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Wer sind die Millionäre? Die Leipziger Zeitreise geht weiter (1)

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    Wer sind Sachsens Großverdiener im Jahr 1886? Fünf Personen verdienen jährlich über eine Million Mark. Damals eine noch unglaublichere Summe als heute, denn über eine Million Sachsen verdienen weniger als 1.000 Mark – pro Jahr. Wofür sie das Geld ausgeben? Vielleicht für die Fleisch- und Wurstwaren von August Künzel? Oder für einen Blumengruß für den verstorbenen Oberlehrer Kockel, dessen Abschied in Lindenau groß begangen werden soll. Für Chausseegeld jedenfalls nicht. Reisende dürfen jetzt ohne durch Plagwitz reisen. Die Zeitreise in den Januar 1886 beginnt jetzt...

    Schauen wir uns direkt die Einkommensverteilung im Königreich Sachsen an, zusammengetragen von der Zeitschrift des „königlich sächsischen statistischen Bureaus“ und vom Wochenblatt direkt in die aktulle Berichterstattung übernommen. Demnach gibt es 1886 in Sachsen genau fünf Personen, die ein Jahreseinkommen von über 1 Million Mark haben. Sie sind die absoluten Spitzenverdiener der Zeit. Leider verrät die Zeitschrift nicht, wer diese Personen sind. Eigentlich kommen aber nur zwei Personengruppen in Frage: Reicher Adel oder industrieller Parvenues, vielleicht vom Schlage eines Karl Heine, den wir ihn Schleußig und Plagwitz gleich noch ein paar Mal antreffen werden.

    Die nächst besser verdienenden zwei (!) Personen verfügen „nur“ über ein Jahreseinkommen von 600-650 000 Mark. Die Zahl derjenigen, die im Jahre 1885 ein Einkommen bis 100.000 Mark im Jahr vorweisen konnten, bleibt zweistellig, wie der Redakteur des Wochenblatts nach eigener Recherche zu berichten weiß. „334 glückliche Sterbliche haben ein Einkommen von 54 – 100 000 Mark, 1.045 von 26 – 54 000 Mark, 7.183 von 8 400 – 26 000.“ Hier kommen die Scherenglieder langsam zusammen. 57.963 Personen nehmen noch 2.200 – 8.400 Mark jährlich ein, „120 413 erreichen die Ziffer von 2200 Mark jährlich nicht mehr“, so der Redakteur. Doch der große Teil der Sachsen – nämlich satte 1.026.068 Menschen – bleiben unter der 8. Steuerstufe, das heißt, sie haben ein Jahreseinkommen von weniger als 1.000 Mark, also weniger als 100 Mark im Monat.

    Behalten Sie das im Hinterkopf, wenn wir von Mietpreisen, Butterpreisen, Brotpreisen und Fahrradpreisen in unserer Zeitreise in den Januar von 1886 lesen werden. Und gehen Sie zwischendurch ein wenig gedanklich in ihren Geldspeicher und denen ihrer Freunde. Wie unterscheidet sich die Einkommensverteilung heute von der damaligen?

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    Pädagogen im Jahre 2015 stünden Tränen in den Augen, wenn ihnen so etwas passierte. Naja, genau genommen, würden sie das gar nicht erleben, was einem Oberlehrer in Lindenau posthum zuteil wurde. „Zur Erinnerung an den verstorbenen Oberlehrer Herrn Friedrich August Kockel wird Montag, den 4. Januar nachmittags von 3 Uhr an im Saale der Mädchenschule eine Gedächtnisfeier abgehalten werden.“

    Der Nachruf liest sich wie folgt: „Am 20. Dezember entschlief nach nur kurzem Krankenlager in seinem 53. Lebensjahr Herr Friedrich August Kockel, Oberlehrer in Lindenau. Wie derselbe in Schule und Gemeinde sich verdient gemacht, so ist ihm auch die vaterländische Lehrerschaft in Dank verpflichtet. Er war langjähriges Mitglied und in den letzten Jahren Vorsitzender des Ausschuss der ‚Allgemeinen Brandversicherungs-Gesellschaft sächsischer Lehrer‘ und in diesen Stellungen ein eifriger Förderer des genannten Instituts. Sein heiteres Wesen, sein biederer Charakter und seine Gewissenhaftigkeit in allen ihm übertragenen Ämtern erwarben ihm die Lieber aller, die mit ihm verkehrten. Wir beklagen tief den Verlust, den uns sein Hinscheiden gebracht. Sein Andenken werden wir immer in Ehren halten! Leipzig, den 25. Dezember 1885. Der Gesamtvorstand der Allgemeinen Brandversicherungs-Gesellschaft sächsischer Lehrer“, Hermann Böhm, Vorsitzender. Wer hält das Andenken von Kockel derzeit in Ehren?

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    Situationsplan für Lindenau am Ende des 19. Jahrhunderts. Quelle: Stadtarchiv
    Situationsplan für Lindenau am Ende des 19. Jahrhunderts. Quelle: Stadtarchiv

    August Künzel erlaubt sich derweil „den geehrten Bewohnern von Lindenau und Plagwitz ergebenst anzuzeigen“, dass er sein Fleisch- und Wurst-Geschäft in der Lindenauer Heinestrasse 11a eröffnet hat“. Übrigens nicht zu verwechseln mit der heutigen Karl-Heine-Straße, die damals noch Leipziger Straße hieß. Heine lebte noch zwei Jahre, eine Straße sollte nach demjenigen, der den Westen formte, erst 1891 benannt werden.

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    Lindenau ist verschuldet. Es fehlen zum Jahresende 1885 135.691,81 Mark. Die Schulden teilen sich die Armenkasse mit 15.273,60 Mark, die Schulkasse mit 68.296,14 und die Gemeindekasse mit 45.627,07 Mark. 1884 waren es „nur“ 113.219,86 Mark. Aber: „Heute können wir zum Trotze aller Steuerzahler mitteilen, dass trotz der Erhöhung der Ansprüche der einzelnen Kassen gegründete Aussicht vorhanden ist, im neuen Jahr mit den Steuersätzen des Jahres 1885 auszukommen.“ Ein Glück.

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    Seit Januar 1886 wird in Sachsen kein Chausseegeld mehr erhoben. Die indirekte Steuer wurde jahrhundertelang von Reisenden abkassiert. Seit dem Beschluss, das Chausseegeld abzuschaffen, wurden vielerorts die fiskalischen Gebäude versteigert. Das in Lindenau bleibt bestehen, denn der Steuereinnehmer „Herr Lehmann“ wird weiterhin die Schlachtsteuer erheben. „Nur die beiden Schlagbäume, welche die Lützener- und die Zschochersche Straße sperrten“, sind meistbietend verkauft worden.

    Noch mehr Zeitreise in der Artikelserie Leipzig 1914

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