Ein Abend in der kürzlich neu eröffneten „Vergebung“ in Connewitz: Ich treffe mich an einem der letzten heißen Sommertage mit vier Mitgliedern der Batiar Gang im Biergarten, um im gemütlichen Schummerlicht über Balkanmusik und deren zum Teil problematischer Romantisierung, über „Bildungsreisen“ ins südosteuropäische Ausland, Unterstützung für die Ukraine und über ihr neues Album zu sprechen.

Eigentlich ist die Gruppe zu elft, doch mit der kompletten Besetzung hätte unser Gespräch auf Gartenstühlen wohl bis in die Nacht angedauert. Denn Geschichten und Anekdoten aus den letzten neun Jahren können Alex, Tobi, Stefan und Seppl zur Genüge bieten…

Seppl, Stefan, ihr seid Gründungsmitglieder der Batiar Gang – war von Anfang an geplant, dass die Gruppe aus so vielen Mitgliedern bestehen würde?

Seppl: Es waren zumindest von Anfang an ziemlich viele Leute dabei, die Lust hatten auf das Projekt, ein paar sind nach den ersten Proben kein zweites Mal wiedergekommen. Es war ja auch erstmal ein Reinschnuppern. Wir sind dann recht schnell zu ein paar Engagements gekommen und bei den ersten Auftritten haben wir gemerkt, dass beispielsweise noch mehr Trompeten mit auf der Bühne sein sollten. Zu dem Zeitpunkt bestand die Batiar Gang aus sechs oder sieben Personen. Jetzt sind wir zu elft.

Stefan: Das ändert sich aber auch ab und zu – manche haben wegen der Familie nicht mehr so viel Zeit, andere, wie Alex, ziehen weg. Aber wir empfinden es so, als wäre die Band eher eine Art Familie geworden. Es sind total schöne Freundschaften entstanden. Deshalb will eigentlich auch niemand wirklich aussteigen. Einige Mitglieder, die nicht mehr aktiv dabei sind, spielen bei Gelegenheit trotzdem wieder mit auf der Bühne.

Alex: Ja, wenn man nicht will, dann wird man die Batiar Gang auch nicht los (lacht). Außerdem lebt Balkanmusik beziehungsweise südosteuropäische Musik von der Energie, von der Lautstärke und davon, dass einfach viel los ist. Während Corona beispielsweise haben wir Konzerte zu sechst oder zu siebt gespielt. Da wurde ganz schnell klar: Wir machen keine Kompromisse, wir gehen nicht in kleiner Besetzung auf die Bühne. Es braucht mindestens drei Blasinstrumente, ein Akkordeon, eine Rhythmusgruppe, die Druck macht.

Seppl: Seit Corona vorbei ist, haben wir leider nicht so viele Konzerte gespielt, wie davor. Ich hoffe, das ändert sich im nächsten Jahr – vor allem auch, wenn das neue Album da ist!

Wann wird die neue Platte erscheinen?

Seppl: Wir sind erstmal ab Februar im Studio. Für alles zusammen – Aufnahmen, Mastering, Artwork etc. sollte man schon etwa ein halbes Jahr einplanen. Momentan sind wir noch in der Auswahlphase. Als wir das letzte Mal im Proberaum alle für das Album in Frage kommenden Lieder herausgesucht haben, hatten wir ziemlich schnell eine ellenlange Liste zusammen, das hat uns selbst verblüfft. Manche von den Titeln sind über Jahre gereift. Wir lassen uns mit so etwas gern Zeit.

Alex: Das ist es meiner Meinung nach auch, was die Band und die Musik ausmacht. Wir haben kein Label, wir sind frei in der Entwicklung. Würden wir das ganze professioneller angehen wollen und, sagen wir, alle zwei Jahre eine neue Platte herausbringen, würde auch ein Stück des Zaubers verlorengehen.

Stefan: Man könnte überlegen, ob wir die Platte zum zehnjährigen Jubiläum am 3. November 2024 herausbringen…

Wer oder was ist eigentlich Batiar? Wie kam der Name Batiar Gang zustande?

Seppl: Die Idee kam von unserer ersten Sängerin. Sie stammt aus der Region um Lwiw, oder Lemberg, in der Ukraine. Dort gab es in den 1920er/30er Jahren die Batiaren. Das war eine Personengruppe, die mit eher wenig und manchmal am Rande des Gesetzes gelebt haben. Sie sollen von den Reichen genommen und den Armen gegeben haben, eine Art moderne Gauner im Dandystyle. Sie galten als großzügige Menschen mit viel Humor.

