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Christine Blanken hat einen Bach-Kantatendichter in Nürnberg aufgestöbert

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    Der Birkmann war's! Und wer noch? Es sieht ganz so aus, als ob sich einige Rätsel um die Arbeitsweise des Leipziger Thomaskantors Johann Sebastian Bach jetzt als etwas entpuppen, was man in modernen Zeiten Teamwork nennt. Dass Bach sich seine Texte beim Librettisten bestellt hat, war bekannt. Aber die meisten dieser Autoren waren bislang nicht fassbar. Aber jetzt hat man einen erwischt: Birkmann hieß er.

    Dass der Bursche gefunden wurde, hat mit einem geänderten Suchverhalten der Bachforscher zu tun. Sie haben erstmals nicht die üblichen Verdächtigen, die professionellen Texteschreiber aus dem Leipzig der Bachzeit unter die Lupe genommen (von denen einige ja bekanntlich schon als Bach-Texter identifiziert worden sind), sie haben sich dem direkten Umfeld des Thomaskantors gewidmet, von dem man ja schon wusste, dass er die ganze Familie einspannte, wenn es ans Zuarbeiten ging – zum Beispiel ans aufwendige Kopieren von Noten.

    Die Wissenschaftler des Bach-Archivs Leipzig verfolgen daher in einem soeben gestarteten Forschungsprojekt, finanziert von der Fritz-Thyssen-Stiftung, einen neuen methodischen Ansatz. Im Zentrum des Interesses steht eben jene Personengruppe, die zu Bachs engstem Umkreis gehörte und die mit seinen Unterrichtsprinzipien, seiner Persönlichkeit und der Aufführungspraxis seiner Werke bestens vertraut war: Bachs Privatschüler.

    Ein erster bedeutender Fund ist bereits gelungen und wurde am Dienstag, 13. Oktober, mit großem Bahnhof bekannt gemacht: Der Leipziger Student Christoph Birkmann (1703-1771), nachmals Theologe in seiner Heimatstadt Nürnberg, konnte als Textdichter zahlreicher berühmter Bach-Kantaten nachgewiesen werden.

    Studentische Textdichter Bachs waren der Forschung bislang unbekannt, wie überhaupt in der Vergangenheit kaum Dichter von Bachs Leipziger Kantaten namhaft gemacht werden konnten.

    Doch die erste bedeutende Spur führt zum Nürnberger Theologen und vormaligen Schüler des Thomaskantors, Christoph Birkmann (1703-1771). Birkmann studierte von 1724 bis 1727 Theologie und Mathematik an der Universität Leipzig und wirkte während dieser Zeit nachweislich als Musiker an Bachs Kantatenaufführungen mit. Nun stellt sich heraus, dass Birkmann sehr viel mehr für „den großen Meister Bach“ war: Er schuf während seiner Leipziger Studienjahre die Verse zu einigen der berühmtesten Bach-Kantaten und legte anscheinend auch Hand an die monumentale Johannes-Passion.

    Die Leipziger Wissenschaftlerin Dr. Christine Blanken entdeckte die entsprechende Quelle in der Nürnberger Stadtbibliothek. Christoph Birkmann gab kurz nach seiner Berufung als Diakon an die St. Sebald Kirche in Nürnberg einen Jahrgang mit Kantatendichtungen heraus: die „Gott-geheiligten Sabbaths-Zehnden“, und behauptet im Vorwort, die Verse weitgehend selbst verfasst zu haben.

    Und siehe da: Der Druck enthält die Texte zu mehr als 30 Bach-Kantaten – Werke, die genau während Birkmanns Leipziger Studentenjahren entstanden waren und weitgehend zu Bachs drittem Kantatenjahrgang gehören. Zudem ist in dem Buch der Text zur zweiten Fassung von Bachs Johannes-Passion (1725) abgedruckt. Das passt zu Birkmanns Studienzeit in Leipzig 1724 bis 1727.

