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Wie man Schafe erzieht, die dritte Lektion

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    LeserclubEs gibt in einigen Redaktionen noch ganz alte Archive mit Stapeln von Papier. Artikel und Seitenabzüge, die so nie erschienen, weil sich im letzten Moment noch etwas änderte oder jemand sein Veto einlegte. Oder weil die Geschichte zwar gut war, aber immer wieder verschoben wurde, weil noch eine Autohauseröffnung rein musste ins Blatt. Herr L. besaß einen ganzen Stapel solcher Beinahe-wären-sie-erschienen-Artikel.

    Einer davon war das große Interview mit der Diva, damals, als sie nach dem Tod ihrer langjährigen Partnerin das erste Solo-Programm startete mit Liedern, die nicht einmal wehmütig oder traurig waren, eher voller ironischer Untertöne, fast bissig … zumindest damals so empfunden. Heute würde L. sagen: „Die waren richtig bissig! Da war noch Pfeffer drin!“

    Manchmal muss man in 20 Jahre alte Papierstapel kriechen, um zu merken, wie oberflächlich eine Stadt wie das Städtchen L. geworden ist mit jedem geputzten Haus, jedem neuen Einkaufstempel, jedem neuen „Wir sind wieder wer“-Plakat. Ruhmesglanz und Jubelarien überall, obwohl, wenn man genauer hinschaute, nichts Bissiges, Schmissiges, Fauchendes mehr übrig geblieben war. Ist ja nicht so, dass nur Herr L. zum Schaf gemacht wurde.

    Auf zur großen Schur.

    Oder hinein in ein altes Interview, das sogar schon gesetzt war für eine komplette Seite, mit großem Foto: Herr L. mit Diva im Rampenlicht, einander zugeneigt. Ein Moment, in dem alles noch möglich schien.

    ***

    Die Liebe, die Russen und ein Todesfall, der die Stadt bewegt

    L.s beliebtestes Varieté gibt nicht auf

    Herr L.: Jeder hätte erwartet, dass Sie nach sieben erfolgreichen Programmen mit Ihrer Partnerin nach diesem Bruch erst einmal pausieren. Denn das war ja nicht nur eine künstlerische Partnerschaft. Das merkte ja jeder Zuschauer …

    Die Diva: Wollen Sie sagen: Liebe, Herr L.?

    Würde ich ja gern, wenn die Leute noch wüssten, was für ein Kosmos Liebe eigentlich ist. Man kann sich ja auch in Künstlerinnen verlieben, weil sie ihr Handwerk einfach gnadenlos gut beherrschen …

    Ich würde ja nicht von Gnadenlosigkeit sprechen. Da tun sie Belinda genauso Unrecht wie mir. Aber das wissen Sie ja.

    Sorry, falsches Wort. Sollte ich lieber sagen: Mit aller Hingabe? Mit vollem Einsatz? Das klingt so banal, wenn man Ihr letztes gemeinsames Programm …

    „Russische Töne?“

    … genau das, Wenn man das erlebt hat. Oder durchlebt.

    … oder überlebt.

    Ein Punkt für Sie. Denn genau davon handelten ja die Lieder: Vom Überleben in ziemlich eisigen Zeiten. Das war zumindest mein Gefühl.

    Genau darum ging es auch. Wie lebt man in einer Welt, in der nur noch Geld regiert, Rücksichtslosigkeit, Arroganz? Wo einem der Vermieter einen süffisanten Brief in den Briefkasten steckt, dass er seine Kellerräume für andere Dinge braucht und die kulturelle Nutzung nicht mehr zu dulden gewillt ist, deswegen werde der Mietvertrag gekündigt …

    Sorry, das hab ich jetzt nicht ganz verstanden: Ihr Vermieter will sie rausschmeißen? Obwohl das Varieté hier schon seit unzähligen …

    Zehn Jahre sind es. Ziemlich genau. Wir haben den Keller damals ja erst hergerichtet. Ein richtiger Subbotnik. Bisschen Underground. Sie wissen ja, wie das damals war: Wer wirklich was machen wollte, der besetzte ein Haus oder einen Keller, holte seine Freunde zusammen und baute sich das Ding aus. Und dann legte man einfach los und wartete, wann die Obrigkeit kam oder ob sie überhaupt kam. Ob sie einen gleich hopp nahm oder – wie es ja bei uns war – nur irgendwie einen ordentlichen Mietvertrag wollte und so.

