Eigentlich geht auch Prof. Peter Wollny, Direktor des Bach-Archivs Leipzig, mit Zahlen eher nicht hausieren. Doch als er am Mittwoch, 13. April, ein neues Stück „altes Papier“ vorstellte, das für das Bach-Archiv bei Sotheby’s ersteigert werden konnte, war ihm der Ärger über das Gebaren der Auktionshäuser doch ein paar deutliche Worte wert. Denn dieses Gebaren macht wissenschaftliches Sammeln schweineteuer.

Nur dank finanzieller Unterstützung kann überhaupt mitgespielt werden

Und ohne seine Unterstützer wäre das Bach-Archiv nicht in der Lage, überhaupt mitzubieten, wenn seltene Musikalien in den Auktionskatalogen angeboten werden. Diese Unterstützer haben sich in zwei Freundeskreisen in Deutschland und den USA organisiert, die alljährlich fünfstellige Summen beisteuern, damit das Bach-Archiv wertvolle Funde zur Bachforschung ankaufen kann.

Und im Kuratorium des Bach-Archivs sitzen Unterstützer, die auch mal mit sechsstelligen Summen dabei sind, wenn so etwas Seltenes wie das einmalige Frühwerk des 17-jährigen Bachsohns Carl Philipp Emanuel Bach aufgerufen wird.

„Und wir hatten richtig Glück“, sagt Wollny, dem sehr bewusst ist, wie knapp es diesmal war, dass für diese einmalige Handschrift nur 300.000 Euro nötig waren.

Denn damit, dass die Auktionshäuser die Gebote für solche seltenen Handschriften in die Höhe treiben, werden sie zu Geldanlagen und damit auch zum begehrten Gut für Leute, die die Stücke einfach vom Markt kaufen und dann für Jahrzehnte im Banksafe verschwinden lassen.

Für die Forschung sind sie dann auch für Generationen nicht verfügbar. Und nur das Original hilft wirklich, betont Wollny. Nur das verrät, was der Künstler im Moment des Schaffens tatsächlich dachte und wollte.

Die Komposition eines 17-Jährigen

Es war schon 2021, als das Bach-Archiv auf einer Auktion des Londoner Auktionshauses Sotheby‘s die bislang verschollen geglaubten originalen Handschriften des Komponisten Carl Philipp Emanuel Bach erwerben konnte. Das seltene Frühwerk war 1731 in Leipzig entstanden. Am 13. April präsentierten die Bürgermeisterin und Beigeordnete für Kultur der Stadt Leipzig, Dr. Skadi Jennicke, und der Direktor des Bach-Archivs, Prof. Dr. Dr. h. c. Peter Wollny, die frisch restaurierte Partitur samt Stimmensatz der Öffentlichkeit.

Die restaurierte Jugendkomposition von Carl Philipp Emanuel Bach. Foto: Ralf Julke
Die restaurierte Jugendkomposition von Carl Philipp Emanuel Bach. Foto: Ralf Julke

Der Bach-Sohn hatte das dreisätzige Stück für Violine, Flöte und Generalbass im Alter von 17 Jahren unter den Augen seines Vaters geschrieben und in späteren Jahren überarbeitet. Mit dem Ankauf durch das Bach-Archiv Leipzig kehrt dieses singuläre Quellenmaterial zur Bach-Rezeption an den Ort seiner Entstehung – den Leipziger Thomaskirchhof – zurück. Hier ist es erstmals und zudem dauerhaft öffentlich zugänglich.

Prof. Dr. Dr. h. c. Peter Wollny, Direktor des Bach-Archivs Leipzig, sagt dazu: „Der Komponist Carl Philipp Emanuel Bach hat den Großteil seines Leipziger Frühwerks in späteren Jahren selbst vernichtet. Es ist daher sowohl für die Stadt Leipzig als auch für die Musikforschung bedeutsam, dass Partitur und Stimmen einer 1731 entstandenen und später überarbeiteten Triosonate Bachs nun die Sammlung des Bach-Archivs Leipzig bereichern. Das Werk stammt aus der Feder eines 17-Jährigen, der geprägt ist von dem reichen Musikkosmos Leipzigs.

Die Aura der belebten Kantorenwohnung am Thomaskirchhof, die Ausbildung an der Thomasschule und das studentische Musizieren formten einen jungen Musiker, der später als einer der bedeutendsten Komponisten der Empfindsamkeit und hoch angesehener Musikdirektor der Stadt Hamburg in die Musikgeschichte einging.“

Wobei die Handschrift auch etwas verrät, was Wollny begeistert, denn der Beginn der Komposition verrät die Dominanz des Vaters und dessen genialer Kompositionstechnik mit doppeltem Kontrapunkt. Aber so wie es Wollny aus einem ausradierten Stück im 17. Takt herausliest, hat der begabte Sohn an dieser Stelle wohl gemerkt, dass er so aus dem Schatten des Vaters nicht herauskam – er radierte etwas aus und komponierte dann einfach im galanten Stil der Zeit weiter. Ein erstaunlich sprechendes Dokument, das hier zeigt, wie ein Sohn sich aus der musikalischen Autorität eines genialen Vaters herausarbeitet.

