Seiten 115 bis 132

Das Untertan-Projekt: Der Tag, an dem sich Diederich in Windeseile radikalisiert

Für alle LeserEs gibt Stellen in diesem „Untertan“, die werden einem in ihrer Tragweite augenscheinlich wirklich erst bewusst, wenn man das Buch in einer anderen Zeit noch einmal liest. In einer Zeit wie unserer, wo sich haufenweise Kommentatoren nicht mehr einkriegen im Gewundere darüber, dass es so eine Krachleder-Partei wie die AfD gibt, menschenfeindlich, ausgrenzend, arrogant, blasiert – das ganze preußisch-nationale Junkergehabe von 1892, da ist es wieder. Auferstanden als Zombie.

Und das, was Diederich erlebte, war keine Spur besser, nur augenscheinlich noch eine Spur schärfer, menschenverachtender und scheinheiliger. Denn das Frappierende an dieser korsettierten Welthaltung ist ja, dass ihre Prediger öffentlich Wasser predigen und ansonsten heimlich Frauen begrapschen, am liebsten Dienstbotinnen und Angestellte.

Etwas, was man beinah vergessen hat bei dem peinlichen Frühstücksgespräch des antrittsbesuchenden Diederich beim windelweichen Bürgermeister Scheffelweis, bei dem Gerichtsassessor Jadassohn schon mal seine drohende Art, Bekenntnisse einzufordern, gezeigt hat – aber so ganz nebenbei, auch von Diederich bemerkt, das Dienstmädchen begrapschte.

Selbst Scheffelweis tut so, als habe er nichts bemerkt. Und so geht’s beim Pastor Zillich und seinen Töchtern weiter, die Diederich anschließend zusammen mit Jadassohn besucht. Was ist das für ein Tag! Es geht vom einen Essen zum nächsten Trinkgelage. Und auf wenigen Seiten erlebt der Leser mit, wie Diederich sich radikalisiert. Eigentlich hat er schon bei der ersten Begegnung mit Jadassohn die Seiten gewechselt. Noch versucht er, sich bei Scheffelweis einzuschleimen, indem er meint, doch ein liberaler Man zu sein.

Aber liberal war er nie. Vorher war er nur leer, ein Hündchen, das sein Herrchen gesucht hat. Und bei der Neuteutonia hat er angedockt, weil er hier nur mitsaufen und nachmachen musste.

So, wie einige Leute heute wieder bei Parteien andocken. Wenn man nur nachbeten muss, was vorne gebrüllt wird, ist man dabei. Dann kann man mit gezwiebelter Verachtung herabschauen auf diese ganzen Liberalen, Demokraten und – das Schlimmste für Diederich, der ja nun Besitzer einer Papierfabrik ist – Sozialdemokraten. Den alten Demokraten Buck, vor dem er am Morgen noch schlawinert hat, hat er schon bei Scheffelweis verraten. Er hat kein Rückgrat und keinen Anstand.

Das ist das Bedrückendste an diesem Kapitel, in dem Jadassohn und Heßling sich gegenseitig aufstacheln in verächtlichen Sprüchen über die – aus ihrer Sicht –, die die wohldurchdachte kaiserliche Zucht und Ordnung untergraben. Und man liest nur mit offenem Mund, wie Jadassohn und Heßling beim Besuch bei Pastor Zillich einstimmen in sein Gewetter über die moralische Verkommenheit von Netzig.

Eigentlich lässt auch Zillich sich anspornen. Und Heinrich Mann wäre nicht Heinrich Mann, wenn er nicht in spitzen Nebensätzen darauf hinweisen würde, wie sie sich alle gegenseitig beäugen und richtig Angst davor haben, dass die anderen auf die Idee kommen könnten auch in ihnen einen Anhänger des Umsturzes zu mutmaßen. Diederich schwitzt regelrecht Blut und Schweiß.

Er ist sich seiner neuen Rolle noch nicht sicher, es ist ja erst der erste Tag, dass er herumläuft und versucht, Eindruck zu schinden. Und da er selbst kein Rückgrat hat, braucht er das Gefühl, dass er mit seinen immer schärferen Parolen bei denen Anklang findet, die sich selbst schon mit martialischen Sprüchen überbieten und – mit der Kür immer neuer Feinde.

Bei Zillich bekommen sie ihre nächsten Feinde serviert: die städtischen Freimaurer. Es ist ein beängstigend beschleunigter Prozess, den Mann da in Windeseile aufblättert – die kleine Gruppe, in der Diederich so eiligst angedockt hat, radikalisiert ihre Position im Zusehen. Und sie baut daraus eine veritable Drohkulisse, die noch am selben Tag die kleine Stadt eigentlich mittendurchreißt: Diederich und Jadassohn haben des Kaisers Parole verinnerlicht, der nur noch zwei Parteien kennen wollte – die, die mit ihm war, und die, die gegen ihn war.