    Zeitgenössische Textdrucke dieses Hauptwerks des Thomaskantors waren bislang nicht bekannt. Unter den Kantatentexten des Nürnberger Drucks sind offenbar mindestens acht Libretti, die Birkmann selbst für Bach geschrieben hat, unter anderem die Dichtungen zu den berühmten Solo-Kantaten „Ich will den Kreuzstab gerne tragen“, BWV 56 und „Ich habe genug“, BWV 82. Damit bietet der neu aufgefundene Textdruck die wichtigsten Neuerkenntnisse zur Urheberschaft von Bachs Kantatentexten seit mehr als 40 Jahren.

    GOtt-geheiligte Sabbaths-Zehnden, Textdruck Kantaten-Zyklus (Nürnberg 1728), Titelblatt . Foto: Stadtbibliothek Nürnberg
    Gott-geheiligte Sabbaths-Zehnden, Textdruck Kantaten-Zyklus (Nürnberg 1728), Titelblatt . Foto: Stadtbibliothek Nürnberg

    Der Fund ist kein Zufall, auch wenn er jetzt wie eine Überraschung wirkt.

    „Bachs Clavier-, Orgel- und Kompositionsschüler wussten all das, was wir heute gern über Bach wissen würden“, erklärt Prof. Dr. Peter Wollny, Direktor des Bach-Archivs Leipzig, die wahrscheinlichen Zusammenhänge, „schließlich gehörten die Schüler Bachs zu dessen engstem Umkreis und waren mit seinen Unterrichtsprinzipien, seiner Persönlichkeit und der Aufführungspraxis seiner Werke bestens vertraut.“

    Und so ganz überraschend kam die Hinwendung der Bach-Forscher zu den Schülern des berühmten Thomaskantors auch nicht.

    Einige wenige Einzelstudien zu später berühmt gewordenen Bach-Schülern haben in der Vergangenheit bereits bedeutende Neuerkenntnisse auch zu Bach selbst gezeitigt. Allerdings wurde hier stets nur ein sehr kleiner Personenkreis betrachtet, und selbst diese wenigen Untersuchungen – über die Bach-Schüler J. L. Krebs, J. P. Kirnberger oder J. G. Müthel – sind inzwischen weitgehend veraltet, kommentiert das Bach-Archiv jetzt. Tatsächlich hat man die Spur zu den Privatschülern lange Zeit einfach unterschätzt, denn auch die bisherigen Erkenntnisse deuten darauf hin, dass der viel beschäftigte Kantor seine begabten Schüler schon früh in seine eigene Arbeit einbezog. Was auch erklärt, warum er die großen Kantaten-Zyklen in seinen frühen Leipziger Jahren auch bewältigte und immer auch das richtige Textmaterial zur Hand hatte. Das deutet tatsächlich auf eine sehr enge Zusammenarbeit mit seinen jungen Textautoren hin.

    In Vorbereitung auf das neue Forschungsprojekt haben die Wissenschaftler am Bach-Archiv bereits 125 Bach-Schüler namentlich ermittelt. Nun sollen deren hinterlassene Materialien – Musikalien, Briefe, Archivalien – erstmals systematisch erschlossen und ausgewertet werden. Dazu sind Recherchen in zirka 200 Archiven/Bibliotheken in zehn mittel- und osteuropäischen Ländern notwendig. Von der Erschließung dieser Quellen erwarten die Wissenschaftler Neuerkenntnisse zu Bachs Unterrichts- und Aufführungspraxis, zu seinen Kompositionsprinzipien, seinen Idealen im Orgelbau und Hinweise zur genaueren Datierung seiner Werke.

    In den nächsten zwei Jahren sollen im Bach-Archiv zahlreiche weitere Quellen zu Bach und seinen Schülern gesammelt und ausgewertet werden. Abschließend werden die gesammelten Materialien und Daten für die internationale Forschergemeinde zugänglich gemacht: in der vom Bach-Archiv gepflegten freien Forschungsdatenbank „Bach digital“ (www.bachdigital.de) und durch Verknüpfungen der Personeninformationen mit der Gemeinsamen Normdatei (GND) der Deutschen Nationalbibliothek. Außerdem sind eine kommentierte Edition der zentralen Quellentexte zu Bach als Lehrer sowie eine prosopographische Zusammenfassung der Forschungsergebnisse in Vorbereitung. Das für zunächst zwei Jahre angelegte Projekt wird von PD Dr. Michael Maul geleitet und durch die Fritz-Thyssen-Stiftung unterstützt.

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