Seit einem Jahr ist Anne Petzold Leipzigs neue Koordinatorin für Nachtkultur und damit die Schnittstelle zwischen der „Szene“ und der Verwaltung. Wir haben mit ihr über die Arbeit der vergangenen Monate, Herausforderungen der Nachtkultur und Zukunftsvisionen gesprochen. Für dieses Interview ist die Anrede per Du vereinbart worden.
Hallo Anne. Du hast vor einem Jahr die Stelle als Koordinatorin der Nachtkultur übernommen – wie ist es gelaufen? Bist Du gut angekommen in Deiner Position?
Ich gebe zu: Ich habe länger dafür gebraucht, meinen Handlungsspielraum richtig zu begreifen, als ich dachte. Ich benutze mal das Bild vom Maulwurf-Spiel, bei dem ständig einer aus einem anderen Hügel schaut und man mit dem Hammer hin- und herrennt und ihn erwischen will. Ich hatte den Anspruch an mich, jede Problemstellung zu bewältigen und habe versucht, passende Strukturen, Workshops, Aktionen zu organisieren.
Aber eigentlich musste ich erst einmal konkret eine Vorstellung davon bekommen, welche Probleme bestehen und welche Hilfe benötigt wird. Als ich nach einem halben Jahr meinen ersten Urlaub genommen habe, war ich schon ein wenig an meinen Grenzen. Aber danach hat es Klick gemacht.
Inzwischen habe ich einen guten Überblick über meinen Handlungsspielraum und darüber, was meine Stelle leisten soll und kann. Ein Schlüsselmoment war ein Netzwerkabend im Dezember: Nils Fischer (Fachbeauftragter für Nachtkultur im Kulturdezernat) und ich haben Akteur*innen, die sich mit ähnlichen Herausforderungen im Betrieb konfrontiert sahen, zusammengebracht. Dieser Austausch war für die meisten schon Gold wert. Um das Gefühl zu bekommen „Wir sind nicht allein“ und sich über mögliche Lösungsansätze auszutauschen.
Aus einem dieser Abende ist eine neue Idee entstanden: Wir werden eine Art „Baupaten-Netzwerk“ aufbauen. Darin sollen Architekt*innen, Bauplaner*innen mit Akteur*innen der Kultur zusammenkommen, um Wissen auszutauschen und sich gegenseitig zu beraten. Wie genau das ausgestaltet sein könnte, ist noch offen.
Diese Vernetzung – ich denke, das ist genau das, was ich als Koordinatorin leisten kann. Expert*innen ansprechen, verschiedene Akteur*innen zusammenbringen, vermitteln und als Ansprechpartnerin präsent sein. Das ist etwas traurig, aber allein, dass Nils als Mitarbeiter der Stadt und ich in meiner Position sozusagen mit offiziellen Titeln in die Erstansprache von beispielsweise Immobilieneigentümern gehen, öffnet mehr Türen, als wenn Privatpersonen das tun.
Hat sich Dein persönlicher Alltag durch Deine neue Arbeit verändert?
Ein Nebeneffekt ist, dass ich selbst nicht mehr so häufig im Nachtleben anzutreffen bin. Es fällt mir schwerer, den Blick nur vor die Kulissen zu richten, seitdem ich in die Hintergründe so intensiv eingebunden bin. Ich sehe natürlich überall potenzielle Arbeitsfelder. Und ehrlich gesagt – wenn ich nachts in Clubs unterwegs bin, ist die Chance auch groß, über meine Arbeit sprechen zu müssen. Das möchte ich nicht stets und ständig.
Bei unserem letzten Gespräch haben wir auch über Dein Ziel gesprochen, die Arbeit des NachtRats und der Koordinierungsstelle sichtbarer zu machen und so im Endeffekt mehr Akteur*innen mit Unterstützungsangeboten zu erreichen. Ihr habt in den letzten Monaten auch eine offene Sprechstunde etabliert – wird die gut angenommen?
Meiner Meinung nach ist das gut angelaufen. Wir haben viele Anmeldungen und kommen mit Menschen ins Gespräch – Akteur*innen der Nachtkultur, der Freien Szene oder auch Anwohnenden. Nicht bei jedem Sachverhalt können wir direkt weiterhelfen, aber zumindest vermitteln. Viele brauchen auch einfach jemanden, der ihnen zuhört und mitdenkt.
