Kirchenbauwerke gehören in Mitteldeutschland zu fast jedem Ort. Im Alltag sind sie bekannt als Wahrzeichen, Ortsmittelpunkt oder Orientierungsmarke, sie haben architektonisch, kunsthistorisch und regionalgeschichtlich vielfältige Bedeutung. Dutzende Kirchen werden heutzutage anders als ursprünglich genutzt, so auch in Dresden.

Die evangelisch-lutherische St.-Pauli-Kirche steht in Dresdens Hechtviertel. Ihr Grundstein wurde am 31. Mai 1889 gelegt, die Stadt hatte das Grundstück gestiftet. Die dreischiffige Hallenkirche des Architekten Christian Schramm aus Dresden wurde am 4. Februar 1891 geweiht. Der Sakralbau mit breitem Mittelschiff und schmalen Seitenschiffen mit Empore hatte ursprünglich Platz für 1.000 Gottesdienst-Besucher, der Kirchturm maß 78 Meter.

Die Kirche wurde bei Luftangriffen der United States Air Force am 16. Januar und 2. März 1945 stark beschädigt. Erhalten blieben lediglich die Außenmauern und der Kirchturm ohne Spitze. Zwischen 1965 und 1969 enttrümmerten Mitglieder der Kirchgemeinde die Ruine und sanierten sie teilweise.

Die Kirchgemeinde fand zunächst in Dresdens Garnisonskirche Heimat, später im Gebäude Eberswalder Str. 10, wo heute ein Kindergarten zu Hause ist.

Im Jahr 1993 wurden die Räume in der Fichtenstraße 2 zum Gemeindezentrum, seitdem feiert sie dort die Winter-Gottesdienste. Reelle Perspektiven für die Kirchenruine fehlten lange Zeit.

Es war im Jahr 1996, als ein neues Kapitel begann: Die Kirchgemeinde als Eigentümerin und die Stadtentwicklungs- und -sanierungsgesellschaft Dresden mbH, die Stesad GmbH, schlossen für 50 Jahre einen Erbbaurechtsvertrag.

Die Stesad begann daraufhin mit Sicherungsmaßnahmen mit Städtebaumitteln in Höhe von 500.000 DM.

Die Kirche um 1900. Foto: Paul Flade - http://digital.slub-dresden.de/id250555573, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=103876164
Die Kirche um 1900. Foto: Paul Flade – http://digital.slub-dresden.de/id250555573, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=103876164

Am 2. März 1997 wurde das Bauwerk als modernes Kultur- und Begegnungsstätte eröffnet, es entwickelte sich zum beliebten Sommertheater Dresdens. Mieter ist seit 1999 der gemeinnützige Verein TheaterRuine St. Pauli e. V., der auch den Spielbetrieb organisiert. Im Ensemble engagieren sich Laienschauspieler, unterstützt von professionellen Schauspielern. Der Verein will das nunmehr als Theaterruine St. Pauli bekannte Bauwerk kulturell beleben und langfristig als Veranstaltungsort profilieren.

Die Mitglieder sind ehrenamtlich umfassend am Betrieb des Hauses, der Organisation und der Inszenierungsarbeit auf und hinter der Bühne beteiligt. Auch finden dort Gastspiele anderer Theater- und Tanzgruppen, Konzerte und weitere Veranstaltungen statt.

Jährlich besuchen rund 20.000 Gäste etwa 60 Gast-Veranstaltungen und -Konzerte sowie etwa 80 Theateraufführungen des Vereins. Die Jahresmiete beträgt mit Betriebskosten 50.000 Euro.

Nachdem ein Teil des Kirchturm-Gesimses abgestürzt war, wurde die Theaterruine St. Pauli am 23. August 2005 baupolizeilich gesperrt, die Sicherungsarbeiten dauerten bis Juni 2006.

Die heutige Theaterruine St. Pauli. Foto: Jörg Blobelt, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=82010625
Die heutige Theaterruine St. Pauli. Foto: Jörg Blobelt, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=82010625

Von 2010 bis 2012 wurde sie für 2,6 Millionen Euro umfassend ausgebaut und saniert, dabei entstand ein 400 Quadratmeter großes Glasplatten-Dach. Dieses sowie Seitenverglasungen schützen nun die alten Mauern vor weiterem Verfall – und die Besucher vor Wetterkapriolen. Auch erhielt die Theaterruine St. Pauli neue Fenster und einen modernen Toilettentrakt im Untergeschoss, Seitenemporen wurden errichtet, Nebengelasse saniert und ein Fahrstuhl eingebaut.

Am 26. Mai 2012 wurde die Theaterstätte mit der Premiere „Der Diener zweier Herren“ feierlich wiedereröffnet. Die Theaterruine St. Pauli, die für Veranstaltungen und Gastspiele gebucht werden kann, bietet einen außergewöhnlichen architektonischen Kontrast zwischen historischem Sakralbau und luftiger Glas-Stahl-Architektur.

2017 wurde eine Glocke in den Kirchturm gehoben. Sie läutet seitdem täglich und zu den Sommer-Gottesdiensten in dieser wohl einzigartigen Kirche-Theater-Kombination: Seit 2013 feiert die St.-Pauli-Kirchgemeinde im Sommerhalbjahr wieder regelmäßig dort ihre Gemeinde-Gottesdienste.

Koordinaten: 51° 4′ 30,8′′ N, 13° 44′ 56,2′′ O

Quellen und Links:
https://de.wikipedia.org/wiki/Theaterruine_St._Pauli
https://kirchspiel-dresden-neustadt.de/st-pauli-kirche.html
https://www.pauliruine.de/geschichte-der-st-pauli-ruine/
https://www.stesad.de/ruine-der-st-pauli-kirche.html,

Hinweis der Redaktion in eigener Sache

Seit der „Coronakrise“ haben wir unser Archiv für alle Leser geöffnet. Es gibt also seither auch für Nichtabonnenten alle Artikel der letzten Jahre auf L-IZ.de zu entdecken. Über die tagesaktuellen Berichte hinaus ganz ohne Paywall.

Unterstützen Sie lokalen/regionalen Journalismus und so unsere tägliche Arbeit vor Ort in Leipzig. Mit dem Abschluss eines Freikäufer-Abonnements (zur Abonnentenseite) sichern Sie den täglichen, frei verfügbaren Zugang zu wichtigen Informationen in Leipzig und unsere Arbeit für Sie.

Vielen Dank dafür.

- Anzeige -

Empfohlen auf LZ

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar