Nachdenken über … Robinson Crusoe

Für alle LeserNoch so ein Datum, das kaum jemand auf dem Schirm hat. Ein bärtiger Bursche mit Sklavenhaltermentalität wird in diesem Jahr 300 Jahre alt. Der Bursche heißt Robinson Kreutzner. Den Mitmenschen, die noch Bücher lesen, besser bekannt als Robinson Crusoe. Der Roman „The life and strange surprizing adventures of Robinson Crusoe“ erschien 1719.

Kreutzner hieß sein Vater. Der stammte aus Bremen und heiratete nach seiner Übersiedlung ins englische Hull eine Frau aus der Familie Robinson. „Da es aber in England Mode ist, die Worte zu verunstalten, so hießen wir jetzt Crusoe“, heißt es gleich zu Beginn des Romans, in dem Daniel Defoe seinem Helden eine – natürlich – noch viel abenteuerlichere Geschichte andichtete, als er sie selbst erlebt hatte. Denn als er den Roman veröffentlichte, war er selbst schon 59.

Sein Leben fasst der „Brockhaus“ so zusammen: „Der Autor des Romans, Daniel Defoe, war ursprünglich Kaufmann, musste überschuldet Bankrott anmelden, arbeitete sich als Fabrikant wieder hoch, wurde politischer Propagandist und Regierungsberater, verfasste zahlreiche Flugschriften und wurde so zum populärsten Journalisten Englands; er wurde ins Gefängnis geworfen, machte erneut ökonomisch Bankrott, gründete eine der ersten Wochenzeitungen und wurde ein äußerst produktiver und erfolgreicher Schriftsteller.“

Das ist England 1719. Das Land ist seit dem Sieg über die spanische Armada 1588 nicht nur dabei, sämtliche Weltmeere zu beherrschen, es wird auch zum ersten Experimentierraum des aufgehenden Kapitalismus. Defoes Leben ist typisch dafür. Adam Smith, der Mann, der die erste große Theorie des Marktes entwickeln sollte, ist noch gar nicht geboren. Der würde erst vier Jahre später geboren werden.

Aber wer sich von der üblichen Vorstellung trennt, Robinsons Abenteuer seien eine romantische Seefahrergeschichte, der darf das Buch durchaus auch mal anders lesen. Denn der Bursche, der uns gleich auf den ersten Seiten begegnet, ist kein unbeschriebenes Blatt. Er ist Besitzer ausgedehnter Plantagen in Südamerika. Und dass er sich jetzt zu Schiff begab, hat einen Grund: Er will sich für eine Menge Glasperlen in Afrika Sklaven für seine Plantagen kaufen.

Wir sind ja noch im vorindustriellen Zeitalter. Aber das Denken war schon ganz ähnlich wie heute: Menschen wie dieser tatenfreudige Robinson Crusoe sahen überhaupt kein Problem darin, sich die Welt anzueignen, um daraus Gewinn zu schlagen – große Landgüter in Südamerika und versklavte Arbeitskräfte aus Afrika. Schon aus einem frühen Gespräch Robinsons mit seinem Vater erfahren wir, wie sehr dieses Denken im englischen Bürgertum der Zeit im Schwange war:

„Er sagte mir, dass nur Leute in verzweifelter Lage oder solche, die nach großen Dingen streben, außer Landes und auf Abenteuer gehen, um sich durch Unternehmungen, die außerhalb der gewöhnlichen Bahn liegen, emporzubringen oder berühmt zu machen.“ Der Vater preist dem Sohn das Glück des Mittelstandes, der nicht heimgesucht würde „von dem Hochmut, der Üppigkeit, dem Ehrgeiz und dem Neid, die in den höheren Sphären der menschlichen Gesellschaft zu Hause seien“.

Wobei der Vater verkennt, dass auch die „Abenteurer“ nach nichts anderem strebten, das war ja die Triebkraft der neuen Gesellschaftsform: Nur wer Wagnisse einging, Unternehmungen begann, konnte zu den „höheren Sphären“ aufschließen, ein Leben wie die Lords führen. Und das war auch die Triebkraft hinter den englischen Eroberungen der Welt. Der englische Kapitalismus war von Anfang an einer, der sich die Güter und Länder anderer Menschen unter den Nagel riss.

Und dieser Kolonialismus lebt bis heute. Aufgehört hat im 20. Jahrhundert nur die staatliche Besetzung anderer Länder, der sogenannten Kolonialreiche, in denen sich die englischen Kaufleute an allem bereicherten, was sie vorfanden. Und andere Länder folgten ihnen.

Und sie haben nie damit aufgehört, auch wenn sie heute keine Kolonialtruppen mehr brauchen. Heute agieren die großen Konzerne aus den Ländern des Nordens trotzdem genauso – sichern sich den Zugriff auf die Bodenschätze, die Wälder und Früchte und kaufen sich einfach am Ort die zuständigen Politiker, Parlamente oder – wenn sie nicht parieren – bewaffnete Truppen, die sie dann einsetzen – gegen die Bevölkerung, die nicht weichen will, gegen unliebsame Politiker oder auch die sozialen Bewegungen vor Ort.

Dabei zerstören sie komplette Landschaften, wenn es um Gold, Kupfer, Bauxit oder auch Seltene Erden geht. Und in der Regel lassen sie die Einheimischen für Hungerlöhne schuften, frei nach dem Motto: „Wir schaffen doch Arbeitsplätze.“ Auch wenn sie vorher erst ganzen Regionen die Existenzgrundlage zerstört haben.

Dahinter steckt ein simples technokratisches Denken, das gar nicht erst auf die Idee kommt, eine intakte Umwelt, Artenreichtum, Trinkwasser oder selbst bewirtschaftete Felder seien Werte an sich. All das ist in den Augen dieser ganz auf den eigenen Profit fixierten Konzerne unwichtig, überflüssig. Deswegen wird auch das, was Adam Smith 1776 in „An inquiry into the nature and causes of the wealth of nations“ schrieb, meistens verknappt auf einen scheinbar rationalen Marktteilnehmer, den „homo oeconomicus“, alle andere Wirtschaftsweisen aber, die nicht auf den Profit eines Unternehmens angelegt sind, als Störungen oder Unvollkommenheiten des Marktes betrachtet.

Sie kommen auch in den ganzen beeindruckenden Rechenformeln der klassischen Wirtschaftslehre nicht vor. Genauso wenig übrigens wie die Natur, die Endlichkeit der Rohstoffe, die Müllberge, die dieses Wirtschaften produziert, die zerstörten Kulturen oder all die Menschen, denen man die Lebensgrundlage entzogen hat.

Deswegen nutzen klassische Ökonomen zwar gern den „Robinson“, um am simplen Beispiel zu zeigen, wie aus ihrer Sicht rationales Handeln zum Erfolg führt.

Denn Robinson betätigt sich auf seiner Insel wie ein kleiner Unternehmer, ganz rational, wie es der „Brockhaus“ zusammenfasst: „Robinson muss auf seiner Insel viele der Güter, die in der arbeitsteiligen Zivilisation selbstverständlich sind, zuallererst mühsam selbst herstellen. Sein Leben ist gekennzeichnet durch soziale Einsamkeit, aber auch technischen Erfindungsgeist, Selbstdisziplin, Arbeitsfleiß, Sparsamkeit bezüglich knapper Ressourcen. Sein Charakter ist der Inbegriff bürgerlicher Individualität.“

Als wollte der „Brockhaus“-Autor das Lebensgefühl des „Robinson“-Autors selbst auf den Punkt bringen. Denn diese Art, sich selbst immer wieder aus Bankrott und Gefängnis hochbringen zu müssen, macht einsam. So einsam wie diesen Robinson, der sich am Ende wie ein Schneekönig freut, als er den flüchtenden Eingeborenen retten kann, den er dann „Freitag“ nennt.

Man darf auch nicht vergessen, dass sich Robinson selbst als einen sehr puritanischen Menschen beschreibt. Dieser Puritanismus steckt auch heute noch tief im angelsächsischen Kapitalismus, der es fertigbringt, die Welt auszuplündern, und sich dabei selbst gar noch als menschenfreundlich und gottgesandt zu verstehen. Ein Zungenschlag, den man immer hört, wenn westliche Staatsmänner meinten, sie müssten unter der Fahne von Demokratie und Freiheit andere Staaten zu irgendetwas zwingen, sie moralisierend belehren oder gleich mal den nächsten militärischen Einmarsch planen, um einen vermeintlichen Diktator zu stürzen. Oder eine „böse Regierung“.

