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Die Familie Liebknecht in Leipzig, der Frieden und der Mord am prominentesten Kriegsgegner im deutschen Reichstag

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    Am Dienstag, 15. Januar, um 18 Uhr gibt es im Alten Rathaus eine spezielle Führung mit Gespräch zum 100. Todestag von Karl Liebknecht: „Vom ‚Revoluzzer‘ zum Märtyrer“. Wobei sich die Führung eher nicht mit den Umständen des Todes von Karl Liebknecht beschäftigt, sondern mit seiner Herkunft aus Leipzig. Denn hier wurde er ja am 13. August 1871 geboren, just im Jahr der Gründung jenes Reiches, das 1918 in Scherben zerfiel. Und für die SPD ist es ein mehrfach peinliches Kapitel.

    Denn Liebknecht war mit seiner Wahl in den Reichstag 1912 konsequent auf Antikriegskurs, vertrat damit auch die alte Friedenspolitik der SPD. 1907 war gegen Liebknecht aufgrund seiner Schrift „Militarismus und Antimilitarismus“ schon ein Hochverratsprozess angestrengt worden. Wie kaum ein anderer stand Liebknecht in dieser Zeit für eine europäische Friedens- und Verständigungspolitik, während die Staaten selbst eine forcierte Hochrüstung betrieben und das Pulverfass bereitstellten, das im August 1914 zünden sollte.

    Und selbst vier Tage nach Kriegsverkündung hielt Liebknecht an seiner Position fest, dass die SPD-Fraktion im Reichstag den beantragten Kriegskrediten der Reichsregierung (die nach dem verlorenen Krieg in die heftigste Finanzkrise münden sollte, die Deutschland je erlebt hatte) nicht zustimmen sollte.

    Auf der Fraktionssitzung dazu soll es richtig laut und böse zugegangen sein, weil sich Liebknecht und weitere 13 Abgeordnete gegen die Kriegskredite aussprachen. Noch kurz zuvor hatte selbst die Parteiführung nicht damit gerechnet, in der Fraktion eine Mehrheit für die Kriegskredite zu bekommen. Aus Fraktionsdisziplin stimmte dann auch Liebknecht für die Kriegskredite. Zum letzten Mal.

    Im Dezember bei der Vorlage der nächsten Kriegskredite stimmte er als einziger Abgeordneter dagegen. Woraufhin er zum Wehrdienst eingezogen wurde und nur noch zu den Sitzungen des Reichstags nach Berlin fahren durfte. Jetzt unterstand er dem Militärrecht und sollte damit gezwungen werden, sich jeder politischen Äußerung zu enthalten.

    Doch als ab 1916 deutlich wurde, dass die Kriegsmüdigkeit in der Bevölkerung wuchs, trat er wieder bei einer öffentlichen Antikriegs-Demonstration auf, wurde verhaftet und zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Erst im Herbst 1918 kam er wieder frei und versuchte nun mit der innerhalb der SPD entstandenen Spartakusgruppe die Revolution weiterzutreiben über das hinaus, was Friedrich Ebert mit der neuen Übergangsregierung zu erreichen versuchte.

    Und das ist ein heikles historisches Kapitel in der deutschen Geschichtswissenschaft: Wie bewertet man diese Revolution? Und wie bewertet man den Spartakusaufstand als Versuch, tatsächlich auch im Staatsapparat einen kompletten Machtwechsel herbeizuführen – nach dem Vorbild der Oktoberrevolution in Russland?

    Immerhin sorgte der Spartakusaufstand dafür, dass sich die Ebert-Regierung sofort mit dem alten Militärapparat verbündete und die Reichswehr gegen die aufständischen Arbeiter und Soldaten einsetzte. Ein heikles Bündnis, denn wes Geistes Kind die neuen Korpsführer waren, wurde spätestens klar, als in Berlin die Plakate mit dem Aufruf „Schlagt ihre Führer tot!“ auftauchten und Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg tatsächlich verhaftet, gefoltert und dann ermordet wurden – mit Wissen der Reichskanzlei. Es ist das große Schisma der deutschen Linken, das bis heute anhält. Motto: Mit denen spielt man nicht.

    Sven Felix Kellerhoff und Lars-Broder Keil würdigen das, was im Herbst 1918 geschah, in ihrem Buch „Lob der Revolution“ durchaus als Erfolg – Deutschland bekam so tatsächlich zum ersten Mal in seiner Geschichte eine demokratisch legitimierte Republik mit einer Verfassung. Aber mit den Krisen der jungen Republik bröckelte auch ihr Fundament, radikalisierten sich die Flügel der Gesellschaft. Und zur Radikalisierung des linken Flügels gehört auf jeden Fall die Frage: Wäre die Geschichte anders verlaufen, wenn die Ereignisse im Januar 1919 anders verlaufen wären?

    Oder war europäische Geschichte schon damals „unausweichlich“ mitsamt den Radikalisierungen, die das ganze 20. Jahrhundert überschatteten und heute nicht nur in Deutschland wieder aufzukochen scheinen?

    Über das Leben und den Tod von Karl Liebknecht berichtet Dr. Johanna Sänger, Kuratorin des Stadtgeschichtlichen Museums für Stadt- und Landesgeschichte ab 1800, am Dienstag, 15. Januar 18 Uhr, im Alten Rathaus.

    Der thematische Bogen, den sie aufnehmen wird: 1871 in Leipzig geboren und am 15. Januar 1919 in Berlin von Freikorps-Offizieren ermordet, polarisiert Karl Liebknecht wie kaum ein anderer Kriegsgegner. Zu seinem 100-jährigen Todestag schlägt die Führung in der Ständigen Ausstellung „Moderne Zeiten“ den Bogen von der Familie Liebknecht in Verbindung mit der frühen Leipziger Arbeiterbewegung bis zu den Protesten gegen den Mord. Dabei werden authentische Dokumente und Kleidung als seltene und nur kurzzeitig ausgestellte Erinnerungsstücke des prominenten Kommunisten präsentiert.

    Termintipp: Vom „Revoluzzer“ zum Märtyrer, Führung und Gespräch zum 100. Todestag von Karl Liebknecht am Dienstag, 15. Januar, im Alten Rathaus, 2. OG. Der Eintritt ist frei.

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