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Nach drei Jahren Pause öffnet heute das Kindermuseum des Stadtgeschichtlichen Museums mit einem echten Leipzig-Thema

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    Leipzig hat ab heute wieder zwei Kindermuseen. Das eine heißt Unikatum und lädt seit 2010 in Plagwitz die Kinder der Stadt zum Experimentieren ein. Das andere hieß früher mal Lipsikus (ab heute nicht mehr), lädt aber trotzdem ab 10 Uhr zur großen Eröffnungssause ins Böttchergässchen ein. Eigentlich war das "Lipsikus" auch kein richtiges Museum, gibt Dr. Volker Rodekamp, Leiter des richtigen großen Stadtgeschichtlichen Museums der Stadt Leipzig, zu.

    Eher eine Mitmachwerkstatt. Es fehlte die tragende Idee, der Inhalt, das Griffige. Aber was kann in so einem Mini-Museum am großen Museum griffig sein? Was könnte die Idee sein, die auch Kinder, Eltern und Lehrer überzeugt?

    Das war vor drei Jahren die große Frage. Da war das Leipziger Stadtmuseum sowieso auf der Suche nach zündenden Ideen für das Stadtjubiläum 2015. Dass es eine große Ausstellung zur 1.000-jährigen Ersterwähnung der Stadt geben müsste, war klar. Und klar war eigentlich auch, dass die anderen Jubiläen, die parallel gefeiert werden sollten, auch ihre Ausstellung bekommen. Eine ist gerade im Studio des Stadtgeschichtlichen Museums zu Ende gegangen: Das war die Ausstellung zu 850 Jahren Nikolaikirche. Das ist eines von diesen komischen Leipziger Jubiläen, von denen keiner genau weiß, wo sie hingehören, wann nun wirklich der erste Stein für die Nikolaikirche gesetzt wurde. Das 850jährige Jubiläum bezieht sich auf den ersten Stadtbrief, von dem keiner sagen kann, ob es eine Kopie, eine Fälschung, ein Provisorium oder eine nachträgliche Beurkundung ist. Darin wird irgendwann für den Zeitraum zwischen 1156 und 1170 die Vergabe des Stadtrechts an Leipzig belegt, verbunden mit der Gründung der Stadtkirche St. Nikolai und dem Marktrecht.

    Und diese Beurkundung des ersten Marktrechts nimmt die Leipziger Messe zum Anlass, in diesem Jahr auch 850 Jahre Leipziger Messe zu feiern.

    „Das isses“, sagte sich vor drei Jahren Museumsdirektor Dr. Volker Rodekamp.

    „Das isses“, gab ihm vor zweieinhalb Jahren Martin Buhl-Wagner, Sprecher der Geschäftsführung der Leipziger Messe GmbH, Recht. Da hatten sich Museum und Messe zusammengesetzt und begannen die Idee auszumalen: Wie könnte ein Kindermuseum aussehen, das sich ganz und gar mit dem Thema Messe beschäftigt?

    Ist Messe überhaupt ein Thema für Sechs- bis Zwölfjährige?

    „Aber natürlich“, sagte der Museumsdirektor.

    „Aber klar“, sagte der Messechef. Und dann trug man die Ideen zusammen, spannte Dana Albertus, Museumspädagogin des Stadtgeschichtlichen Museums, mit ein. Und es purzelte nur so. Denn am Thema Messe kann das ganze Wirtschaftsleben einer Stadt dargestellt werden. Da geht es schon gleich im Treppenhaus – über das man zum neugestalteten Kindermuseum gelangt – um das uralte Messethema: Wie kommen die Waren auf den Markt? Flieger, Laster, Eisenbahn, Rollwagen, Reiter und Kiepenträger begrüßen die Kinder, wenn sie hier mit ihrer Klasse oder der Hortgruppe eintrudeln.

    Eine große Karte zeigt, wie sich die alten Handelsstraßen Via Regia und Via Imperii durch Europa schlängeln und (fast) genau in der Mitte kreuzen – in Leipzig natürlich. Andere Messechefs, so erzählt Buhl-Wagner, beneiden Leipzig. Nicht nur um die lange Messegeschichte, sondern auch um das Selbstverständnis der Region. Es sind die Leipziger selbst, die das Gefühl leben: Wir sind Messe.