Und wie viel Menschenverachtung darin steckt, erlebt der Leser, als ein Schuss fällt. Der Wachposten neben dem Haus des erzkonservativen Regierungsrats von Wulckow hat einen Passanten erschossen. Keinen ganz zufälligen, sondern einen jungen Burschen, den Diederich noch am Morgen beim Tändeln mit einer Arbeiterin erwischt und sofort gekündigt hatte. Er hat sich ja schleunigst zu einem harten Unternehmer gemacht, der auf Gefühle keine Rücksicht mehr nimmt. Er macht es wie Großmaul Trump: Er feuert die Leute – ohne Übergang, ohne Verständnis. Obwohl er weiß, dass sie dann vor dem Nichts stehen. Da gibt es keine soziale Hängematte. Da fehlt sofort das Geld zu Leben.

Möglich also, dass der Gefeuerte den Wachposten verbal attackiert hat – ein armes Schwein wie er selbst.

Aber das zählt nicht. Wo die herbeigeeilte Gruppe um den Fabrikanten Lauer noch Verständnis zeigt und der jungen Frau helfen will, die jetzt auch noch ihren Geliebten verloren hat, ist Jadassohn schon dabei, auch das Mädchen gleich noch verhaften zu lassen – als Mittäterin. Da möcht man irrewerden, was für Typen auf einmal in Netzig das Klima bestimmen.

Und Kraft ihres Rohrstocks im Rücken Angst und Misstrauen verbreiten. Und sich im Einschüchtern friedlicher Leute erst so richtig wohlfühlen. Als der Fabrikant Lauer auch nur vorsichtig kritisiert, dass der arme Bursche erschossen wurde, hat er es gleich mit einem hellhörigen Mann der Macht zu tun. Denn Jadassohn und Diederich empfinden sich ja jetzt als Männer der Partei der Macht. Und Jadassohn versucht den vorsichtigen Lauer herauszulocken.

„Ich möchte fragen, ob das von Ihrer Seite vielleicht eine Mißbilligung der Behörde bedeuten sollte?“

Aber Lauer hat gemerkt, wonach es hier riecht: „Ach so. Mich möchten Sie wohl auch abführen lassen?“

Aber weil er sich mit Jadassohn, der augenscheinlich wirklich die Macht hat, Leute wahllos abführen zu lassen, nicht anlegen will, bringt er Diederichs „gefährlichen Schnurrbart“ ins Spiel. Aber da hat er wohl noch nicht gemerkt, dass Diedrich seit heute morgen Partei ist. Er hat gemerkt, wer in diesem preußischen Nest Eindruck schinden und die Leute verängstigen kann und wie das funktioniert, wenn man den Leuten einfach mal den Umsturz unterstellt. Damals hieß das noch nicht Extremismus. Das Wort musste noch erfunden werden.

Man staunt eher mit einer gewissen Verzweiflung darüber, wie diese Art „staatstragendes Denken“ nach 1990 so schnurstracks wieder salonfähig wurde und sich heute gar keiner mehr darüber wundert, dass es so weit verbreitet ist. Und so selbstverständlich: Wer ein staatliches Amt besitzt, hat Macht und Recht zugleich. Und wer das kritisiert, ist ein Extremist. Oder im Sprachgebrauch des Wilhelminismus: ein Umstürzler.

Auf einmal werden selbst Worte wie Demokrat und Liberaler anrüchig. Wer wird in diesem Städtchen noch wagen, den Mund aufzumachen, wenn Leute wie Diederich Heßling die Stimmung anheizen? Mit der Gemütlichkeit ist es in Netzig jetzt wirklich vorbei. So kommt der Radikalismus in die Köpfe. Ganz bürgerlich national-gesinnt. Wenn einem das nicht so verflixt bekannt vorkäme! Als wäre die miese Stimmung aus Wilhelms glorreichen Zeiten aus einem alten Grab wieder aufgestiegen. Nur dass Typen wie Diederich damals ganz bestimmt nicht gerufen hätten: „Wir sind das Volk!“

Vom Volk hatte er noch eine andere Meinung: „Das Volk muß die Macht fühlen! Das Gefühl der kaiserlichen Macht ist mit einem Menschenleben nicht zu teuer bezahlt!“

Und dann setzt er noch einen drauf, wenn er zu Zillich sagt: „Für mich hat der Vorgang etwas direkt Großartiges, sozusagen Majestätisches. Daß da einer, der frech wird, einfach abgeschossen werden kann, ohne Urteil, auf offener Straße! Bedenken Sie: mitten in unserm bürgerlichen Stumpfsinn kommt so was – Heroisches vor! Da sieht man doch, was Macht heißt!“

Kann es sein, dass diese Anbetung der heroischen Macht die kleinen und dicken Diederiche heute noch immer begeistert? Dass ihnen etwas fehlt, wenn die Macht nicht heroisch durch die Straßen stapft und einfach alle abschießt, die „frech werden“?

Ich hab so ein dumpfes Gefühl und würde jetzt lieber das Mädchen trösten, das seinen Freund verloren hat. Aber es geht mit Diederich, Zillich und Jadassohn in die nächste Kneipe. Wie hoch ist der Alkoholpegel eigentlich schon?

Das „Untertan-Projekt“.

Untertan-Projekt
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Schauspiel Leipzig. Foto: Ralf Julke

Foto: Ralf Julke

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