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Vor 250 Jahren begann Goethe in Leipzig das Leben, die Liebe und auch ein bisschen Jura zu studieren

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    Muss man es noch erwähnen? Goethe war hier. Deutschland ist zwar nicht das Land der Dichter und Denker, wie gern behauptet wird. Aber zumindest kennt man den einen oder anderen Dichter und feiert ihn auch fleißiger als den einen oder anderen Kriegsherren oder König. Und da Goethe manchmal reiselustig war, war er auch an vielen erstaunlichen Orten - vom Bodetal bis zum Brocken, in Wetzlar, Weimar und auch in Leipzig. Das jährt sich nun.

    1765 war das. Am 3. Oktober 1765 stieg der 16-Jährige in Leipzig aus der Kutsche, völlig demoliert und derangiert, denn das Reisen mit der Postkutsche war damals kein Vergnügen, auch nicht zwischen den Messestädten Frankfurt und Leipzig. Besonders in Thüringen waren die Straßen in fürchterlichem Zustand. Bei Auerstedt blieb der Wagen bei einbrechender Nacht endgültig stecken. Goethe packte mit an und verzerrte sich fürs Leben: „Ich ermangelte nicht, mich mit Eifer anzustrengen, und mochte mir dadurch die Bänder der Brust übermäßig ausgedehnt haben; denn ich empfand bald nachher einen Schmerz, der verschwand und wiederkehrte und erst nach vielen Jahren mich völlig verließ.“

    Dabei hatte der Jungspund eigentlich in Göttingen studieren wollen. Aber sein Vater blieb hart – der Bub sollte nach Leipzig und auch ein bisschen Lebensart lernen. Und die gab es gleich als große Dusche. Denn: „Als ich in Leipzig ankam, war es gerade Meßzeit …“ Und das Erstaunliche für den Hessen in Sachsen war: Er kannte die Leute, die sich da auf Leipzig Straßen und Plätzen drängten, „bekannte Waren und Verkäufer, nur an anderen Plätzen und in einer andern Reihenfolge.“ Nur die Polen, Russen und Griechen in ihren Trachten überraschten ihn – die kannte er von der Frankfurter Messe nicht.

    Aber man sieht den Herrn Johann Caspar Goethe in Frankfurt schmunzeln, als ihm der Sohnemann das dann per Brief schreibt. Manchmal steckt hinter Vaterstrenge auch väterliche Sorge: Er wollte den Buben schon gern bei Leuten wissen, die er kannte. Und in Leipzig kannte er genug. Wie den Hofrat Böhme, an den er seinem Sohnemann ein Empfehlungsschreiben mitgab. Und speisen sollte der Bube sowieso nicht an fremden Tischen, sondern fein ordentlich und hessisch im Gasthaus von Schönkopf am Brühl, wo auch die hessischen Händler abstiegen. Nur dass sich der Wirrkopf ins emsige Käthchen Schönkopf verlieben würde, das war so nicht geplant. Genauso wenig wie die Weinabende mit Behrisch in Auerbachs Keller (hier übersieht es dann keiner mehr: Goethe war da).

    Aber zuerst staunte der junge Frankfurter Bauklötzer, denn gegen sein enges und fast noch mittelalterliches Frankfurt war Leipzig schon eine Weltstadt. Ein Klein-Paris, wie es Goethe später mal einen fröhlichen Studenten in seinem „Faust“ sagen lassen sollte. Und so hat es auch gewirkt auf den frisch angekommenen Jura-Studenten: Die Stadt machte einen „sehr guten Eindruck“ auf Goethe, besonders in der Nacht bei Mondschein, „halb beschattet, halb beleuchtet“. Da trieb er sich oft nächstens zum Promenieren herum. Besonders beeindruckten ihn die „großen, himmelhoch umbauten Hofräume“, die eine bürgerliche Welt umfassten, „große Burgen, ja Halbstädten ähnlich“.  (Alles zitiert aus „Dichtung und Wahrheit“, Sechstes Buch)

    Das kann man sich nur noch vage vorstellen, denn in diesen Höfen und Burgen wurden ja Waren verladen, gab es Läden, Kontore, Werkstätten. Nicht vergleichbar mit der Stille der riesigen Büros, die heute in den restaurierten Höfen zu finden sind. „In einem dieser seltsamen Räume quartierte ich mich ein, und zwar in der ‚Feuerkugel‘ zwischen dem Alten und dem Neuen Neumarkt. Ein paar artige Zimmer, die in den Hof sahen, der wegen des Durchgangs nicht unbelebt war, bewohnte der Buchhändler Fleischer während der Messe und ich für die übrige Zeit um einen leidlichen Preis.“

    Die „Große Feuerkugel“ stand am Neumarkt 3, der damals noch Neuer Neumarkt hieß, denn der Alte Neumarkt war die heutige Universitätsstraße.

    Am Neumarkt, wo die „Feuerkugel“ einst stand und heute das riesgie Kaufhof-Quartier steht, hängt auch eine Bronzetafel, die an die „Große Feuerkugel“ erinnert, die mit ihrem Namen an den Beschuss mit Feuerkugeln durch die Schweden bei der Belagerung von 1642 erinnerte. Goethe war nicht der einzige Dichter, der hier mal für ein Weilchen unterkam: Lessing hatte hier seine Bude genauso wie der preußische Dichter Ewald von Kleist, der aber nicht als Dichter oder Student in die Stadt kam, sondern als preußischer Offizier und Besatzer im Siebenjährigen Krieg. Der war übrigens gerade zwei Jahre vorher zu Ende gegangen und Sachsen und Leipzig waren völlig überschuldet, nachdem Preußenkönig Friedrich seine Kontributionen eingetrieben hatte. Doch davon merkte Goethe in seinen ersten Leipzig-Tagen augenscheinlich nicht viel. Hier wurde wieder emsig gehandelt und Geld verdient.

    Am 19. Oktober hat er sich dann ordentlich eingeschrieben als Jurastudent, wohl selbst nicht ahnend, dass er es mit dem Studium die nächsten drei Jahre nicht ganz so ernst nehmen würde, dafür lieber Zeichenunterricht bei Oeser nahm, ab und zu bei Gellert Vorlesungen hörte, gern in Zehmischs neu eröffnetes Komödienhaus ging (1764 auf der Rannischen Bastei errichtet, der Platz daneben hieß später Theaterplatz und heute ist es der Richard-Wagner-Platz – ja, Goethe war auch hier) und ziemlich oft in Auerbachs Keller war, wo ihm möglicherweise neben dem Wein auch die Faust-Sage irgendwie gefallen hat. Mit den bekannten Wirkungen bis heute.

    Bleibt die Frage: Wo ruhte der angehende Dichter, wenn Messe war und Buchhändler Fleischer seine Zweitwohnung in der „Großen Feuerkugel“ bezog?

    In Reudnitz, stellt Otto Werner Förster in „Leipziger Kulturköpfe“ fest,  da musste der Studiosus ausweichen wie so viele andere Leipziger Studenten auch.

    Und den Rest von dem, was Johann Wolfgang in Leipzig passierte, kann, wer mag, nachlesen in:

    Manfred Zittel Erste Lieb‘ und Freundschaft. Goethes Leipziger Jahre, erschienen 2007 im Mitteldeutschen Verlag.

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