    Zehn Jahre. Und jetzt einfach raus? Ist das Haus denn so marode?

    Gar nicht. Ich vermute mal, es ist nur der falsche Platz. 100 Meter bis zum Herrmannkai. Das war früher hier immer eine noble Ecke. Ich denke, die Leute, die das Haus gekauft haben, wollen jetzt ein bisschen luxussanieren und dann wieder richtig zahlungskräftige Klientel reinnehmen. Rechtsanwälte, Staatsbeamte, Rundfunkmanager, Immobilienbüros und so. Die ganzen Häuser hier in der Ecke haben in letzter Zeit ihren Besitzer gewechselt.

    Und was wird aus dem Varieté?

    Wir ziehen um. Es weiß zwar noch keiner, wohin genau. Bei der Stadt brauchen wir gar nicht fragen, die haben uns gleich gesagt, dass sie uns nicht helfen, weil wir ja kein städtisches Unternehmen sind. Eher nur so eine kleine Kaschemme …

    Das ist jetzt wirklich eine Untertreibung.

    Aus Sicht unserer runderneuerten Obrigkeit? Natürlich ist das eine kleine Kaschemme. Das interessiert dort niemanden, ob es uns gibt oder nicht, ob unser Laden läuft und wir über die Runden kommen. Oder ob uns die Leute gar die Bude einrennen …

    Zumindest hab ich immer nur ausverkaufte Veranstaltungen gesehen.

    Ich sag ja nicht, dass wir kein treues Publikum haben.

    Das sogar stehende Ovationen gibt.

    Ja. Stimmt schon. Wissen Sie: Wenn das nicht so wäre, wir hätten den ganzen Bettel längst hingeschmissen …

    Wegen des neuen Vermieters?

    Nein. Wegen der ewigen Nörgeleien von Ämtern, deren Namen ich vorher nicht mal gehört habe. Nachforderungen vom Finanzamt, weil man auf einmal alles anders berechnet als im Vorjahr. Verrisse in allen Zeitungen, obwohl das Publikum zufrieden war … diese treudoofen Seelen vom Rundfunk haben uns sogar schon für erledigt erklärt, mausetot, Musik von vorgestern, die keiner mehr hören will. Und dann spielen die Deppen tatsächlich so einen Schmachtfetzen von Modern Quatsching ein, um auch noch dem letzten Deppen zu beweisen, wie von vorvorgestern wir sind. Verstehen Sie, wie wütend das einen macht?

    … obwohl der Saal begeistert war.

    Ja. Obwohl nichts zusammenpasst. Als wären da draußen lauter Leute, die nur noch Spaß haben, wenn sie andere beleidigen, niedertreten und verächtlich machen können. Lauter ..

    … Genies …

    Das können Sie aber laut sagen.

    Ist es das, was in Ihrem Solo-Programm, sagen wir mal – der Humus ist? Das Gären, das Brodeln, das man mitkriegt, auch wenn man die ganze Zeit nur denkt: Wow, diese Frau lässt sich nicht kleinkriegen. Nicht mal von so etwas…

    … wie Belindas Tod?

    Sie scheinen es zumindest nicht zu verdrängen. Sind Sie nicht …?

    Ich bin. Das kann ich Ihnen sagen. Ich bin  so richtig … obwohl traurig nicht das richtige Wort ist. Dazu bin ich zu wütend, weil mir viel zu viele Leute erzählen, dass das da im Hotelzimmer ein tragischer Vorfall war. Vielleicht hat sie sich ja selbst … Ehrlich, Herr L.? Ich kannte sie länger und besser, als alle diese Warmduscher. Aber das hätte sie ganz bestimmt nicht gemacht. Sie sah zwar aus wie ein scheues Reh, aber wenn sie etwas wollte – und sie wollte manchmal verflixt viel – dann konnte sie kämpfen. Da kannte sie nichts. Das konnte auch …

    … verletzend sein?

    In gewisser Weise schon. Wissen Sie: Es gibt eine Menge Männer, die Frauen, die um etwas kämpfen, verabscheuen. Die dann ziemlich rücksichtslos werden können.

