Wenn Westdeutsche dem Osten erklären, er solle doch mal ein großes überregionales Medium gründen

Für alle LeserZwei Beiträge großer westdeutscher Medien erfreuten uns am Freitag, 23. August. Einmal der „Spiegel“-Beitrag „MDR-Termin in Chemnitz. Wo rechts das letzte Wort hat“ über das erwartbare Versagen des MDR bei der Aufarbeitung der Ereignisse in Chemnitz vor einem Jahr. Und zum anderen die erstaunliche Empfehlung der „Zeit“: „Ostdeutsche Medien braucht das Land“.
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Sie gehören beide zueinander, auch wenn der in Niedersachsen geborene Politikberater Johannes Hillje in seinem Gastbeitrag den MDR nur in einem anderen Bezug erwähnt. Vielleicht schaut er diesen Regionalsender auch nicht, liest tatsächlich nur die von ihm erwähnten überregionalen Medien, die alle „im alten Westen produziert“ werden. Bis hin zur taz, die er am Ende gar noch für ihr 40-köpfiges Expeditions-Korps lobt, welches diese Zeitung vor der sächsischen Landtagswahl nach Dresden entsandt hat.

Das Projekt ist jämmerlich gescheitert, weil es genauso aus dem von Hillje beschriebenen homogenen Osten berichtet wie all die anderen Expeditionskorps aus westlichen Redaktionen, die genauso vorgegangen sind. Immer wieder wurden Regionalbüros aufgemacht, in Dresden oder Leipzig, ganz egal. Man experimentierte mit Sonderseiten, die beim Erscheinen schon so altbacken und oberflächlich wirkten, dass sie nicht einen einzigen ostdeutschen Käufer dazu animierten, das Blatt zu kaufen. Auch mit ganzen Regionalausgaben hat man es versucht.

Es hat nie funktioniert.

Die ostdeutschen Regionalzeitungen, die allesamt westdeutschen Großverlagen gehören, hat er gar nicht erst erwähnt. Sie spielen in der westdeutschen Medienwahrnehmung des Ostens erst recht keine Rolle, auch wenn jetzt der Madsack-Verlag mit seinem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) hofft, ein solches wahrnehmbares Ostprodukt erzeugen zu können. Wenigstens im Internet.

Unser Gefühl sagt uns: Das wird genauso wenig klappen. Man macht nicht aus einem Dutzend konturlos gewordener Regionalzeitungen mit ausgedünnter regionaler Berichterstattung ein wahrnehmbares Medium Ost.

Und das ist auch der Denkfehler bei Hillje, der augenscheinlich nicht einmal weiß, wie viele Millionen Euro schon in Versuche investiert wurden, im Osten ein dezidiert ostdeutsches überregionales Medium zu platzieren.

Denn das Dumme an diesem Vorgehen war immer: Man brachte seine Verlagsleiter und Chefredakteure stets aus westlichen Schreibschulen mit. Und sie haben den Osten immer aus ihrer westlich geprägten Sicht interpretiert. Und wer als Journalist arbeitet weiß, wie Interpretationen die Arbeit prägen: Man sucht das schon Bekannte oder sucht es zu bestätigen. Und wenn man nicht zu den Ur-Tugenden zurückkehrt (Neugier um jeden Preis), bleibt man in der Selbstbestätigungs-Schleife hängen.

So wie die ganzen überregionalen Zeitungen, die den Osten – das beschreibt Hillje richtig – immer noch wie fremdes (Aus-)Land behandeln. „Dieser Dreh in der Berichterstattung ist keine Ausnahme: Der MDR stellte 2017 in einer Medienauswertung fest, dass das Wort Ostdeutschland am häufigsten mit den Begriffen ,Armut‘ und ,abgehängt‘ in der bundesweiten Berichterstattung vorkommt.“

Ist dann aber wenigstens der MDR ein überregionales Ost-Medium?

Nur bedingt. Davon erzählt ja die verunglückte Dokumentation über Chemnitz, in der die rechtsradikalen Scharfmacher mit ihren „Meinungen“ völlig undifferenziert neben all den anderen Befragten erscheinen. Als wäre das eine Suppe.

Aber das kennen wir vom MDR eben auch als Dauerphänomen. Obwohl dieser Sender im Osten produziert mit zumeist ostdeutschen Redakteur/-innen. Aber der MDR hat es seit seiner Gründung 1992 nie fertiggebracht, zu einem Stör-Sender im besten Sinne zu werden. Es ist ein Gefälligkeitssender geworden, der bis heute auf einer gefühligen Ostalgie-Welle schwimmt und die Distanz zum eigenen Tun nicht gewinnt.

Er hat auch kaum vorgearbeitet. Nur selten tasten sich Reportagen bis zu einer sachlichen und kritischen Distanz wie etwa „Wem gehört der Osten“ vor. Aus MDR-Sicht war die Serie ein echt großer Schritt. Von außen betrachtet war es nur ein kurzes Schnuppern. Und dann sind alle wieder husch in ihr Büro zurückgeflüchtet. Der Ansatz wurde nicht zum festen Bestandteil des Tagesprogramms. Und bei den anderen in Ostdeutschland produzierten Regionalsendern sieht es nicht anders aus. Fast immer verbreiten sie das seltsam kumpelhafte Gefühl: „Ist es nicht schön, in diesem Land zu leben? Die Menschen sind doch einfach zum Knuddeln.“

Und so findet man weder eine kritische Politikberichterstattung noch die systematische Erkundung des Raumes – auch dessen, der sich heute so abgehängt fühlt, in ein falsches Außenbild gepresst und damit letztlich nicht wirklich präsent.