Es war uns möglich, durch eine Förderung der Initiative Musik unseren Social-Media-Auftritt gut zu pflegen. Ich konnte mit dem Geld eine tolle Agentur beauftragen, die die Themen des NachtRats umgesetzt und verbreitet hat. So haben Posts teilweise mehr als eine Million Aufrufe erzielt. Für diese Arbeit bräuchte man allein mindestens eine 15-Stunden-Stelle. Das hätte ich allein nicht leisten können. Meine Aufgabe ist vor allem das Umsetzen, da bleibt leider selten Raum für kreatives „Rumdenken“ und Ideenentwicklung.
Wir merken auch, dass viele Menschen, die aus der Nachtkultur kommen, erst seit einigen Jahren mit dem Thema Förderung konfrontiert sind. Das brauchten die meisten vor der Corona-Pandemie nicht. Da geben wir – Nils Fischer und ich – in unseren Sprechstunden viel Unterstützung.
Es ist trotzdem wichtig, Erwartungsmanagement zu betreiben. Nur, weil wir diese Stellen haben, lösen sich nicht die großen Probleme wie zum Beispiel die Gentrifizierung. Diese Begrenzung musste ich zunächst auch mit mir selbst ausmachen, um mich auf das konzentrieren zu können, was ich tatsächlich schaffen und verändern kann.
Apropos „schaffen“ – du bist auch in diesem Jahr wieder beteiligt an der Organisation der Global Space Odyssey (GSO), die im letzten Jahr nach einer Pause wieder stattfand. Wann? Wie? Wo?
Die GSO wird am 6. Juni stattfinden. Wir haben das Datum in diesem Jahr bewusst zeitig gewählt. Im letzten Jahr fand die Parade im September statt und das hat automatisch die ganze Vorbereitung in den Sommer gelegt. Zu der Zeit waren natürlich viele Kulturinstitutionen nicht gut erreichbar. Unser Ziel ist allerdings schon, alle Kultureinrichtungen einzubinden. Die Zeit, Ideen zu entwickeln, war für viele einfach zu kurz.
Zudem wurden in der Haushaltssperre zunächst Projektgelder nicht ausgezahlt. Die Kulturbetriebe hatten einfach andere Sorgen. Das wollen wir in diesem Jahr besser machen. Von Oper und Schauspiel bis zu Akteur*innen der Freien Szene sind alle eingeladen. Wir wollen in diesem Jahr neben DJs auch Live-Bands einbinden – sei es auch „nur“ mit einem Schild.
Neben dem Feiern steht bei der GSO vor allem die Sichtbarkeit der Leipziger Kulturlandschaft und der Herausforderungen, vor denen sie steht, im Vordergrund. Wie ernst ist die Lage?
Es brennt wirklich. Das Motto der GSO wird auch in diesem Jahr wieder „Räume für Träume – Reclaim the Space“ sein. Damit sind ja nicht nur Orte gemeint, sondern auch finanzielle Räume. Die Möglichkeiten werden immer kleiner, die Stadt verdichtet sich immer mehr. Wo kann man (noch) Kultur genießen oder in der Kultur tätig sein, wenn man nicht viel Geld zur Verfügung hat?
Schaut man sich die aktuelle Lage an, sollte das eigentlich viele Menschen auf die Straße bringen. Leipzig lebt vom Image der Subkultur, der DIY-Kultur. Davon hat die Stadt immer profitiert. Damit das so bleibt, muss man Verantwortung übernehmen. Damit eben nicht immer mehr Häuser aufgekauft werden – wie seit einigen Jahren im Leipziger Osten – und kleine Ladenprojekte und Initiativen weichen müssen für Profitmache.
Alles keine neuen Themen. Warum muss immer wieder darauf aufmerksam gemacht werden?
Ich denke, man muss Themen immer und immer wieder auf den Tisch bringen. Weil sie scheinbar nur durch Wiederholung richtig ankommen. Wer Kultur allein konsumiert, hat nicht immer den Überblick über die Realität hinter den Kulissen. Meist merken die Menschen erst, wie brenzlig es ist, wenn das Lieblingstheater, der Stamm-Club etc. von der Schließung bedroht sind. Wir müssen alles in Bewegung setzen, damit diese Räume nicht sterben.
