Es war ein ganz sensibler Punkt, den der Deutsche Presserat am Dienstag, 17. September, thematisierte. Einer, der den Kern dessen berührt, was einige Medien in der Gegenwart unter Journalismus verstehen. Denn da hat sich etwas verschoben, schon lange vor dem Aufkommen von Facebook & Co., die dem Journalismus mit sturen Algorithmen den Garaus zu machen versuchen.

Was deren Manager auch nur zu gern abstreiten. Sie betreiben riesige Veröffentlichungsplattformen, die nicht nur jede Menge Daten sammeln und an Werbekunden weiterverticken, sie leben auch von den Inhalten, die ihre Kunden einstellen – unredigiert, unsortiert, von Algorithmen hochgeschaukelt und in Empörungswellen verwandelt.

Diese Plattformen haben den klassischen Medien nicht nur die Werbegrundlagen entzogen, sondern auch einen Großteil der Aufmerksamkeit. Millionen Menschen sind nur noch damit beschäftigt, der permanenten Aufmerksamkeitserzeugung dieser Trigger-Netzwerke zu folgen, angefixt von der Angst, nicht mehr up to date zu sein und die wichtigsten Meldungen zu verpassen.

Plattformen, die keine redaktionelle Verantwortung übernehmen, als wichtigste Nachrichtenportale?

Dadurch, dass nicht mehr professionelle Redakteure auswählen, was aus ihrer Erfahrung wichtig ist, sondern Algorithmen bestimmen, was in den Netzwerken für Furore sorgt, spielen Fakten und Sachlichkeit eine untergeordnete Rolle. Nach oben gespült wird, was schnelle und starke Emotionen hervorruft und die Nutzer der Netzwerke sofort zum (Re-)Agieren bringt. Es geht hochgradig emotional zu.

Aber immer öfter völlig faktenfrei.

Kein Wunder, dass der Mechanismus auch wieder in die klassischen Medien hinüberschwappt, von denen einige in der Vergangenheit eh schon ähnliche Modelle des Antriggerns entwickelt haben. Die Yellowpress ist ja geradezu bekannt dafür. Natürlich „packt“ man mehr Leser, wenn man sie bei schnellen und starken Emotionen greift – bei Empörung, Wut, Jubel, Sexappeal. Oder bei ihrem Wunsch, dass es für alles in der Welt ganz einfache Erklärungen geben soll.

Oder bei Geschichten, die „zu Herzen gehen“, die mehr Spannung haben als das normale Leben, den Geruch von Abenteuer, Kampf und Freiheit atmen.

Das Phänomen war auch dem „Spiegel“ nicht ganz unbekannt, der durchaus wusste, wie man den Leser mit packenden Geschichten dazu bringt, die Cleverness der Autoren zu bewundern und immer neue Action-Geschichten, „in denen es knallt“, zu erwarten.

Was 2018 ja bekanntlich gründlich in die Hose ging, als der Fall Relotius aufflog und damit auch die Erzählmasche, die Claas Relotios bedient hat wie kaum ein anderer. Aber halt eine Masche, deren Stoff dann nicht mehr viel mit der Wirklichkeit zu tun hat. Aktuell wieder Thema mit dem Buch „Tausend Zeilen Lüge“, das der Reporter Juan Moreno veröffentlicht hat, der seinerzeit sogar seine Stellung beim „Spiegel“ riskierte, als er es wagte, den vielfach preisgekrönten Kollegen der Fälschung zu bezichtigen.

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Auf den ersten Blick ist das, womit sich jetzt das Plenum des Deutschen Presserats beschäftigte, etwas anders gelagert.

„Veröffentlichen Redaktionen journalistische Inhalte von Dritten auf ihren Online-Plattformen, liegt die presseethische Verantwortung für diese Inhalte bei der für die Plattform verantwortlichen Redaktion. Das hat das Plenum des Deutschen Presserats in einer Grundsatzentscheidung beschlossen“, so die Mitteilung des Presserats am Dienstag, 17. September.

Anlass waren sechs Beschwerden gegen „FOCUS Online“

„Die Redaktion hatte Beiträge veröffentlicht, die von Drittquellen stammten – beispielsweise von der Polizei oder lokalen journalistischen Publikationen. Mehrere User sahen in Artikeln dieser Drittquellen Verletzungen des Pressekodex. Die Redaktion sah sich presseethisch nicht in der Verantwortung. Diese Verantwortung hat sie aber wahrzunehmen, entschied das Plenum einmütig“, so der Presserat. „Nach dieser Grundsatzentscheidung verwies das Plenum die Beschwerden in die zuständigen Beschwerdeausschüsse zurück. Dort werden die einzelnen Beschwerden in den Dezembersitzungen beraten.“

„Userinnen und User vertrauen Inhalten von presseethisch gebundenen Medien-Marken. Deshalb sind die Redaktionen grundsätzlich auch für zugelieferte Inhalte von Dritten verantwortlich“, erklärte dazu der Sprecher des Deutschen Presserats Volker Stennei. „Der Presserat akzeptiert keine Ethik, die sich nach Geschäftsmodellen richtet. Zentraler Maßstab ist stets das Ziel der deutschen Presse, die Leser unabhängig und wahrheitsgemäß zu informieren, ohne die berechtigten Interessen von Menschen und ihre Würde zu verletzen.“

Auch hier ging es um Aufmerksamkeit. Die Meldungen wurden zwar veröffentlicht – aber die Redaktion „sah sich presseethisch nicht in der Verantwortung“. Hat also einfach drauflos veröffentlicht (oder gar einen „Roboterjournalisten“ die Sache machen lasen). Es ging nur noch um Massen-Meldungen, nicht mehr um die journalistische Verantwortung: Sind die veröffentlichten Nachrichten überprüfbar? Sind die Herkunftsadressen seriös? Macht es überhaupt Sinn, die Meldungen unkommentiert zu veröffentlichen?

Dabei geht es bei den Beschwerden zu „FOCUS Online“ möglicherweise um die so veröffentlichten Inhalte. Das soll ja noch extra geklärt werden. Aber man kann sich als Medium nicht einfach distanzieren von dem, was man veröffentlicht hat. So nach dem Motto: Das haben doch andere geschrieben.

Die Leser vertrauen zu Recht darauf, dass die Redaktion wenigstens weiß, was sie da veröffentlicht – und sei es auch von Dritten.

Wenn aber nur noch mit der Hatz auf Klicks veröffentlicht wird, geht auch die Seriosität vor die Hunde. Dann hört ein Medium auf, ein verlässlicher Gradmesser in einer eh schon informationsgefluteten Welt zu sein.

Aber was kann man da tun? Hübschere Geschichten erzählen?

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Es geht in beiden Fällen um Aufmerksamkeit, um möglichst viele Leser, die den Artikel aufrufen und damit die Reichweite des Mediums erhöhen. Der Willen der Redaktion, die Reichweite und die Aufmerksamkeit mit allen Mitteln zu erhöhen, führte zu fatalen Ergebnissen.

Was Claas Relotius da beim „Spiegel“ (und anderswo) angestellt hat, hat Juan Moreno im Interview mit der „Frankfurter Rundschau“ so in Worte gefasst: „Im Schweizer Magazin Reportagen, interessanterweise das Magazin, in dem Claas Relotius seine Karriere startete, schrieb der Schweizer Schriftsteller Linus Reichlin mal einen Essay mit dem Titel ,Anleitung für Fälscher‘. Da heißt es sinngemäß: Du musst fragen, was die Leute wollen, worauf sich ihre Sehnsucht richtet. Du musst für sie ein Bild malen, auf das sie lange gewartet haben. So sehr haben sie es sich gewünscht, dass sie es, wenn der Wunsch wahr geworden ist, gegen jeden Zweifel verteidigen werden. Sie wollen, dass es echt ist. So hat Relotius gearbeitet.“

So bekommt man Geschichten, die die Wirklichkeit verbiegen, bis sie passt, bis etwas draus wird, was einer schnittigen Abenteuergeschichte gleicht, aber nicht mehr zeigt, wie knorrig, widersprüchlich und kantig die Wirklichkeit ist. Und die Menschen selbst natürlich auch.

Was nicht nur allein Relotius gemacht hat. Wer die heutige Abenteuerberichterstattung über so manches Politikdrama sieht, merkt auch hier, wie die Handelnden zu simplifizierten Darstellern eines Dramas gemacht wurden, in dem alles scheinbar nach höherer Regieanweisung läuft. Man hat scheinbar klare Helden und Bösewichter. Ganze Wahlkämpfe werden so medial inszeniert.

Dabei ist der Mensch so nicht. Nicht einmal die scheinbar bösen Helden sind so. Was Moreno auch betont: „Dann wird es kompliziert, dann wird es grau. Bei Relotius wurde es nie grau. Das las sich gut und hatte was Beruhigendes. Der Subtext seiner Geschichten lautete immer: Lieber Spiegelleser: Heimlich weißt du, wie die Welt ist, und wenn ich dich gewinnen will, dann bestätige ich dir das gern.“

Aber Journalismus müsste eigentlich genau das Gegenteil bewirken: Dieses „heimliche Wissen“ immer wieder infrage stellen. Und damit auch die scheinbar so einfachen Antworten.

Das aber lässt sich nicht so gut „verkaufen“. Das irritiert. Es macht zwar am Ende alle ein bisschen klüger. Aber es ist regelrecht unverträglich mit den Erwartungen von Werbekunden, die gern die Verheißungen einer heilen Welt im Umfeld von lauter heldenhaften Geschichten verkaufen möchten. Ich berühre das an der Stelle nur. Aber es ist offenkundig, dass sich die sogenannte „Wirtschaft“ gelöst hat von den Realitäten unserer Welt. Sie möchte damit nicht konfrontiert werden und hat sich aus den eher kritischen Medien geflüchtet, dorthin, wo sie dem „Grauen“ und Widersprüchlichen nicht mehr begegnen muss. Wer Menschen zu gedankenlos funktionierenden Konsumenten machen möchte, scheut die Widersprüche und die ewigen Zweifel der Journalisten.

Im Grunde hat Relotius mit hoher Begabung genau das geliefert, was diese Art Medienwelt eigentlich haben möchte: Geschichten, die sich wie heldenhafte Märchen lesen und die die Leser beruhigen in ihrer Erwartung, dass es in der Welt doch märchenhaft zugeht. Das lenkt so schön ab von dem, was hinter den schönen Werbeplakaten passiert.

Und das Bedenkenswerteste sagt Moreno selbst in seinem Buch: „Eine Recherche läuft immer anders, als man es gerne hätte. Man bekommt einfach nicht die Akte, die alles beweist, das Gespräch, das man braucht, um das Puzzle zusammenzusetzen. Der Whistleblower traut sich letztlich doch nicht auszusagen. Das ist die Regel, je interessanter die Geschichten werden, desto wahrscheinlicher scheitert man. Der VW-Ingenieur, der die Abschaltvorrichtung programmiert hat, redet nicht, genauso wenig wie der Beamte, der gesehen hat, wie sein Kollege Geld von einem Baulöwen angenommen hat. Die Absage, die Niederlage ist ständiger Begleiter in diesem Beruf.“

Medien machen in Fakenews-Zeiten

Was der „Fall Relotius“ mit Bequemlichkeit, Vorurteilen und blinden Flecken in Redaktionen zu tun hat

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