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Kunsthalle der Sparkasse Leipzig gibt Gelegenheit, den unsichtbaren Teil der „Leipziger Schule“ kennenzulernen

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    Die Leipziger Schule ist männlich: Heisig, Mattheuer, Tübke, Gille, Rink ... Ist sie das wirklich? - Kaum ein Kunstkanon macht so sichtbar, wie männliche Sortiermuster funktionieren. Und wer es nicht glaubt, der kann noch bis zum 30. August in die Otto-Schill-Straße 4a pilgern. Da wird die andere Hälfte der Leipziger Schule gezeigt, die unsichtbare, die weibliche.

    Seit dem 29. Mai lenkt dort in der Kunsthalle der Sparkasse Leipzig die Kuratorin Dr. Barbara John den Blick der Öffentlichkeit auf Malerinnen der Messestadt. Mit der  Ausstellung „die bessere hälfte – malerinnen aus leipzig“ widmet sich zum ersten Mal in der Kunstmetropole Leipzig eine Exposition ausschließlich den Künstlerinnen. Gezeigt werden Werke von 32 Malerinnen, die hier ihre künstlerische Ausbildung absolviert, hier gelebt haben oder noch heute in Leipzig zu Hause sind. Die Schau bietet einen besonderen Einblick in die Leipziger Kunstgeschichte der vergangenen 90  Jahre bis in die Gegenwart.

    Und wer durch die Ausstellung schlendert, der sieht sofort, dass auf die hier ausgestellten Bilder genau das zutrifft, was Hans-Werner Schmidt, Direktor des Museums der bildenden Künste, jüngst erst in der Jubiläums-Ausgabe der „Bild“ wieder als Merkmale der „Leipziger Schule“ herausstellte: „Handwerkliches Können, Erzählkunst, Bewandertheit in der Geschichte und die mit großem Können auf der Leinwand zelebrierte Gegenständlichkeit …“

    Nur redet niemand von den Leipziger Malerinnen, die das alles beherrschen, die dieselben Studiengänge besucht haben, dieselben profunden handwerklichen Fähigkeiten und geschichtlichen Grundkenntnisse besitzen und in eindrucksvollen Bildgeschichten umgesetzt haben.

    Nur: Warum redet niemand von ihnen?

    Ein Grund: Sie traten auch in DDR-Zeiten nicht so ins Rampenlicht wie Werner Tübke, Bernhard Heisig und Wolfgang Mattheuer. Sie kamen auch nicht als Rektorinnen in Frage. Gleichberechtigung war zwar ein hübsches Schlagwort in der DDR – aber wenn es um die Besetzung von Spitzenfunktionen ging, regierte die Männerbündelei. Was auch dazu führte, dass auch westdeutsche Kunstkritiker wie der FAZ-Journalist Eduard Beaucamp praktisch nur die großen Erzählungen um die – zum  Teil wirklich heftig diskutierten – „großen Männer“ mitbekam und für sie ganz explizit das Label „Leipziger Schule“ erfand.

    Natürlich hat es auch damit zu tun, dass die großen staatlichen Kunstaufträge fast alle nur an Männer gingen. Was ihnen auch noch zusätzliche Präsenz in der öffentlichen Diskussion verschaffte. Die DDR war – in der Rückschau wird es noch deutlicher – nicht nur ein Funktionärs-, sondern auch ein ausgewachsenes Macho-Land.

    Und das gefiel dem westlichen Kunstmarkt schon immer. Man konnte und kann sich zwar herzhaft in Diskussionen zerreißen, wie staatsnah oder staatsfern ein Künstler war – aber mit den Marktpreisen und der Gängigkeit der „Kunst von Männern“ haben diese Diskussionen nichts zu tun.

    Auch in der Vermarktung der „Neuen Leipziger Schule“ dominieren die Männer – Neo Rauch allen voran. Was eher weniger mit den Künstlern zu tun hat, als mit der Wahrnehmung von Künstlern durch Feuilleton, Markt, Öffentlichkeit. Die „Bild“ hat es ja mit ihrer Jubiläums-Ausgabe vorexerziert: Unter den von ihr gekürten zehn „wichtigsten Künstlern“ aus Leipzig findet sich keine einzige Frau. Und das hat mit Unkenntnis eine Menge zu tun. Mit der Nichtwahrnehmung dessen, was Leipziger Künstlerinnen eigentlich in den vergangenen Jahrzehnten alles geschaffen haben.

    „Die Leipziger Malerinnen der vergangenen 90 Jahre waren und sind enorm produktiv. Dennoch treten sie in der öffentlichen Wahrnehmung hinter ihren männlichen Kollegen, die die Kunstgeschichtsschreibung zu dominieren scheinen, zurück“, heißt es auch im kurzen Statement der Kunsthalle dazu. „Viele der gezeigten Künstlerinnen sind heute in Vergessenheit geraten.“

    Was auch damit zu tun hat, dass sie nie zum Bestandteil einer großen Legende wurden. Zum Beispiel der Legende von der „subversiven Eigenwilligkeit“ (Hans-Werner Schmidt) der „Leipziger Schule“. Als wenn das bei den Malerinnen der Zeit nicht genauso gewesen wäre. Oder bei den Dozentinnen, die zumeist auch gern vergessen werden, als hätte ihre Arbeit nicht die Durchschlagskraft männlicher Lehrer gehabt.

    Das Entree der Ausstellung in der Kunsthalle ist deshalb ganz bewusst Elisabeth Voigt gewidmet. „Sie lehrte in den 50er Jahren an der Hochschule für Grafik und Buchkunst und hat die Grundlagen für die Entwicklung der Leipziger Schule mit bestimmt und geprägt“, heißt es in der Mitteilung der Kunsthalle. Schlimmer, besser. In Schleußig am Haus Brockhausstraße 22 hängt eine Gedenktafel, die daran erinnert, wer sie war und bei wem sie gelernt hat: bei Carl Hofer und Käthe Kollwitz. Bei Kollwitz war sie Meisterschülerin.