Wie beschreibt ihr euren Sound – einfach Balkanmusik?

Seppl: Ja, das ist wohl der Grundstil. Wir beschreiben es manchmal als eine Art Balkan-Klezmer-Borschtsch, so eine Art Suppe. Aber der Ursprung war eher ukrainische Polka. Unsere erste Sängerin hat ukrainische Wurzeln, da war das schnell klar. Es sollte außerdem tanzbar sein, Spaß machen. Inzwischen haben sich natürlich viele weitere Einflüsse untergemischt – allein schon durch die Reisen, die wir regelmäßig als Band unternehmen.

Die Reisen?

Alex: Es gibt jedes Jahr eine Bandreise in ein ost- oder südosteuropäisches Land, in dem wir als Band noch nicht waren. Nennen wir es Inspirationsreise. Es gibt keine geplanten Auftritte oder so etwas, das entsteht dann oft vor Ort. Jede*r nimmt eine Kraxe mit, ein Zelt und einen Schlafsack und natürlich alle Instrumente.

Seppl: Primär fahren wir mit dem Zug, dann gibt es auch auf dem Weg schon ein kleines Konzert. Oder an den Bahnhöfen. Wenn so viele Personen zusammen unterwegs sind, fällt man schnell auf. Oft werden wir eingeladen und dann spielen wir auf Höfen, Schnapsfesten, was auch immer sich ergibt. Das musikalische Interesse ist sehr groß.

Wir hatten ein sehr schönes Erlebnis in der Ukraine, als wir auf einem Marktplatz ein Konzert spielten. Irgendwann haben die Leute realisiert, dass wir Deutsche sind, die ukrainische Musik machen. Sie konnten das gar nicht fassen. Einerseits ist das natürlich schmeichelnd, andererseits zeigt es, wie wenig Verbindung zu westlichen Musiker*innen besteht.

Stefan: Wir waren inzwischen in der Ukraine, in Rumänien, Bulgarien, Serbien und Mazedonien. In Bulgarien beispielsweise waren wir sehr beeindruckt von der hiesigen Chorlandschaft. Das haben wir auch in einige unserer Songs einfließen lassen.

Tobi: Trotzdem hat sich die Batiar Gang meiner Meinung nach über alle die Jahre ihren eigenen Stil bewahrt. Früher wurden vielleicht mehr traditionelle Lieder gespielt, seitdem gab es einen dynamischen Entwicklungsprozess. Aber es klingt immer wie die Batiar Gang.

Alex: Übrigens gibt es in ganz Deutschland kaum eine weitere Band, die die gleiche Art von Musik mit einer Sängerin spielt. Vor ein paar Jahren in der Schweiz durften wir als Ersatz einspringen vor einem Konzert von Goran Bregovic (international erfolgreicher bosnischer Komponist und Musiker, Anm. d. Red.). Was für eine Ehre! Die Veranstalter*innen sagten uns, sie hätten deutschlandweit gesucht nach Künstler*innen, die einen Sound wie unseren spielen – sie haben keine weiteren gefunden. Für uns war das natürlich ein absolutes Highlight.

 Wie ist es, mit so einer großen Gruppe unterwegs zu sein und zu proben?

Stefan: Natürlich gibt es mal Konflikte, meiner Meinung nach gehen wir aber gut damit um. Wir finden als Gruppe schnell wieder auf einer Ebene zusammen – dass wir zusammen Musik machen, schöne Konzerte spielen wollen. Alles andere kommt danach.

Tobi: Ich als bisher immer Außenstehender (Tobi wird Alex nach dessen Umzug nach Wien in der Band ersetzen, Anm. d. Red.) kann nur sagen, dass die Band sehr frei von Allüren ist.  In den meisten Fällen ist es wirklich sehr harmonisch.

Stefan: Klar gibt es musikalisch auch manchmal kleine Meinungsverschiedenheiten. Es gibt zum Beispiel einen Song im Repertoire, bei dem konnten sich verschiedene Bandmitglieder bis heute nicht einigen, ob er eher schneller oder eher langsamer gespielt werden sollte (lacht). Aber ich zum Beispiel warte meist auch erstmal eine Weile ab, wenn eine neue Idee vorgestellt wird. Manchmal entdecke ich erst später deren Schönheit und kann nachvollziehen, was die oder der andere damit gemeint hat. So entstehen viele Sachen, bei denen jemand mit seiner Intuition die anderen mitzieht.

