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2016 wird ein großes Jahr der Fotografie im Leipziger Bildermuseum

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    Neues Jahr, neue Bilderfluten. Im Jahr 2015 hat das Leipziger Museum der bildenden Künste richtig geprotzt mit Barock (Bernini), Moderne (Klee) und französischer Romantik (Delaroche & Delacroix). Allein die große Bilderschau der beiden Franzosen hat 35.000 Besucher angelockt. Für ein abgelegenes Plätzchen in der internationalen Kunstwelt wie Leipzig nicht schlecht. Aber was passiert 2016? Läuft alles auf Markus Lüpertz hinaus? - Am Ende schon, sagt der Museumsdirektor.

    Auch wenn Hans-Werner Schmidt noch nicht genau sagen kann, wann genau Markus Lüpertz mit einer Ausstellung im Haus aufschlägt. Fest steht nur, dass gegen Jahresende der erste Streich kommen soll (oder der zweite, wenn man den wuchtigen Beethoven vorm Haus, der seit Dezember steht, mitzählen will). Dann werden die Gipsplastiken von Lüpertz zu sehen sein, die er im intensiven Gedankenaustausch mit den Gipsplastiken von Max Klinger gestaltet hat. 2017 könnte dann das Atelier folgen. Kunst sozusagen als Erlebniswelt in ihrem Ursprung.

    Aber vorher gibt es viel für Grips und Auge. Wer die großen Sprünge in die Kunstgeschichte erwartet, findet sie 2016 nicht. „Diesmal konzentrieren wir uns aufs 20. und 21. Jahrhundert“, sagt Schmidt. Dafür macht das Leipziger Bildermuseum einmal etwas, was es in dieser Wucht noch nie gemacht hat: Es zeigt Leipzig als einen Brennpunkt der modernen Fotografie. Was es seit einem halben Jahrhundert immer war. Nur die meisten Leipziger haben das nie mitbekommen. Furore machte seit den 1970er Jahren die Leipziger Schule der Malerei. Die Herren Mattheuer, Heisig und Tübke stellten alles in den Schatten, was zeitgleich die an der Leipziger HGB ausgebildeten Fotografinnen und Fotografen auf die Beine stellten. Und nahtlos gaben sie den Staffelstab der Omnipräsenz weiter an die zweite Generation, an Leute wie Stelzmann oder Sighard Gille. Letzterer wird am 25. Februar 75 Jahre alt. So schnell geht das, da ist die 2. Generation die Großvätergeneration und die 3. Generation muss sich der bissigen 4. Generation erwehren.

    Sighard Gille: Brigadefeier (1977). Foto: VG Bild-Kunst Bonn
    Sighard Gille: Brigadefeier (1977). Foto: VG Bild-Kunst Bonn

    3. Generation – das ist die Truppe um Neo Rauch. Neo Rauch hatte 2012 seine große Ausstellung im Bildermuseum. Ein echter Knaller. Ob das eine Gille-Ausstellung auch schafft?

    Kommt wohl aufs Marketing an, denn so quietschfidel und experimentierfreudig wie Rauch ist Gille schon lange. 1977 hat er in der piefigen Honecker-DDR mal die verordnete Ruhe gestört, als er die feiernden Gerüstbauer mal so deftig und lebenslustig zeigte, wie sie eigentlich alle waren, wenn der Genosse Kaderleiter endlich verschwunden war. Dieses Bild „Brigadefeier 1977“ wird zu sehen sein, wenn am 30. Oktober die große Gille-Schau im Bildermuseum eröffnet. „Ruhelos“ wird sie heißen und etwa 70 Gemälde zeigen, die Gilles Werden von (beinahe) braven Anfängen in den 1960er Jahren bis in die Gegenwart zeigen. Gern auch allegorisch, weltumspannend. Das hat er von den Herren der 1. Generation behalten.