    Auch wenn manche nicht rechnen können, manche nicht mit Gewichten und Maßen umgehen können. Aber dafür ist ja die Messe da. Deswegen gibt es eine ganze Abteilung im neuen Kindermuseum, die sich mit den alten Maßen und Gewichten beschäftigt, mit alten Geldmünzen und der wichtigen Aufgabe der damaligen Marktmeister, alles nachzuprüfen, nachzuwiegen, nachzumessen. Geld dürfen die Museumsbesucher sogar selbst machen. Ganz ohne Frage werden da auch gestandene Männer wieder zu Kindern und man sah am Montag auch Messechef und Museumsdirektor eifrig Taler produzieren. Damit kann man im Kindermuseum bezahlen. Wenn man so weit kommt.

    Denn im Grunde besteht es aus mindestens sechs Abteilungen, in denen Kinder alles ausprobieren, austüfteln und lernen können, was zum Messegeschäft gehört – oder früher mal gehört hat. Denn heute findet man ja keine Marktschreier mehr auf der Messe, lernt aber, wie wichtig sie früher waren. Man lernt all die exotischen Produkte kennen, die früher noch auf großen Pferdegespannen nach Leipzig geschafft wurden  – von edlen Stoffen bis zu teuren Pelzen. Es sollte zwar kein reines Vergangenheitsmuseum werden. Aber ohne das Abtauchen in Geschichte geht’s nicht. Denn im Grunde gibt es das alles noch – unsichtbar für den heutigen Messebesucher.

    Fühlen sich in der Münzwerkstatt pudelwohl: Martin Buhl-Wagner und Dr. Volker Rodekamp. Foto: Ralf Julke
    Fühlen sich in der Münzwerkstatt pudelwohl: Martin Buhl-Wagner und Dr. Volker Rodekamp. Foto: Ralf Julke

    Als Leipzigs Messe noch auf dem Marktplatz stattfand, war das alles für alle zu sehen: das Stoffefühlen und Abmessen, das Feilschen und Riechen, drumherum ein buntes Markttreiben, wie man es heute nur noch auf der Kleinmesse findet. Messe war auch immer Spaß und Geldloswerden bei Gauklern und Schaustellern. Spaß und Sensation gehörten dazu – und genau so im Kindermuseum. Man lernt ein bisschen, wie Waren reisen, freut sich Buhl-Wagner, und wie Handeln geht.

    Eine Kindergruppe, maximal eine Klasse, passt in das Museum. „Platzmangel ist unser größtes Problem“, sagt Volker Rodekamp. Und probiert dann alles aus, als hätte er sich schon immer genau so ein Museum gewünscht, in dem man endlich alles anfassen kann. Eher war es ein Problem, die moderne Messe kindgerecht zu zeigen. Immerhin hatte die um 1900 eingeführte Mustermesse ein Problem: Sie war nicht mehr mit allem Drum und Dran auf dem Markt präsent. Die anreisenden Unternehmen präsentierten sich mit ihren Mustern in den neuen, schicken Messehäusern. Und die Gaukler mussten auf die Kleinmesse umziehen.

    Da versuchen die Museumspädagogen nun, mit modernen Mitteln – zwei großen Touchscreens zum  Beispiel – die Kinder zum Knobeln und Mitmachen zu animieren. Auch die aktuellen Messen sollen künftig (sofern sie kindgerecht zu vermitteln sind) ihren Platz im neuen Kindermuseum am Böttchergässchen finden. Für Rodekamp die ideale Kooperation: Die Eltern können raus auf die Messe fahren und die Kinder haben im Kindermuseum ihr eigenes Vergnügen. Die Messe selbst hat die Einrichtung des Kindermuseums finanziell unterstützt.

    „Ich glaube, das Museum ist europaweit das einzige seiner Art“, schwärmt Buhl-Wagner.

    „Ich glaube sogar weltweit“, sagt Rodekamp.

    Am heutigen Dienstag, 28. Juli, um 10 Uhr wird das Kindermuseum „Kinder Machen Messe“ offiziell eröffnet – mit Musik, Stechvogelschießen, Galgenkegeln, Münzfälschen, Brettspielen und Messemännchen. Wenn es nicht regnet, wird von 10 bis 15 Uhr draußen vorm Museum gefeiert, wenn’s regnet, müssen sich alle drinnen zusammendrängeln.

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