Seit der Gründung der Batiar Gang steht bei euch eine Sängerin am Mikrophon. Ist es euch wichtig, Diversität in der Band zu spiegeln?

Stefan: Also, wir machen uns Gedanken darüber, klar. Es war aber eher eine Soundentscheidung. Momentan spielen drei Frauen in der Band. Josi, unsere Trompeterin zum Beispiel, war von Anfang an mit dabei. Wir finden es toll, dass es so gemischt ist –  auch wenn es natürlich nicht gleichmäßig verteilt ist. Schlussendlich geht es vordergründig um die Menschen und deren Talente.

Alex: Trotzdem kann kritisiert werden, dass die Musikszene zu großen Teilen noch immer sehr „männlich“ ist. Gerade im osteuropäischen Kreis. Da gibt es sehr viele rein männliche Bands. Und die inszenieren sich oft auch sehr maskulin, da gibt es schon Platzhirschgehabe. Auch manche Texte sind wirklich unter der Gürtellinie…

Seppl: Ich hatte immer das Gefühl, dass bei uns einfach niemandem die Tür vor der Nase zugestoßen wird. Da geht es ja auch schnell in die Politik. Darüber diskutieren wir als Band ja auch: Inwieweit setzen wir als Band politische Statements?

Inwiefern?

Seppl: Naja, es ist ja nicht nur die Musik, die maskulin geprägt ist. Auf unseren Reisen sehen wir natürlich auch andere Missstände. Wir haben Gewalt gegen Frauen gesehen – emotional, verbal, physisch. Es gibt viel Schwarzarbeit und der Alkoholismus ist definitiv ein großes Problem. Klar, es gibt dieses Bild vor Augen von gehobenen Schnapsgläsern und singenden Menschen, die sich in den Armen liegen. Aber es werden ganze Familien in den Abgrund gezogen. Es werden ganz klar Probleme romantisiert. Auch das ist Teil der Musik.

Alex: Es gibt auch immer noch Ausgrenzung und Rassismus, der sich gegen Sinti und Roma richtet. Auch der Patriotismus, gerade bei jungen Menschen, ist präsent. Vielleicht sollte man diese Missstände auch noch aktiver in der Musik thematisieren. Einige traditionelle Lieder, die wir im Repertoire haben, haben wir auch umgeschrieben. Wir sind da in einem fortlaufenden Prozess. Das Thema „kulturelle Aneignung“ ist zum Beispiel auch ein Aspekt, den wir diskutieren.

Wie begegnet ihr als Band der Situation in der Ukraine?

Seppl: Wir haben viele Freunde gefunden durch die Musik, als wir dort waren. Mit Beginn des Krieges war klar, dass wir helfen wollten. Wir stehen in engem Kontakt mit dem Verein Freie Ukraine Braunschweig. Den leiten die Eltern unserer ehemaligen Sängerin, sie leisten tolle Arbeit. Wir haben Geld gesammelt, zum Beispiel auch mit einem Solikonzert vor der Russischen Botschaft. Es gab viele Veranstaltungen, auf denen Geld gesammelt wurde für die Ukraine – auf dem Augustusplatz, in der Feinkost…

Wir haben die Situation auf der Bühne thematisiert. Ein sehr emotionales Konzert haben wir auch bei dem Verein in Braunschweig gespielt. Erst nach einer Weile realisierten wir, dass viele Menschen aus dem Publikum aus dem Donbass kamen. Die Musik hat sie sehr berührt – und uns natürlich auch. Nach dem Konzert wurden in einem Hinterzimmer Lieder gesungen. Man lud uns zum Mitsingen ein, teilweise waren es Songs, die wir selbst auf der Bühne spielen. Das war ein toller, aber auch sehr emotionaler Moment.

Kommen wir noch einmal auf das neue Album zu sprechen…

Tobi: Oh ja – wir haben das große Glück, dass sich Umberto Echo (Dub-Produzent, bekannt geworden mit dem Projekt Dub Spencer & Trance Hill, Anm. d. Red.) für unsere Musik begeistert. Ich habe ihn mal kennengelernt auf einem Konzert in Leipzig. Und aus einer Laune heraus habe ich ihn gefragt, ob er vielleicht Lust hätte, mit uns an unserem Album zu arbeiten. Dann kam eines zum anderen: Er wird uns für ein paar Tage aufnehmen und die Sachen abmischen. Und er hat auch gefragt, ob er sich bei ein paar der Songs selbst einbringen darf.

