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Ein Vortrag zum 125. Geburtstag des Schriftstellers und Kulturkritikers Heinrich Wiegand

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    Sein Grab fehlt uns. Genauso, wie uns das Grab von Hans Natonek fehlt. Beide starben im Exil. Natonek in Tucson, Heinrich Wiegand in Lerici, einer kleinen Gemeinde in Ligurien in Italien, wo er 1934 starb, körperlich ausgezehrt. Zutiefst enttäuscht von dem, was in Deutschland passiert war. Aber einen Ehrenhain für die mutigen Leipziger Journalisten gibt es nicht. Sie sterben meistens im Exil. Aber sie sind nicht ganz vergessen. Der Leipziger Geschichtsverein e. V. würdigt Wiegand am 5. Februar.

    2012 holte der Lehmstedt Verlag den am 16. Februar 1895 in Lindenau Geborenen mit einer profunden Auswahl seiner journalistischen Arbeiten aus dem Vergessen zurück, die zwischen 1924 bis 1933 vor allem in der damals noch sozialdemokratischen LVZ, in der Weltbühne und diversen Zeitungen der Weimarer Republik erschienen.

    Sein Vater war Modelltischler. Seine Werkstatt hatte er in der Luppenstraße 20 b. 1932, dem Jahr, bevor Heinrich Wiegand aus Deutschland fliehen muss, ist er als Schriftsteller im Norderneyer Weg 1a in Gohlis registriert. Er gehörte also zu den ersten Bewohnern der neu erbauten Krochsiedlung in Gohlis-Nord.

    Da möchte man ja auch wissen, mit wem er da so unter einem Dach wohnte. Und siehe da: Es ist ein Stadtverwaltungs-Inspektor Arnold, ein Versicherungsinspektor Herrmann, ein Oberingenieur Weller, der Lehrer Fischer und der Gewerbelehrer Seifert. Registriert sind nur die männlichen Wohnungsinhaber.

    Eigentlich war auch Wiegand Lehrer, arbeitete auch nach Krieg und Kriegsgefangenschaft kurz als Volksschullehrer, betätigte sich aber nebenbei schon als Konzert- und Theaterkritiker. In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre war er einer der bekanntesten Kulturjournalisten Leipzigs.

    So wie Hans Natonek drüben bei der Neuen Leipziger Zeitung. Seine Beiträge, die vor allem in der LVZ erschienen, sind bis heute lesbar, denn er hatte nicht nur den Blick des Kunstkritikers. Er sah auch hinter die Kulissen und registrierte auch das Wetterleuchten.

    Wer die 2012 von Prof. Dr. Klaus Pezold zusammengestellte Auswahl liest, merkt, wie Wiegand zunehmend der Atem wegbleibt, wie ihn das blanke Entsetzen packt, was da mit seinem Land passiert und mit den Menschen. Der Band enthält auch den im Juni 1932 im „Kulturwille“ veröffentlichten Text „Impressionen von Deutschlands Schande“.

    „Von Zeit zu Zeit erfahre ich, daß der und jener meiner Bekannten Nazi geworden ist. Manchmal mit einem gewissen Schmerz, manchmal als Bestätigung einer Selbstverständlichkeit. Immer sind es Gescheiterte …“. Für ihn ist die Nazi-Partei die „Partei der Bankrotteure“.

    Doch diese Bankrotteure kennen keine Grenzen. Weil sie keine Skrupel kennen. Und weil 50 Prozent der Deutschen nur zu bereit sind, mit ihnen über Leichen zu marschieren. Wiegand als genauer Leser weiß, wie das funktioniert, wie diese Heilsmarschierer die Bürger regelrecht einfangen mit ihrem Schmalz, dem er auch gleich mal den Namen Courths-Mahler verpasst.

