Am Ende sieht alles gleich aus. Alles eine Machart. Die Welt verwandelt sich in ein Märchenland. Die Realität verschwindet einfach. So wie im Werbe-Clip „Being here – a winter story“, mit dem die Werbekampagne „So geht sächsisch“ für Winterurlaub in Sachsen wirbt. Der Clip bekam jetzt einen Preis auf der Tourismusmesse ITB in Berlin: einen silbernen.

„Erneut sind ‚So geht sächsisch.‘-Filme ausgezeichnet worden: Der virale Spot ‚Being here – a winter story‘ erhielt auf der weltweit größten Tourismusmesse ITB den Preis ‚Golden Citygate‘ in Silber. Der Preis gilt als ‚Oscar der Tourismusbranche‘ und wurde in der Kategorie ‚Region national‘ vergeben“, teilt die Sächsische Staatskanzlei mit. „Der Film ist eine atemberaubende, szenisch dichte und sehr poetische Entdeckungsreise durch das Wintersportland Sachsen und zeigt den Freistaat von einer bis dahin kaum gesehenen Seite. Der Clip hat sich viral schnell verbreitet und wurde auf Facebook und YouTube über 1,5 Millionen mal angeklickt und geteilt, hunderte von Nutzern haben begeisterte Kommentare gepostet.“

Genug der Posaunen?

„Das Goldene Stadttor“ wird in drei Kategorien vergeben. Um die 15 Beiträge bekommen in der Regel einen 1. Preis, um die 30 einen 2. Preis, ähnlich viele einen 3. Preis. Das mit dem „Oscar“ trifft schon ein wenig zu: In keiner Branche wird derart üppig mit Preisen um sich geschmissen wie in der Werbebranche. Man preist sich selbst und lobhudelt sich über den Klee. Und produziert am Ende lauter Clips, die alle das gummiartige Wohlgefühl verbreiten, das einem aus jedem Billigprodukt ein einmalig flauschiges Lebensgefühl zaubern soll, egal, ob es Waschmittel, Schokoriegel oder abgelegene Bundesländer sind.

„Mit dem Film laden wir aktive und winterbegeisterte Menschen zu uns nach Sachsen ein“, so Regierungssprecher Christian Hoose. „Der Preis ist eine tolle Bestätigung unserer gemeinsamen Arbeit für ‚So geht sächsisch.‘ Die Jury hat damit auch unser Konzept bestätigt, mit jungen talentierten sächsischen Filmemachern und Künstlern zusammenzuarbeiten und deren Kreativität zu fördern.“

Hinter dem Film steckt aber nicht nur die Radebeuler Produktionsfirma Centre Films, sondern auch wieder der Werbegigant, mit dem die Sächsische Staatsregierung nun schon seit Jahren die „So geht sächsisch“-Kampagne durchzieht: Ketchum Pleon.

Ganz ähnlich ist es beim Clip „Unser Takt. Unser Sound. Unser Land.“, für den es bei der ITB das „Golden Citygate“ in Bronze in der Kategorie „Spot national“ gab.

„Mit diesem Film wurde im vergangenen Jahr im nationalen TV-Programm und in vielen Kinos für Sachsen geworben. Dabei konnten ca. 126 Millionen Kontakte erzielt werden. Der Film entstand in Zusammenarbeit mit der Dresdner Filmproduktionsfirma AVANGA, der Sächsischen Staatskanzlei und der Agentur Ketchum Pleon“, so die Staatskanzlei dazu.

Und die gibt jedes Jahr richtig viel Geld aus allein für die Werbekampagne „So geht sächsisch“. Das hat der Landtagsabgeordnete der Linken, André Schollbach, jetzt für das Jahr 2016 abgefragt. Ergebnis: über 11 Millionen Euro gibt die sächsische Staatsregierung für Werbung aus. Dabei sind Kampagnen wie „Verdächtig gute Jobs“ (für die Nachwuchsgewinnung der Polizei) mit 117.236 Euro oder „Pack dein Studium – Studieren in  Sachsen“ mit 293.000 Euro eher noch Peanuts.

Der Löwenanteil fließt in die Kampagne „So geht sächsisch“, die allein über die Staatskanzlei gesteuert wird. Und die arbeitet auch nicht selbst mit den „jungen talentierten sächsischen Filmemachern“ zusammen. Dafür ist die international tätige Agentur Ketchum Pleon zuständig. Die arbeitet weltweit, hat ihren deutschen Hauptsitz in Düsseldorf, hat aber klugerweise auch eine Niederlassung in Dresden gegründet. So sitzt sie – was sächsische Regierungsaufträge betrifft – direkt an der Quelle.

Und die Antwort für André Schollbach zeigt: Die Agentur kann mit einem Budget von 9.410.020,32 Euro arbeiten. In Worten: neun Millionen Euro.

Mit denen die Agentur Ketchum Pleon planen kann, um immerfort neuen Werbestoff für die sächsische Staatsregierung zu produzieren, der ein vergoldetes Land zeigt, das mit der Realität nicht viel zu tun hat. Man hat die Suche nach dem tatsächlichen Sound dieses Bundeslandes längst aufgegeben, sondern bunte Werbefolie drübergeklebt. Dass sowohl „Unser Takt. Unser Sound. Unser Land.“ als auch „Being here – a winter story“ auf Youtube nicht ein einziges Mal kommentiert wurden, sagt eigentlich alles. Mit den gigantischen Click-Zahlen auf Facebook kann sowieso niemand etwas anfangen.

Die Anfrage von André Schollbach (Linke) zu den Werbeausgaben der Staatsregierung. Drs. 8405

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