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Der Ruhm seines Vaters ließ ihn nicht ruhen: Siegfried Wagner in Leipzig

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    Für den Leipziger Richard-Wagner-Verband (RWV) gab es nach dem Erinnern an die Eröffnung der Zoppoter Waldoper am 11. August 1909, später dann als das „Bayreuth des Nordens“ bekannt geworden und existent bis 11. August 1944, nun am 19. Juni ein weiteres Jubiläum in diesem Jahr mit einem Vortrag zu würdigen. Diesmal galt es, an den 150. Geburtstag von Siegfried Wagner (1869-1930) zu erinnern.

    Den Vortrag am 19. Juni hielt Herr Roland H. Dippel aus Leipzig vor über 70 Zuhörern in der Leipziger Stadtbibliothek. Über den Vortrag selbst kann auf der Web-Seite des RWV nachgelesen werden.

    Obwohl seit dem Jubiläum schon einige Zeit verstrichen ist, lohnt es sich da mal etwas genauer hinzuschauen, zumal es der Referent versäumt hat, einen Bezug zu Leipzig herzustellen. Das allgemein auch im Internet Nachzulesende vorausgesetzt, sei hier nur noch die folgende Ergänzung mitgeteilt.

    So berichtet das Blatt „Die redenden Künste“ v. 18.06.1896 aus dem Leipziger Constantin Wild Verlag in Wort und Bild u. a.:

    „Sein Debüt in der Öffentlichkeit bestand summa cum laude Siegfried, als er am 5. Dezember 1893 ein großes Orchesterkonzert des Leipziger Liszt-Vereins mit Werken seines Vaters, seines Großvaters und seines Lehrers Humperdinck leitete.

    Da Siegfried seit jener Zeit in fast allen größeren Städten als Dirigent aufgetreten ist und sich als solcher ungemein vervollkommnet hat, da er überdies als Dirigent der heurigen Festspiele neben Hans Richter und Felix Mottl genannt wird, könnte man annehmen, sein Streben gehe dahin, dereinst die musikalische Oberleitung in Bayreuth in die Hand zu nehmen. Das ist aber nicht der Fall, wie aus einem umfangreichen Schreiben, welches Siegfried im letzten Winter an den Musikschriftsteller Heinrich Chevalley, den Redakteur der Zeitschrift Die redenden Künste, richtete, klar erhellt, wenn er sagt:

    ,Sie schrieben in freundlicher Weise in Ihrem Aufsatze, daß ich vielleicht berechtigt sein werde, einst an der Spitze der Bayreuther Festspiele zu stehen. Da muß ich Ihnen erwidern: daß, um an der Spitze dieses künstlerischen Unternehmens zu stehen, nicht in erster Linie ein Dirigententalent in Betracht kommt, sondern daß das Hauptgewicht wo ganz anders liegt, nämlich im richtigen Sinne für das, was die Bühne ist, was die jeweiligen dramatischen Situationen erfordern, sowohl im Deklamatorischen, wie im Mimischen; ferner, wie man Massen bewegt, gliedert, belebt etc., etc. Kurz, der Dirigent spielt in Bayreuth die zweite Rolle. Das hat mein Vater von jeher ausgesprochen, indem die Dirigenten nur seine Befehle auszuführen hatten. Daß aber die meisten Dirigenten von der Bühne wenig verstehen, das werden Ihnen die Herren selber offen zugestehen. Das Dämonische der Bühne ist wenigen aufgegangen. Sonst wären unsre sämtlichen Theater nicht so mittelmäßig. Aufgegangen ist es meiner Mutter. Ob es mir aufgehen wird? Ich hoffe es! Mein Streben steht daher weniger auf das Dirigieren, als auf das Bühnenleiten in Bayreuth. Gute Kapellmeister wird man hoffentlich immer finden.‘ u.s.w.

