, was man mit Unternehmermut in unserem Land alles aus dem Boden stampfen kann, daran könnten sich diese ganzen Jammerossis mal ein Beispiel nehmen …“

„… eh, der Bursche ist selbst ein Ossi.“

„Aber ein erfolgreicher, findest du nicht?“

Und dabei beließen sie es für den Moment. Denn der Computer von L. spuckte eine imponierende Bilddatei aus, die einen traurigen russischen Mann mit Segelohren und spitzer Nase zeigte, der verblüffend dem Herrn Miller von L.s Foto ähnelte.

„Wenn das kein Aufmacherbild ist, mein Lieber“, staunte selbst Stachelschwein. „Hätten wir das damals gekriegt, dann hätten wir die Chose da schon aufrollen können. Kannst deinem kauzigen Kommissar mitteilen, dass er ein Rindvieh ist, ein Hornochse: Die hätten den Fall ruckzuck geklärt.“

„Er durfte nicht“, sagte L.

„Was heißt hier, er durfte nicht?“

„Es wurde ihm untersagt.“

Und so lernten an diesem Tag beide etwas über die wunderbare Frühzeit ihrer Stadt. Obwohl sie damals beide mit viel Kaffee im Bauch unterwegs waren, um alles mitzukriegen, was geschah. Und nun ahnten sie beide, dass sie das Wichtigste auch nicht mitgekriegt hatten. Obwohl es vor ihren Augen geschah. In einer berauschenden Geschwindigkeit, die aus einer aschenputtelarmen Stadt mit (natürlich völlig) wertlosen und verlotterten Grundstücken eine hübsche arme Stadt ohne eigene Grundstücke gemacht hatte. So schnell, dass die meisten Leute noch immer die Neugeburt feierten, während ein unscheinbarer Verwaltungsmitarbeiter seine Stellung kündigte und mit seiner frisch gemeldeten Firma in das erste sanierte Haus am Herrmannkai zog.

„Der Fuchs“, sagt L.

Und wenn er sich jetzt nicht hätte sputen müssen, weil Mascha längst auf ihn wartete, dann hätte er gleich noch die nächste Geschichte in die Tasten gejagt. Das gehört irgendwie zum Berufsbild: Man muss das Zeug unbedingt loswerden. Sonst bringt es einen um den Schlaf. Oder führt zu unsäglichem Kaffeemissbrauch.

„Lass mich mal machen“, sagte sein so gar nicht mehr stacheliger Kollege, der so gern die späten Stunden übernahm und die zähen Verhandlungen mit dem Chef vom Dienst, der einfach nicht einsah, dass es noch spannendere Geschichten geben könnte für die Titelseite als immer neue Autohauseröffnungen.

Die komplette Geschichte zum Nachlesen.

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