Im Ansatz stimmt Hilljes These: „In einer Mediengesellschaft wirken Medien an der Schaffung und Festigung kollektiver Identitäten mit. Die überregionalen Medien in Deutschland verfestigen heute vor allem eine positive Identität des ehemaligen Westdeutschlands in Abgrenzung zu den Gebieten der ehemaligen DDR.“

Welche Identität haben eigentlich die ostdeutschen Sendeanstalten geprägt? Kann es sein, dass sie bereitwillig immer das Gegenstück geliefert haben? Oft genug untersetzt mit heimeligen Erinnerungen an „früher“?

Das ist nur eine Frage, keine These.

Denn wirklich untersucht hat das wieder keiner. Hilljes Folgerung: „Es wird Zeit, dass sich endlich auch in Ostdeutschland starke und bundesweite Medien etablieren, die unseren Blick auf das ganze Land weiten.“

Wer sollte das tun? Wieder die großen, noch zahlungskräftigen Zeitungsbesitzer aus dem Westen? Oder die Bosse der Rundfunkanstalten, die bis heute keine für alle Deutschen gültige Erzählung bzw. Erzählperspektive gefunden haben? Sich auch nie darum bemüht haben. Für die meisten war die Einheit schon vollzogen, wenn sie in Berlin ein eigenes Studio aufgemacht haben.

Natürlich leidet der Osten (nicht allein) unter der Tatsache, dass es bis 1989 keine eigenen Medien geben durfte, die sich mit kompetenter und gründlicher Recherche ein Profil aufbauen konnten. Nur wer die Region wirklich kennt und die Kärrnerarbeit vor Ort wirklich über Jahre gemacht hat, entwickelt überhaupt erst ein Gespür für dessen Besonderheiten und die Stimmung der Bewohner und ihre wirklichen Probleme.

Ich betone einfach mal die Probleme, weil es bei den Problemen losgeht. Welche Probleme die Menschen wirklich beschäftigen, umtreiben und besorgt machen, findet man nicht in den Staatskanzleien heraus. Auch nicht in Pressekonferenzen und schon gar nicht im Polizeibericht. Das findet man nur heraus, wenn man losgeht und jeden Tag seine Recherchen vor Ort macht, neugierig ist und nachfragt. Erst dann funktionieren Medien als das, als was sie bezeichnet werden: als Mittler. Sie machen sichtbar, was in den Orten, wo die Menschen leben, vor sich geht.

Und erst wenn man 1.000 und 10.000 Mal losgegangen ist, entwickelt sich (wie in der Dunkelkammer) ein Bild, wird die strukturelle Realität, in der die Menschen leben, sichtbar. Wer das weiß, weiß auch, dass das Expeditionskorps der taz so etwas nicht leisten kann. Und auch all die anderen ausgesandten Redaktions- und Kamera-Teams nicht.

Und wenn man sich umschaut in den ganzen großen Medienhäusern, gibt es nirgendwo auch nur das geringste Interesse, diese Kärrnerarbeit zu leisten und gar zu finanzieren, auch wenn der MDR in letzter Zeit offensiv versucht, sich auch noch eine lokale Kompetenz aufzubauen. Von oben nach unten. Wie gehabt.

Was eben immer wieder bedeutet, dass die oben geltenden Deutungsmuster auf die lokale Ebene projiziert werden. Denn die zentrale Auswahl, was dann mit welchem Tonfall und in welcher Länge gesendet wird, wird wieder zentral getroffen. Was auch dazu führt, dass wieder Frames genutzt werden, in die das zu Berichtende passt. Oder passend gemacht wird.

Mit gründlicher Vor-Ort-Recherche aber eckt man an. Damit tritt man all den Leuten auf die Füße, die es sich in ihren festen Vorstellungen, wie sie sich und ihr Tun selber sehen wollen, bequem gemacht haben. Von unseren sensiblen Marktteilnehmern ganz zu schweigen, die sich längst nicht mehr scheuen, selbst einem „Spiegel“ die Anzeigenaufträge zu streichen, wenn der „Spiegel“ mal ein bisschen zu sehr seine Arbeit macht. Im Osten wurden die eiligst marktwirtschaftlich umgekrempelten Zeitungen von Anfang an so domestiziert. Weshalb es auch keine fundierte Wirtschaftsberichterstattung (mehr) aus dem Osten oder über den Osten gibt.

Aber da schweife ich ab.

Gründen Sie nur, kann ich nur sagen. Sie werden schneller Millionen verbrannt haben, als Sie auch nur das erste bisschen Vertrauen bei den Lesern aufgebaut haben. Aber wir sind ja über jeden wohlfeilen Ratschlag aus dem noblen Westen dankbar.

Die Serie „Medienmachen in Fakenews-Zeiten“.

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