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Mein Verein oder Warum man vor lauter Trachtenfolklore die wirklich wichtigen Vereine nicht sieht

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    Seit Freitag, 1. März, ist im Zeitgeschichtlichen Forum eine Sonderausstellung zu sehen, die sich einem scheinbar sehr kleinbürgerlichen Thema widmet: „Mein Verein“. Als ginge es nur um Geselligkeit, ein bisschen Heimat- und Brauchtumspflege. So sieht ja dann auch der Bursche aus, der auf dem Plakat dreinschaut, als sei er vom Schützenverein direkt zur nächsten Sitzung seines Karnevalsvereins unterwegs.

    „Treffen sich drei Deutsche, gründen sie einen Verein“: Dieser geläufige Witz bezieht sich auf eine Institution, die in ihrer Geschichte immer mit Spott zu kämpfen hatte. Dennoch erfreut sie sich nach wie vor großer Beliebtheit: Über 600.000 Vereine gibt es in Deutschland, rund 44 Prozent der Deutschen sind Mitglied in mindestens einem Verein.

    In jüngster Zeit zeichnet sich ein Strukturwandel ab: Traditionelle, „geselligkeitsorientierte“ Vereine rücken in den Hintergrund, während bei den Neugründungen das bürgerliche Engagement z. B. für Bildung eine zentrale Rolle spielt.

    So befindet zumindest das Zeitgeschichtliche Forum, obwohl man auch dort nur zu gut weiß, dass das Thema Verein immer auch politisch war. Man denke nur an die vielen Arbeiterbildungs- und -sportvereine des 19. Jahrhunderts.

    Plakat "Mein Verein". Foto: Schwind‘ Agentur für Medienkommunikation
    Plakat „Mein Verein“. Foto: Schwind‘ Agentur für Medienkommunikation

    Das Zeitgeschichtliche Forum Leipzig der Stiftung Haus der Geschichte widmet sich in der neuen Ausstellung mit rund 300 Exponaten und mehr als 20 Medienstationen diesen Phänomenen. Aber der Fokus der Ausstellung liegt erst einmal auf der Geselligkeit. So, wie es auch heutige Medien gern machen, wenn sie mal wieder irgendwas über Vereine machen. Dabei sind es große, wirkmächtige Vereine, die im gesellschaftlichen Leben der Bundesrepublik die zentrale Rolle spielen. Und damit sind nicht nur der ADAC und der Bund der Steuerzahler gemeint oder die großen Naturschutzverbände, die alle den offiziellen Status eines Vereins haben, sondern auch die Parteien.

    Das geht in der Ausstellung fast unter, womit das Zeitgeschichtliche Forum mal wieder zeigt, wie stark die Arbeit des Hauses vom eingeschränkten Blick der großen Medien geprägt ist. Man sieht quasi den ganzen Wald vor lauter Sträuchern nicht.

    Die Themenfelder der Ausstellung:

    Geselligkeit und Gemeinschaft: Schützenvereine gibt es in ihrer heutigen Form seit Anfang des 19. Jahrhunderts. Sie begreifen sich als Traditionswahrer und Pfleger heimatlichen Brauchtums. An vielen Orten prägen sie das gesellschaftliche Leben wesentlich mit. Heute müssen sie sich einer Debatte um das zeitgemäße Verständnis ihrer Traditionen stellen. Die identitätsstiftende Rolle von Vereinen belegen eindrucksvoll die Kölner Karnevalsgesellschaften. Mit ihren Ritualen setzen sie das Lebensgefühl der Domstadt an den „tollen Tagen“ wirksam in Szene. Eine emotionsgeladene Beziehung zu ihrem Verein pflegen Fans des FC Schalke 04. Für sie und andere Fans ist der Fußballclub ein zentraler Teil ihres Lebens.