    Und das ist bis heute eines der Kriterien für die Leipziger Malerschule: Wer an der HGB das Pinselschwingen erlernte, der lernte nicht nur akkurate Technik, der bekam auch Philosophie, Ästhetik und Kunstgeschichte beigebracht. Deswegen tauchen in den Bildern dieser Leipziger Maler oft Bezüge auf, die weit übers gezeigte Motiv hinausreichen. Durchaus auch satirische. Gille ist so ein Satiriker, einer, der nicht nur deftige (und klare) Farben liebt, sondern auch deftige Freude, deftige Gesten, Lebenslust pur. Zu bewundern auch im Gewandhaus, dessen Deckengemälde im Foyer von Gille stammt.

    Aber die große Bilderschau gibt’s erst im Oktober.

    Vorher sind die Fotografen dran. Gleich mehrfach. Und längst überfällig. Denn aus der Leipziger Fotoschule gingen mehrere der hochkarätigen Fotografen und Fotografinnen der DDR hervor. Der Lehmstedt Verlag weist seit Jahren mit eindrucksvollen Fotobänden auf dieses Phänomen hin. Zentrale Gestalt dieser klugen und genauen Dokumentarfotografie ist Evelyn Richter, deren Archiv seit 2009 am Museum der bildenden Künste beheimatet ist. Erworben hatte es damals die Ostdeutsche Sparkassenstiftung, die die Ansiedlung des Archivs auch noch mit einer anderen Absicht verband: Das Museum der bildenden Künste soll sich zu einem musealen Zentrum der zeitgenössischen Fotografie entwickeln.

    Musikviertel (1976). Foto: Evelyn Richter
    Musikviertel (1976). Foto: Evelyn Richter

    Dazu gehört nicht nur der Sammelauftrag oder die Bestandspflege, dazu gehören auch große Ausstellungen, die zeigen, was alles im Archiv steckt. Und die damit auch zeigen, was für eindrucksvolle Fotografie abseits der offiziellen DDR-Medien entstand. Denn Leute wie Evelyn Richter, Ursula Arnold und Arno Fischer, die alle drei in der großen Ausstellung ab Juli vertreten sein werden, haben ihre heute faszinierenden Foto-Serien in Eigenauftrag angefertigt, neugierig auf die richtigen Menschen im Land des falschen Scheins, nach dem realen Leben der Leute, denen sie bei ihren Streifzügen mit der Kamera begegneten.

    Da auch die Parallelitäten im Werk der drei befreundeten Künstler zu sehen sein werden, heißt die Ausstellung sinnigerweise: „Weggefährten“.

    Und wie zur Einstimmung, gibt’s schon vorher zwei Foto-Ausstellungen. Die erste schon ab dem 14. Februar mit Fotos von Stefan Koppelkamm. Koppelkamm könnte die Liebhaber der Vorher-Nachher-Bilder interessieren. Denn 1990 und 1991 ist der Berliner Künstler mit seiner Kamera durch den Osten gefahren und hat Orte fotografiert, die mit seiner Kindheit in der frühen DDR zu tun hatten. Und da 1990 praktisch alles noch heruntergewirtschaftet und ruinös war, konnte er zehn bzw. 20 Jahre später noch einmal losfahren und dieselben Häuser aus der gleichen Position fotografieren. Überhaupt spielen für ihn architektonische Bilder eine Hauptrolle, wenn er fotografiert. „Häuser Räume Stimmen“ heißt die Ausstellung.

    Leipzig Barfußgässchen / Klostergasse (1990 / 2002). Foto: Stefan Koppelkamm
    Leipzig Barfußgässchen / Klostergasse (1990 / 2002). Foto: Stefan Koppelkamm

    Und noch vorm Katholikentag wird am 22. Mai eine Ausstellung eröffnet, die gleich mal wie die Faust aufs Auge passt: In „Credo – Kirche in der DDR“ zeigt der Leipziger Fotograf Harald Kirschner Fotos von Wallfahrten, Katholikentreffen, Kirchentagen und Gemeindeleben in der DDR. Auch das natürlich Fotos, die man in der DDR nicht öffentlich ausstellen konnte, die jetzt aber auch wieder Aspekte aus einem vergangenen Land sichtbar machen, die fast schon vergessen waren.

    Aber richtig los geht es im Leipziger Bildermuseum in diesem Jahr nicht mit Malerei oder Fotografie, sondern mit Via Lewandowsky.

    Dazu in Kürze mehr an dieser Stelle.

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