    Es ist wohl anzunehmen, daß Siegfried Wagner mit diesen Auslassungen ein für allemal allen Vermutungen ein Ende hat bereiten wollen, deshalb seien dieselben hierdurch der Öffentlichkeit übergeben. Hoffen wir, daß das Talent und die Energie, die Siegfried bisher bewiesen hat, ihn sein hohes Ziel erreichen lassen; der wahre geistige Hüter des vom Vater hinterlassenen Schatzes würde dann im Sohne zu finden sein.“

    Der Leipziger Musikverleger Max Brockhaus schloss 1898 einen Vertrag mit Siegfried Wagner über dessen Werk „Der Bärenhäuter“ ab. Diese Märchenoper in drei Akten war dann auch 1899 als vollständiger Klavierauszug mit dem Text von Eduard Reuß und Julius Kniese für 16 Mark zu haben. Nach der Uraufführung der Oper in München am 22. Januar 1899 brachten die Leipziger Neuesten Nachrichten fünf Tage später eine Nachlese in Form einer „Theaterplauderei über die erste Aufführung von Siegfried Wagners ,Bärenhäuter‘“ und am 31. Januar eine Rezension von Martin Krause.

    Bemerkenswert für Leipzig war es schon, dass es der „Bärenhäuter“ bis zum Jahre 1904 als eine von fünf neuen Opern auf über zehn Aufführungen gebracht hat. Das geht aus einem Vortrag des Leipziger Literaturwissenschaftlers Georg Witkowski am 14. November 1904 in einer Versammlung der Gemeinnützigen Gesellschaft über das Leipziger Stadttheater hervor.

    Dann, 16 Jahre später, „seitdem sind mehr als ein halbes Dutzend weitere Opern Jungsiegfrieds erschienen, die aber im Wesentlichen kaum höher zu bewerten sind als das Erstlingswerk“, setzt sich die LVZ sehr kritisch in einem längeren Beitrag über ein Siegfried-Wagner-Konzert auseinander. Es fand am 30.11.1914 in der Alberthalle (mit ihren 2.546 Sitzplätzen) zum Besten der Kriegsnotspende und der Unterstützung notleidender Leipziger Musiker statt.

    Die wohl entscheidenden Sätze der Kritik lauten: „Die gehörten Werke lassen eine starke musikalische Begabung vermissen, und Siegfried Wagner wird als dramatischer Komponist kaum je zu allgemeiner Anerkennung gelangen. Der in seinem Schaffen zutage tretende volkstümliche Zug, der freilich nicht immer ganz echt erscheinen will, vermag aber anspruchsloseren Werken wohl eine größere Wirkung zu verleihen, und so wird sein Fahnenschwur (von Ernst Moritz Arndt) für Männerchor und Orchester gewiß weitere Verbreitung finden. Es ist unbegreiflich, wie es Leute geben kann, die neben dem Komponisten auch dem Dirigenten Siegfried Wagner zujubeln. Seiner Leitung fehlt jede persönliche Note, es sei denn, daß man die vielen willkürlichen Zeitmaße im Siegfried-Idyll dafür halten will, und wie wenig er ein Tonwerk plastisch zu gestalten vermag, zeigte das Meistersinger-Vorspiel, das wir hier denn doch anders zu hören gewohnt sind.“

    So lässt sich einer der ersten Sätze des LVZ-Artikels – „Siegfried Wagner … ließ der Ruhm seines Vaters nicht ruhen: er wünschte das geistige Erbe Richard Wagners als schaffender Künstler vor der Welt zu vertreten und damit auch für sich die Lorbeeren des dramatischen Komponisten zu erringen“ – ergänzen mit den Worten „ist fehlgeschlagen“.

    Literaturhinweise:
    „Künstler der Bayreuther Festspiele 1896 in Wort und Bild“, Die redenden Künste, 2. Jg. Heft 43/1896 v. 18.06.1896, S. 1269-1271. (Abb. S. 1082)
    LT 583/1904 v. 15. 11. 1904, S. 5.

    LVZ 277/1914 v. 01.12.1914, 10. S.

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