Der Weg des Unikats

Die mit großzügiger Unterstützung der privaten Spenderinnen und Spender Barbara Lambrecht-Schadeberg, Adelheid und Jon Baumhauer sowie Dr. Arend Oetker erworbene autografe Notenhandschrift hatte sich im Nachlass des Händel-Forschers Friedrich Chrysander (1826–1905) erhalten und war bis zur Auktion im Besitz seiner Nachkommen verblieben. Im Anschluss an den Ankauf wurde das Quellenmaterial durch die auf Erhaltung von Archiv- und Bibliotheksgut spezialisierte Schempp Bestandserhaltung GmbH in Kornwestheim umfänglich restauriert, sodass man dem Dokument heute die mit der Zeit entstandenen Schäden nicht mehr ansieht.

Dr. Skadi Jennicke, Bürgermeisterin und Beigeordnete für Kultur der Stadt Leipzig, äußerte am Mittwoch ihre pure Freude: „Die Musikstadt Leipzig ist nach außen hin weithin sichtbar durch ihre berühmten Institutionen, traditionsreichen Stätten und beliebten Veranstaltungen. Ihr Fundament aber liegt in dem Schatz ihrer musikalischen Denkmäler: die seit mehr als fünf Jahrhunderten hier zusammengetragenen wertvollen Handschriften und gedruckten Ausgaben. Sie bilden das bedeutsame Erbe, das es zu pflegen, zu mehren, zu erforschen und für die Praxis aufzubereiten gilt.

Auch das Bach-Archiv wurde einst gegründet, um die in Leipzig befindlichen Kompositionen der Musikerfamilie Bach zu bewahren. In den vergangenen Jahren konnte die einzigartige Sammlung des Hauses erfolgreich erweitert werden; sie ist mittlerweile ein Magnet für Wissenschaftler/-innen und Musiker/-innen aus aller Welt. Ich freue mich, dass sich mit der in Leipzig entstandenen Triosonate nun auch eine seltene originale Handschrift des jungen Carl Philipp Emanuel Bach in diese Sammlung einreiht.“

Was das Bach-Archiv noch erwerben konnte

Peter Wollny betonte bei der Gelegenheit, dass er sich in den beiden Corona-Jahren sehr zurückgehalten hat, die eigentlichen Träger des Archivs – Stadt Leipzig, Freistaat Sachsen und Bund – um finanzielle Unterstützung beim Erwerb wichtiger Bach-Funde anzusprechen.

Trotzdem gelang es über die Jugendkomposition von C. P. E. Bach hinaus, weitere Stücke zu erwerben, die das Herz der Forscher höher schlagen lassen. Insbesondere ein Choralbuch von Gottfried August Homilius, das viele Kompositionen enthält, die andernorts nicht mehr überliefert sind, hat es Wollny angetan. Das Notenbuch befand sich lange Zeit in Dresden und die Forscher wussten auch um dessen Existenz, doch erst jetzt gelang der Erwerb aus dem Nachlass des bisherigen Besitzers. Und so kann auch jetzt erst die Forschung zu diesem Choralbuch beginnen.

Jeder einzelne Fund macht Forschern wie Wollny deutlich, dass die Bach-Forschung noch auf Generationen hinaus keineswegs an ihre Grenzen stoßen wird. Man nähere sich dem Bachkosmos nur immer mehr an. Jede Forschergenerationen trägt neue Erkenntnisse bei. Und immer wieder tauchen neue Funde auf, die die Forschung ergänzen oder völlig neue Erkenntnisse bringen.

Selbst dann, wenn es „nur“ Funde aus dem Umfeld und der Zeit der Bachs sind. So wie Gottlob Korns „Album Amicorum“ (1732 – 1747), das Spendenbuch der Thomasschule Leipzig (1633 – 1641), ein mit „J. W. St. / 181“ signiertes Orgelbüchlein oder mehrere grafische Blätter aus dem 17. und 18. Jahrhundert, die uns nicht nur die Persönlichkeiten zeigen, sondern auch, wie Bach Zeitgenossen ihre Zeit und Leipzig sahen.

Etwa ein Guckkastenblatt „Auerbachs-Hof in Leipzig“ von Johann August Rosmaesler, das um 1760 entstanden ist. So aber kannte auch Bach noch diesen Handelshof.

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