Ein Raum, der leider sozusagen „erneut gestorben“ ist, ist der Club im Kohlrabizirkus. Erst gab das Institut für Zukunft (IfZ) nach zehn Jahren Betrieb sein Ende bekannt, nun ist das Axxon N., das danach in die Räumlichkeiten einzog, Geschichte. Wie geht es dort weiter?
Die Räumlichkeiten stehen zunächst leer. Die LEVG, die Vermieterin der Räume und eine Tochterfirma der Stadt, wird die Räume begutachten und zeigt sich offen für neue Mieter*innen. Durch den Stadtratsbeschluss zum Ankauf gibt es glücklicherweise die Nutzungsbestimmung im Kohlrabizirkus: Eine Halle ist für Sport vorgesehen, unter der anderen Kuppel hat Kultur Platz.
Allerdings sind die Kosten für die Nutzbarmachung des Gebäudes sehr hoch – nicht nur im Erdgeschoss und Keller, wo der Club sich befindet. Die LEVG ist privatwirtschaftlich organisiert, da werden marktübliche Mietpreise aufgerufen. Ein Nachtclub, der Wert legt auf gute Sicherheits- und Awareness-Strukturen, Nachwuchsförderung und ein anspruchsvolles Lineup, kann das kaum finanzieren.
Dem steht entgegen, dass wir es natürlich gern sehen, wenn die Räume eher von nichtkommerziellen Akteur*innen genutzt werden. Schauen wir uns die aktuelle Finanzlage der Stadt Leipzig an, ist klar, dass das Geld kaum aus dem städtischen Haushalt kommen kann und wird. Momentan suchen wir, auch in Gesprächen mit dem Stadtrat, nach anderen Möglichkeiten.
Wer auch immer dort wieder den Betrieb aufnehmen möchte, sollte unbedingt ein Konzept fahren, um die Räumlichkeiten auf unterschiedlichste Art zu nutzen. Club kann nicht mehr so engstirnig auf Party am Freitag- und Samstagabend gedacht sein. Das hat vor 20 Jahren funktioniert. Heutzutage sind allein die Personalkosten wesentlich höher, das stemmt keine Einrichtung mehr nur durch den Wochenendbetrieb.
Die Stellschraube kann aber auf keinen Fall sein, die Menschen nicht angemessen zu bezahlen. Ich denke, die Chancen stehen besser, wenn man sich in die Richtung soziokulturelles Zentrum entwickelt. Schauen wir uns beispielsweise das Elipamanoke an, wo zur Buchmesse auch Lesungen stattfanden.
Demnächst haben wir beispielsweise einen Termin mit dem Naturkundemuseum – vielleicht könnten diese neu erschlossenen Räumlichkeiten zukünftig auch für Veranstaltungen genutzt werden?
In einer Welt ohne finanzielle Nöte würden wir auch die Räume im Kohlrabizirkus sanieren und fit machen, die Verwaltung an das Livekommbinat Leipzig oder einen anderen Verein übergeben und dann hätten wir einen Raum, in dem sich Kollektive und Kulturschaffende ausprobieren können. Allein das Geld dafür ist leider gerade kaum irgendwo zu finden. Obwohl es vielleicht ja doch da ist, aber die Verteilung aus meiner Sicht nicht stimmt.
An Geld mangelt es ja nicht nur in Bezug auf den Erhalt und Betrieb von Räumlichkeiten – auch das Publikum steht vor der Tatsache, dass Feiern teuer geworden ist. Das war nach Corona auch ein Grund für Veränderungen im Feierverhalten der Menschen. Wie schätzt Du die aktuelle Lage ein?
Meiner Beobachtung nach sind wieder mehr Menschen im Nachtleben unterwegs. Das spiegeln uns die Einrichtungen. Trotzdem gibt es die Nächte, in denen es gar nicht gut läuft. Ich denke, Geld ist ein ausschlaggebender Faktor dafür. Denn in der Stadt gibt es ein so riesiges und vielfältiges Kulturangebot, da ist für jede*n etwas dabei. Es gibt inzwischen so viele Läden, die kreative Ideen umsetzen. Auch der Sonntag wird zum Feiern am Tag mehr etabliert. Wenn Veranstaltungen schlecht besucht sind, liegt es, glaube ich, weniger daran, dass sich niemand für das Programm interessiert, sondern eher am privaten Budget.