Und auch Robinsons Verhältnis zu Freitag wird keins auf Augenhöhe. Er macht Freitag zu einem glücklichen Diener, behält sich aber die Rolle des Meisters und Herren vor, des besserwissenden Mannes, der weiß, wie man die Dinge im Griff behält. Deswegen lesen sich viele Passagen im Buch auch so ermüdend. Dieser Robinson ist ein Mann ohne Eigenschaften, er ist ganz und gar Unternehmer und Puritaner.

Und was die kritischen jüngeren Ökonomen an seiner Verwendung als Musterbeispiel für den echten Unternehmer kritisieren, ist: Er muss gar nicht viel dafür tun, den überlegenen Weißen Mann heraushängen zu lassen. Denn seltsamerweise ist beim Schiffbruch die gesamte restliche Mannschaft verschwunden, das Schiff aber mit all seinen Vorräten ist gestrandet und Robinson ist mit Gewehren und Handwerkszeug schon komplett ausgestattet.

Als hätte er sich gleich mal irgendwo eine Grundausstattung für seinen Unternehmensstart geordert, die ihm per Amazon frei Insel geliefert wurde. Und das Ganze verklärt er dann mit seinem puritanischen Zuckerguss, mit dem er dem Leser weismachen will, dass das ganze Inselabenteuer ja nur die verdiente Strafe dafür war, dass er damals seinem wohlwollenden Vater nicht gehorcht hat.

Am Ende erfährt man noch, dass seine Plantagenverwalter in Südamerika die ganze Zeit brav für ihn gewirtschaftet haben, er also ein reicher Mann ist, der auch gleich noch seinen Neffen unterstützen kann, selbst eine Handelskompanie zu gründen. Mit einem dieser Schiffe besucht er dann 1694 auch noch seine Insel, wo er selbst eine Kolonie gegründet hat.

Das ist tatsächlich das richtige Buch für den frühen englischen Kolonialismus.

Aber wurde Robinson jemals glücklich? Selbst die Rettung von der Insel wird für ihn nicht zur inneren Befreiung. Er bleibt ein Mann, der im Korsett seines Denkens gefangen blieb. „Was das Wichtigste ist, ich hatte eine vorteilhafte und mich völlig befriedigende Ehe geschlossen, aus der mir drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter geboren wurden.“

Das nennt man dann wohl eine nützliche Eheverbindung. Die Frau bekommt nicht einmal Kontur. Er trauert nicht einmal, „als der Tod mir mein Weib geraubt hatte“. So werden Frauen zu Besitzgütern, deren Vorhandensein über die Befriedigung des Hausherrn bestimmt.

Werden Kinder in der Schule heute eigentlich noch mit dem Robinson gequält, diesem selbstverliebten Macher, der alles, was ihm geschah, nach seiner Nützlichkeit und Brauchbarkeit behandelte?

Man hätte ihm ja gern zum Buch-Geburtstag gratuliert. Sein eigentlicher Geburtstag würde sich ja erst 2032 wieder runden, da würde dieser Robinson Kreutzner 400 Jahre alt werden.

Dass das Buch im Kern schon die Einsamkeit des Selbst-Unternehmers (hoch lebe die Ich-AG!), des zum Wettbewerb ohne Sicherheitsnetz gezwungenen Menschen im jungen Kapitalismus beschrieb, indem Defoe die Handlung in eine fiktive wilde Situation versetzte, fasst wieder der „Brockhaus“ sehr schön zusammen: „Die Grundsituation des Romanhelden ist die des einsamen Individuums und seines siegreichen Kampfes mit einer feindlichen Umwelt.“

Das ist der Kern unserer Wettbewerbs-Gesellschaft, das Innere des Denkens, das hinter der Phrase „There is no alternative“ die Welt mit Peitschen jagt, auf dass gar niemand erst auf die Idee käme, nachzulassen, auszusteigen, die verbotene Grenze abseits der Hatz zu betreten: „Stopp! There is no alternative!“

Am Ende von „Robinson“ wird dessen Frauenbild noch deutlicher, als der Erzähler von Brasilien aus an „seine“ Siedler auf der Insel „außer anderen Hilfsmitteln auch sieben Frauen, die mir sowohl zu Dienstleistungen als auch zu Frauen für diejenigen, die Lust danach trügen, geeignet schienen“ schickte.

Die Lebensgeschichten der sieben Frauen hätte ich gern gelesen. Aber auf die Idee, diesen Teil der Geschichte zu erzählen, kam Daniel Defoe nie.

Die Serie „Nachdenken über …

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