    Fremdkörper: In der DDR sind SED-gelenkte Massenorganisationen Träger des sozialen Lebens. Wenige „Vereinigungen“ können dennoch ein begrenztes Eigenleben führen, so vor allem Kleingärtner, die das SED-Regime ab den 1970er Jahren zur Linderung von Versorgungsmängeln sogar gezielt fördert. Meist zerstört die deutsche Teilung alle Bande zwischen Vereinsmitgliedern aus Ost und West. Nicht so bei der Neuen Bachgesellschaft, die bis 1989 die Funktion einer deutsch-deutschen Klammer erfüllt und auf ihren Veranstaltungen die Begegnung von Menschen aus beiden Teilen Deutschlands ermöglicht.

    Mitwirkung und Mitverantwortung: Heute erleben projektbezogene Fördervereine einen Gründungsboom. Zu ihnen gehört die Gesellschaft zur Förderung des Wiederaufbaus der Dresdner Frauenkirche. „Tafeln“, die Lebensmittel an Bedürftige verteilen, übernehmen Aufgaben der Daseinsvorsorge. An ihnen entzündet sich eine Kontroverse über die Rolle, die private Vereine im Spannungsfeld zu öffentlichen Aufgaben sinnvoll erfüllen können.

    Vom Brachland zum Kleingarten: „Brachland-Aktionen“ lindern den Hunger in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) in den Nachkriegsjahren. Der Kleingarten ist ein Weg zur Selbsthilfe, nach dem Willen der SED soll er verschwinden, aber der Kleingarten überlebt sogar die DDR. Foto: Naumann, H., 1947 / : Stiftung Haus der Geschichte/ Axel Thünker
    Vom Brachland zum Kleingarten: „Brachland-Aktionen“ lindern den Hunger in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) in den Nachkriegsjahren. Der Kleingarten ist ein Weg zur Selbsthilfe, nach dem Willen der SED soll er verschwinden, aber der Kleingarten überlebt sogar die DDR. Foto: Naumann, H., 1947 / : Stiftung Haus der Geschichte/ Axel Thünker

    Die Entwicklung der letzten Jahre zeigt, dass die Mitgliederzahlen der Vereine wachsen. Allerdings gehen die Zahlen von traditionellen Vereinen, vor allem in ländlichen Regionen, laut einer Studie des Stifterverbandes für die deutsche Wissenschaft langsam zurück. Vor allem in den Städten werden zunehmend Vereine gegründet, die sich zum Beispiel im Rahmen von Fördervereinen dem Thema Bildung widmen. Das politisch-gesellschaftliche Engagement der Vereine, die einen großen Beitrag zum sozialen Zusammenhalt leisten, bleibt ein unverzichtbarer Teil unserer Gesellschaft. Und da wären wir bei den großen und wirksamen Vereinen, die so präsent sind, dass man sie gar nicht mehr als Verein wahrnimmt. Und die natürlich genau dieselben Bedürfnisse erfüllen wie die vielen kleinen Vereine – nur halt auf größerer Ebene, dort, wo heute nun einmal die wirklich brennenden Themen unserer Zeit verhandelt werden.

    Die Ausstellungsstücke:

    Zu sehen sind unter anderem Objekte des Karnevals in West- und Ostdeutschland, so der Schellenbaum eines Kölner Karnevalvereins sowie Narrenkappe und Umhang eines Elferratsmitglieds der 1950er Jahre aus dem thüringischen Wasungen. Das Modell eines DDR-Kleingartens verweist auf das Vereinsleben in der Diktatur, der von der Leipziger Mannschaft signierte Ball des ersten Bundesliga-Spiels zwischen RB Leipzig und dem FC Schalke 04 steht für moderne Formen der Fangemeinschaften. Die Ausstellung zeigt den Verein als Ort von Geselligkeit und Gemeinschaft, Tradition und Heimatverbundenheit, der Menschen aus unterschiedlichen sozialen Milieus zusammenführt.

    Die Ausstellung ist vom 1. März bis 25. August 2019 im Zeitgeschichtlichen Forum zu sehen. Der Eintritt ist frei.

    Die neue Leipziger Zeitung Nr. 64: Kopf hoch oder „Stell dir vor, die Zukunft ist jetzt“

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