    „Die politischen Tageszeitungen der NSDAP sind eine Mischung aus blutrünstiger Wild-West-Kriminal-Literatur und sentimentaler Courths-Malerei. O Heimat, o Vaterland, o Blut der Väter, alleredelstes Blut der Welt! Die Marschmusik der SA-Kapellen und der Schmalzstil der Nazipresse: das ist das Erfolgsrezept des größten Gimpelfangs.“

    In diesem Jahr 1932 wurde er erstmals so deutlich und politisch. Auch in seinen Kritiken für die LVZ war er nicht so deutlich geworden. Doch er sieht, was kommt. Er redet sich die Lage nicht schön, so wie viele andere, die den Lärm der Nazis nur für Klamauk halten, für Übertreibung. Bei den Reichstagswahlen im Juli und im November 1932 waren die Nazis auch in Leipzig jeweils zweitstärkste Kraft geworden hinter der SPD.

    Doch einer wie Wiegand weiß, dass das nicht beruhigen kann. Schon gar nicht nach dem 31. Januar, nachdem Hindenburg Hitler die Macht in die Hände gegeben hatte.

    Spätestens am 2. März dürfte ihm klar gewesen sein, dass er schleunigst abreisen musste, denn da verbot das Leipziger Polizeipräsidium die LVZ bis zum 15. März. Erst am Tag zuvor hatte man den sozialdemokratischen Polizeipräsidenten Heinrich Fleißner per Ministerialverfügung beurlaubt. Die LVZ war auch verboten worden, damit die SPD keine Stimme mehr hatte bis zur von den Nazis anberaumten Reichstagswahl am 5. März.

    Da sitzen die meisten kommunistischen Politiker schon im Gefängnis. Nur ihre Partei steht noch auf dem Wahlzettel – und obwohl die SA sich bedrohlich vor den Wahllokalen aufstellt, wählen 92.324 Leipziger Wählerinnen und Wähler die KPD. 156.534 wählen die SPD. Nur die NSDAP hat mehr Stimmen, kommt aber trotzdem nur auf 37,2 Prozent.

    Am 9. März besetzen SA und SS das Volkshaus und in Plaue bei Flöha wird das erste sächsische KZ eingerichtet. Am 10. März verlässt Wiegand Leipzig. Über die Schweiz, wo er Hermann Hesse besuchte, flieht er nach Lerici in Italien, wo sein Freund Ossip Kalenter lebt. Auch dort bleibt er mit Hermann Hesse in Kontakt, den er ebenfalls zu seinen Freunden zählen kann. Er träumt noch davon, einen Roman zu Ende zu schreiben und dazu in Lerici vielleicht die nötige Ruhe zu finden. Danach will er mit seiner Frau Eleonore nach Brasilien auswandern.

    Doch am 28. Januar 1934 stirbt er. Der Arzt stellt eine Herzschwäche und Sepsis fest.

    „Die Plötzlichkeit seines Todes aber gab, verbunden mit der Ausweglosigkeit des Exilanten, Anlass zu dem Gerücht, Heinrich Wiegand habe seinem Leben selbst ein Ende gesetzt“, schreibt Pezold im Nachwort zu seiner Auswahl, der er den Titel „Am Rande eines wüsten Abgrunds“ gab.

    Folgerichtig ist es auch Pezold, der jetzt den Mann würdigen wird, der vor 125 Jahren in Leipzig geboren wurde.

    Seinen Vortrag betitelt er „Ein kultureller Anreger und streitbarer Demokrat im Leipzig der Weimarer Republik. Zum 125. Geburtstag von Heinrich Wiegand (1895–1934).“

    Der Vortrag behandelt einerseits Wiegands Leistungen als Musik- und Literaturkritiker sowie als Essayist, andererseits widmet er sich seiner Rolle im kulturellen Leben der Stadt und seinem frühzeitig begonnenen Kampf gegen nationalistische, rechtsradikale und antisemitische Tendenzen.

    Zum Vortrag in der Stadtbibliothek am Wilhelm-Leuschner-Platz im Veranstaltungsraum „Franz Dominic Grassi“ im Erdgeschoss lädt der Leipziger Geschichtsvereins e. V. ein.

    Der Vortrag beginnt am Mittwoch, 5. Februar, um 18 Uhr.

    Am schmalen Rande eines wüsten Abgrunds: Die klugen Texte des LVZ-Kritikers Heinrich Wiegand

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