    Und wer jetzt ihre eigenen Schüler nennen will, der stolpert über Wolfgang Mattheuer, Werner Tübke, Hans Mayer-Foreyt … Und die Künstlerin Evelyn Hartnick-Geismeier. Kennt keiner? Sie ist der Porträtmalerei, die sie bei Elisabeth Voigt studiert hat, nicht treu geblieben, sondern ins bildhauerische Fach gewechselt und war eine der wichtigsten Gestalterinnen von Gedenkmünzen in der DDR.

    Blick in die Ausstellung "die bessere hälfte". Foto: Kunsthalle der Sparkasse Leipzig
    Foto: Kunsthalle der Sparkasse Leipzig

    „Nicht weniger beachtenswert sind die gezeigten Werke, die sich chronologisch anschließen. Ausgehend von den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts bis in unsere heutige Gegenwart werden Leipziger Malerinnen gezeigt, die mit einer ausdrucksstarken Bildsprache die Themen ihrer Zeit auf die Leinwand bringen. Unter anderem: Angelika Tübke, Petra Flemming, Gudrun Brüne, Eva Maria Bergmann, Monika Geilsdorf, Henriette Grahnert, Verena Landau und Bea Meyer“, wirbt die Kunsthalle weiter.

    „Die zweite Generation derjenigen Malerinnen, die ab den 1960er Jahren ihr Studium an der HGB absolvierten und Teil der Geschichte der Leipziger Schule sind, blickt heute auf ein sich vollendendes Werk. Aus dieser mittleren Generation stammt eine bislang noch immer zu wenig beachtete Reihe künstlerisch besonders wichtiger weiblicher Positionen. Im Bewußtsein um die männlich geprägte Geschichte der Leipziger Schule gilt es, diesen bislang vernachlässigten Aspekt der Malerinnen aus Leipzig aufzugreifen“, betont die Kuratorin der Ausstellung, Dr. Barbara John. Sehr zurückhaltend. Denn tatsächlich ist die Ausstellung gerade durch ihre stille Präsenz im Leipziger Jubiläums-Jahr ein Politikum. Auch ein ausdrucksstarker Vorwurf an einen Markt, der nicht einmal wahrnimmt, wie sehr er weibliche Kunst abwertet und männliche Kunst oft genug überbewertet.

    Man schaut einfach nicht hin, genau schon gar nicht. Und wenn man trotzdem mal hinschaut und beeindruckt ist, dann steckt man das weg: Sie ist ja ganz gut – aber sie ist nicht berühmt. Das senkt den Marktwert rapide.

    Dabei hätten etliche der vertretenen Künstlerinnen längst Einzelausstellungen auch im Museum der bildenden Künste verdient. Und mehr Aufmerksamkeit auch der Ausstellungsmacher – eine Christl Maria Göthner genauso wie Katrin Kunert, Rosa Loy … Natürlich ist die Sichtweise oft genug eine „weiblichere“.

    Was aber nur richtig ist. Immer nur den männlichen Blick auf die Welt zu zeigen, das kann nicht genügen. Das ist immer nur der eine Teil, meist eben auch nur der marktgängigere. Und da hat man noch gar keine Diskussion darüber begonnen, wie bereitwillig Männer ihre Kunst dem Markt anpassen, um sich einen Namen zu machen. Und da ist auch noch nicht diskutiert, was mit vielen begabten Leipziger Malern passiert ist, die sich den Markterwartungen nicht angepasst haben.

    Was man zu sehen bekommt in der Ausstellung, ist faszinierende, eindrucksvolle Malerei, sehr gegenständlich, sehr klug und genauso auf den Diskurs, die Auseinandersetzung mit dem Betrachter angelegt wie die besten Werke des männlichen Teils der „Leipziger Schule“. Was die Ausstellung wohl nicht ändern wird, ist der Scheuklappenblick insbesondere des männlich dominierten Feuilletons, dass all die Baselitz & Co. immer wieder feiert, Frauen aber eher als hübsches Mauerblümchen betrachtet auf einem Markt der Eitelkeiten. Ansonsten ist der Besuch ein Genuss, eine Augenweide und erholsam, wenn man mal kurz ausscheren möchte aus eitler männlicher Weltbetriebsamkeit.

    Noch bis zum 30. August bietet die Exposition Gelegenheit, die Leipziger Kunst unter dem Aspekt der künstlerischen Entwicklung von Malerinnen kennenzulernen. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen:

    „die bessere hälfte – malerinnen aus leipzig“. Hrsg. Stadt- und Kreissparkasse Leipzig, Leipzig 2015.  ISBN 978-3-9815840-5-9. Preis: 10,00 Euro.

    Die Kunsthalle der Sparkasse Leipzig findet man in der Otto-Schill-Straße 4 a. Eintritt: 5,00 Euro, ermäßigt 2,50 Euro.

    Tipp:

    Am Donnerstag, 4. Juni, um 19:30 Uhr gibt es in der Ausstellung „Die bessere Hälfte – Artist Talk“. Bei dieser Gelegenheit kommen die beiden Künstlerinnen Katrin Heichel und Miriam Vlaming mit der Kuratorin Dr. Barbara John ins Gespräch. Der Eintritt ist frei.

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    1 KOMMENTAR

    1. Weiß jemand, warum Caroline Kober nicht dabei ist!? Ein echtes Manko dieser Ausstellung…

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