Seppl: Generell laden wir uns gern Gäste ein auf unsere Alben, auch Musiker*innen aus Ost- und Südosteuropa. Das ist aber auch eine finanzielle Frage. Derzeit sind wir dabei, Förderungen zu beantragen.

Stefan: Ganz besonders ist auch diese Geschichte: Am Ende unserer Reise nach Mazedonien in diesem August waren nur noch Seppl und ich gemeinsam unterwegs. Wir sind spontan nach Kočani gefahren. Über Kontakte hatte sich eine Verbindung zu King Naat Veliov, quasi dem Maestro des Kocani Orkestar (Blechbläser-Ensemble aus Mazedonien, Anm. d. Red.) ergeben.

Wir haben ihn kennengelernt. Durch mehrere Knie-Operationen ist er leider schon länger verhindert, Musik zu machen und damit Geld zu verdienen. Er kann nicht lange laufen und vor Ort sind viele Wege und Zugänge nicht barrierefrei. Das ist hier teilweise schon ein Problem, aber dort fast unmöglich. Aber er spielt fantastisch Trompete. Wahrscheinlich wird er einen Part für unser Album einspielen.

Wie werden die Aufnahmen laufen – gerade mit so vielen Parts, die aufgenommen werden müssen?

Seppl: Wir nehmen in Gruppen auf. Aber zuerst igeln wir uns im Winter in der Neuseenmühle ein, zum Proben. Das ist ein Vier-Seiten-Hof bei Berndorf. Einmal im Jahr gibt es dort ein Frühlingsfest, auf dem spielen wir immer umsonst. Im Gegenzug dürfen wir die Räume nutzen. Wir fahren immer für ganze Wochenenden hin, dann wird intensiv geprobt. Wenn alles klappt, werden wir dort auch die Aufnahmen machen, im Schnee mit Eseln und Schafen, am knisternden Ofen und auf knarzenden Dielen.

Habt ihr noch eine letzte Geschichte für mich?

Seppl: Ja, diese Anekdote erzähle ich auch gern live. Zum Ende des Konzerts gehen wir immer durch das Publikum. Ich spiele dann immer die Gosh. Wir waren damals in Serbien. Ich war dort ein wenig auf der Suche nach diesem Instrument beziehungsweise hatte die Hoffnung, dort eine Gosh kaufen zu können. Direkt nach unserer Ankunft haben wir an einer Bushaltestelle ein kleines Konzert gespielt. Ein Mann kam auf uns zu und lud uns ein, drei Tage später auf einem Festival zu spielen. Wir durften unsere Zelte in einem Freibad in der Nähe aufschlagen. Das war lustig: Tagsüber kamen die Badegäste, viele Kinder natürlich auch, und abends schliefen wir dort auf der Wiese.

In den Tagen kam ich mit einigen Personen ins Gespräch, die mir eine Gosh vermitteln wollten. Allerdings für viel Geld. An einem Nachmittag haben wir Kaffee getrunken mit Boban Marcovic – er ist einer der größten Trompeter in Serbien. Er meinte zu mir, er kenne jemanden, der so eine Trommel hätte, wie ich sie suchte. Er hätte sie übrig von dem Gewinn des Guča- Festivals (größtes Europäisches Trompetenfestival und eines der bedeutendsten Musikevents in Südosteuropa, Anm. d. Red.).

Das Festival ist riesig, dort spielen hunderte Bands. Es werden in zahlreichen Kategorien Preise vergeben. Es ist fast wie in einem Stadion. Am Ende treten zwei Bands gegeneinander an, die Gewinner-Combo erhält den Preis, zu dem auch eine Gosh gehört. Und genau diese hat man mir verkauft. Auf dem Instrument stehen auch Name und Jahr des Festivals.

Mit dieser Trommel gehe ich, wie gesagt, am Ende eines jeden Konzerts ins Publikum. Wir schauen dann immer einfach, was passiert. Meistens sind die Menschen sehr gerührt, es entsteht eine unglaubliche Nähe. Und es gibt die Wucht der Musik – durch dieses laute Instrument, die Bläser… Es ist fast der wichtigste Moment auf unseren Konzerten. Ich freue mich immer schon vor dem Auftritt darauf.

Konzerte im September und Oktober

Noch zweimal gibt es diesen Moment in diesem Jahr zu erleben: am 23. September (20 Uhr) in der NaTo und am 20. Oktober im Noch Besser Leben.

Mehr Infos und Hörproben der Batiar Gang gibt es über:
www.batiargang.org
https://www.instagram.com/batiargang/
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