    Vermuten Sie …?

    Nein. Ich vermute gar nichts. Ich weiß nur, dass die Geschichte so, wie sie uns dieser komische Polizeikommissar versucht aufzutischen, nicht passiert sein KANN. Absolut nicht. Das hätte zu Belinda nicht gepasst.

    Aber sie hat – das müssen Sie zugeben – in vielen Programmen auch bewusst das naive Mädchen gespielt.

    Was Männer ja augenscheinlich ZIEMLICH BEEINDRUCKEND  finden, oder?

    Natürlich.

    Sie auch?

    Ich … ich würde jetzt Nein sagen, wenn ich unehrlich bin. Aber dazu hab ich Sie beide zu oft erlebt. Sie war überzeugend in dieser Rolle. Das kann einen schon – ganz männlich und närrisch machen. Keine Frage. Aber man konnte zumindest ahnen, dass das so gewollt war. Ich hab sie leider nie näher kennengelernt …

    Oh, feiern konnte sie gut.

    Aber Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet. Noch nicht so richtig.

    Das ist doch unübersehbar. Alle Lieder sind so ausgesucht worden. Die Leute sollen merken, dass ich nicht in Trauer zerfließe, sondern richtig wütend bin, auf das Leben, auf diese Feiglinge, die das Ganze ganz schnell zu den Akten legen wollen, auf diese Trantüten vom Amt, die nicht mal die Trauerzeit respektieren und mit jedem Mist extra angelaufen kommen: „Dürfen wir Ihre Notausgänge inspizieren?“ „Wo sind die Toiletten für das Publikum?“ „Haben Sie überhaupt genug Parkplätze vor dem Haus gemietet?“ „Stimmen denn ihre Verkaufsabrechnungen? Wir haben hier so ein paar kleine Unstimmigkeiten entdeckt …“ UND SO WEITER! Wissen Sie, wie einen dieser amtliche Kleinscheiß wütend machen kann in so einer Situation?

    Soll ich das Wort Kleinscheiß stehen lassen?

    Natürlich. Ich habe nie ein Blatt vor den Mund genommen.

    Und nun?

    Nun werden wir sehen, dass wir in dieser kleinen verkniffenen Stadt wieder ein kleines Stück Freiheit finden. Irgendwo. Kann im Hinterhaus sein, im Keller oder auf dem Dachboden.  Ein paar Räume, die groß genug sind, dass sich drei vagabundierende Künstler drin austoben können, 30 Gäste in den Saal passen und auch noch ein kleiner Bartresen, damit sich alle ordentlich besaufen können. Mehr brauchen wir nicht.

    Kein Antrag auf Unterstützung durch die Stadt?

    Sie wollen mich auf den Arm nehmen, Herr L.

    ***

    An der Stelle hatte Herr L. damals auch vorsichtshalber das Interview beendet.

    Wenn er sich recht erinnerte, hatte er selbst noch gesagt: „Nein, ich will Sie nur verstehen.“

    Und die Diva hatte etwas in der Art gesagt: „Na, dann wünsche ich Ihnen aber viel Glück und Ausdauer bei Ihrer kleinen Zeitung.“

    L.: „Das hätte ich Ihnen eigentlich wünschen müssen.“

    D.: „Machen Sie sich um mich keine Sorgen. Ich weiß, wie man sich durchbeißt.“

    ***

    Und dann erschien das Interview trotzdem nicht, obwohl es mehrmals schon in den Satzspiegel eingepasst war und Herr L. der Diva schon zwei Mal angekündigt hatte, dass es käme. Es kam nicht. Stattdessen lud die Diva irgendwann ein in das neue kleine Varieté, etwas abgelegen, „aber genauso gemütlich“. – „Aber kommen Sie nur, wenn Sie auch was drüber schreiben dürfen …“

    So war das.

    Und seitdem hatte Herr L. das wollige Gefühl, nicht allein zu sein unter lauter Schafen. Und dass mancher wohl auch ganz selig sein konnte, wenn er sich in die Rolle des Schafes fügte. Aber was, wen das einer nicht wirklich konnte?

    Dann gehen die Geschichten weiter.

    Die komplette Geschichte zum Nachlesen.

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