Über den Kanal des NachtRats oder des Livekommbinats Leipzig versuchen wir, Aufklärungsarbeit zu leisten und transparent zu sein. Es ist wichtig, dass das Publikum versteht: Die Preise werden nicht willkürlich erhöht. Viele Clubs sind sich im Klaren darüber, dass der Eintritt nicht noch teurer werden kann, wenn sie niedrigschwellig eine Anlaufstelle für möglichst viele Personen sein wollen.
Der Clubeintritt ist ja auch nicht der einzige Bereich, in dem man mehr Geld auf die Theke legt. Viele wälzen die Entscheidung: Gehe ich feiern oder bezahle ich meinen Wocheneinkauf im Supermarkt?
Übrigens haben auch die Ergebnisse der CLIV (Studie zu Clubs und Livemusikspielstätten in Leipzig) gezeigt: Die oberste Priorität beim Feiern hat für die Befragten die Sicherheit – noch vor der Musik. Das zeigt: Awareness-Strukturen werden honoriert. Und das bedeutet natürlich zusätzliches Personal.
Ich denke, es muss noch mehr einsickern, dass so etwas Normalität ist. Zu viele Menschen gehen vielleicht zu sehr von ihrer eigenen Erfahrung aus: Natürlich ist es toll, wenn man als feiernde Person noch nie Probleme hatte, noch nie in gefährliche und/oder unangenehme Situationen geraten ist. Wer das allerdings mal erlebt hat, befürwortet, dass es im Club oder auf Veranstaltungen extra dafür Ansprechpersonen gibt, die helfen und unterstützen.
Solche Themen werden sicher auch auf der „Stadt nach Acht“-Konferenz besprochen, die im November in Leipzig stattfinden wird. Was ist geplant?
Die bisherige Planung sieht vor, dass es zwei Tage Konferenz für Fachpublikum geben wird und am dritten Tag die gesamte Öffentlichkeit eingeladen sein soll – wahrscheinlich unter dem Titel „Safer Nightlife“. Die DrugScouts feiern 30-jähriges Jubiläum in diesem Jahr und das wollen wir gern mit der Stadt Nach Acht-Konferenz verbinden. An den ersten beiden Tagen wird es viel um Themen aus der Szene, Stadtplanung und Politik gehen und es ist eine gute Gelegenheit, Verwaltung und Kultur mehr in Berührung zu bringen.
Es ist die einflussreichste Nachtleben-Konferenz in Deutschland. Leipzig ist erst die zweite ostdeutsche Stadt nach Berlin, die dieses „Event“ zu sich holen kann. Und eine gute Gelegenheit, die Themen, die wir seit Jahren beobachten – Verdichtung der Städte, Schallschutz, Gentrifizierung – erneut zu verdeutlichen.
Abgesehen von der Global Space Odyssey und der „Stadt nach Acht“ – welche Aufgaben und Projekte begleiten Dich noch in diesem Jahr?
Die Finanzierung für meine Stelle läuft zum Ende dieses Jahres aus. Es laufen bereits Gespräche dazu, wie man das stemmen könnte. Das wird auf jeden Fall ein Thema sein, das mich dieses Jahr begleiten wird. Ich denke, es braucht dafür auch die Unterstützung der „Szene“ – dass deutlich wird, dass meine Arbeit bzw. die Stelle sinnvoll und nachhaltig ist.
Weil Kulturschaffende diese Netzwerkarbeit nicht allein leisten können. Die Verbindung untereinander und zu Themen wie Brandschutz, Lärm etc. baut langfristig eine starke und selbstorganisierte Struktur auf. Wenn sich die Stadt dafür entscheidet, dass ihr ihre Kultur wichtig ist, ist das Investment an sich nicht zu groß.
Außerdem möchte ich weitere Angebote zur Professionalisierung von Kollektiven und Spielstätten machen: Es wird Workshops und Info-Abende zu den Themen GEMA, Sicherheit und Spiking, Finanzierungsmöglichkeiten usw. geben. Ich bin da auch immer dankbar über Vorschläge aus der Szene selbst, damit das Angebot dann auch nicht am Bedarf vorbei geht.
Die nächsten Termine für Infos und Beteiligung:
14.4. Info-Abend zum Thema Brandschutz in Clubs und Spielstätten, ab 18:30 Uhr, naTo
05.5. Workshop GEMA für Veranstaltende, ab 17:30 Uhr, Ort: tba
06.6. GSO, ab 13:00 Uhr, Start: Werk 2
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