eBay-Kleinanzeigen 1886-Style: Die Leipziger Zeitreise geht weiter (8)

Leserclub In der Nonnenstraße möchte jemand sein „52er Spezial Herold“ loswerden, das Wochenblatt ist voll mit Schlafstellen-Anzeigen. Derweil klaut im Plagwitzer Rathaus jemand den Fußabtreter und die Katechismusunterredungen in der Lindenauer Nathanelkirche waren auch schon mal besser besucht. Immerhin: Die Pferde-Eisenbahn verzeichnet ein gutes Jahr mit stark steigenden Fahrgastzahlen, verzichtet aber auf die Fahrpreiserhöhungen im August. Es war nicht schlecht...

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Der Verein zur „Unterstützung armer befähigter Kinder“ lädt ins „Deutsche Haus“ zum Vortrag ein. Berichten wird Dr. Waldemar Götze, Oberlehrer am Realgymnasium zu Leipzig über das Thema „Kinderhorte“. „Ein Gegenstand, der von demselben in seltener Gründlichkeit beherrscht wird und über den er schon in vielen Orten mit dem größten Beifall und dem besten Erfolge gesprochen hat“, heißt es in der Ankündigung. Der Verein will nämlich auch einen Kinderhort „begründen“. „Dieser Vortrag des Herrn Dr. W. Götze bietet also allen denen, die noch nicht über das wohlthätige Wirken dieser in vielen Orten bereits bestehenden ‚Kinderhorte’ unterrichtet sind, die jedenfalls erwünschte Gelegenheit, diesem Mangel abzuhelfen.“ Nichts wie hin.

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Brauchen Sie Butter? Ferdinand Böhme preist im Wochenblatt seine „Feinste Rittergutsbutter, pro St. 60 Pf.“ Und die „Beste Bauernbutter“, pr. Stück 55 u. 50 Pf. an. Umseitig wirbt die Kaffe-Special-Handlung Richard Steckner für gerösteten Kaffee. Die Auswahl ist groß. Fünf Sorten werden in der Poststraße 28 zu Lindenau feilgeboten. Die Hamburger Mischung für 1 Mark, die Holländer Mischung für 1,60. Wohlhabende greifen sicherlich auf die Wiener Mischung für 2 Mark zurück.

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Das Wochenblatt widmet eine Notiz der anstehenden Kindergarten-Eröffnung durch Clemens Zscherneck. „Wir zweifeln nicht, dass das Unternehmen des Hrn. Zscherneck auch jetzt dieselbe Unterstützung finden wird, wie früher, da mit Schaffung dieses Erziehungsinstituts einem vielfach bemerkten Mangel abgeholfen werden wird.“ Klingt nach Kindergartenmangel in Plagwitz im Januar 1886. Hat sich denn wirklich so wenig geändert?

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Kleinzschocher verzeichnet Zuwachs. Im Vergleich zum Jahre 1884 ist die Einwohnerzahl im darauffolgenden Jahr um insgesamt 188 Personen gestiegen. Rasant ist anders, aber immerhin.

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In Plagwitz will jemand seinen Drahtesel loswerden. „Ein wenig gefahrenes Bicycle, 52er Spezial Herold, im besten Zustande, ist, nur weil zu niedrig für den festen Preis von 200 Mark zu verkaufen, eventuell zu vertauschen. Näheres, Nonnenstraße 32a, I. rechts.“ 200 Mark zahlt man damals auch für eine Wohnung für zwei Personen.

Übersicht über den Leipziger Westen. Die Magistrale im Vordergrund ist die heutige Karl-Heine-Straße. Foto: M. Hofmann

Übersicht über den Leipziger Westen. Die Magistrale im Vordergrund ist die heutige Karl-Heine-Straße. Foto: M. Hofmann

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Apropos Wohnungen oder „Logis“, wie sie teilweise in den Anzeigen genannt werden: Das Wochenblatt ist voll mit Schlafstellen bietenden Anzeigen. Allein in der Ausgabe vom 16. Januar finden sich 22 Anbieter. Ausdruck dessen, dass viele die Miete nicht ohne zusätzliche Einnahmen stemmen konnten. So holen sie sich die Schlafgänger für ein paar Stunden und ein kleines Zubrot in ihre Wohnung, ja in ihr Bett.

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Die Jahresstatistik der Leipziger Pferdeeisenbahn ist da. 1885 war ein gutes Jahr. Die Fahrgastzahl stieg um fast eine Million auf 8.472 529 Personen, die Einnahmen um fast 100 000 Mark auf 1.127376,05 Mark. Am beliebtesten ist die Pferdeeisanbahn-Linie Connewitz-Gohlis, also die heutige 11, mit der 2.596.558 Personen fuhren. Nahezu gleich in der Gunst sind die Strecken Plagwitz-Neuschönefeld (1.859.593) und Lindenau-Thonberg (1.704.416). Zur Einschätzung steht unter der Statistik: „Die Linie Connewitz-Gohlis ist somit die frequenteste und rentabelste Linie, zu gleicher Zeit aber auch die längste.“ Zum Vergleich: Im Jahr 2013 verzeichnete die LVB 142,2 Millionen Fahrten.

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Zeit für einen Rüffel. Während der Kindergottesdienst zu Lindenau im Durchschnitt von 400 Kindern besucht wird, ist der Besuch der kirchlichen Katechismusunterredungen „von Seiten der Konfirmierten schwach“. Dabei ist in Lindenau erst 1884 die große Nathanaelkirche eingeweiht worden, die die alte Dorfkirche ersetzte. 1.100 Menschen finden hier nun sitzend Platz – und so viel Platz ist auch notwendig, denn die Kirchgemeinde wächst wie auch der Ort an sich. 1890 wird Lindenau über 25.000 Einwohner haben, 1834, also nicht mal 60 Jahre früher, waren es nicht mal 1.000. Entsprechend liest sich auch die Kirchenstatistik für 1884. „In der Parochie (altes Wort für Pfarrei/Anm. des Autors) wurden 1885 getauft: 626 Kinder, vor 50 Jahren 49. Getraut wurden 157 Paare, vor 50 Jahren 17. Kirchlich beerdigt wurden 457 Personen, vor 50 Jahren 27.“ Im Januar 1886 hat die Gemeinde 14.721 Mitglieder. Heute ist Lindenau in einem Schwesternkirchverhältnis mit den Kirchen in Leutzsch, Gundorf und Böhlitz-Ehrenberg, weil alle vier allein nicht mehr existieren könnten…

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Anzeige: „3 Mark Belohnung erhält wer den Dieb eines aus dem Rathausflur gestohlenen Fußabtreters nachweist. Der Hausmann“

Noch mehr Zeitreise in der Artikelserie Leipzig 1914

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