Mit „Hochzeitsmarsch mit Rosenkrieg“ versucht eine kleine Ausstellung im Stadtgeschichtlichen Museum auf den Punkt zu bringen, worin eigentlich Richard Wagners Problem mit Felix Mendelssohn Bartholdy bestanden hat. Diesmal hat das Stadtgeschichtliche Museum Leipzig mit Studierenden der Musikwissenschaft der Universität Leipzig zusammengearbeitet. Nur: Ein Rosenkrieg war es nie. Dazu gehören nämlich zwei.

Aber mit dem Wort Rosenkrieg wird auch ein Aspekt eingefangen, der in dieser ungleichen Paarbeziehung natürlich eine Rolle spielt: Richards Gefühl, von dem bewunderten, nur wenig Älteren zu wenig Achtung und Anerkennung gefunden zu haben.

Deswegen klingt es natürlich etwas hochgestochen, wenn das Stadtgeschichtliche Museum formuliert: „In der Ausstellung ‚Hochzeitsmarsch mit Rosenkrieg‘ vom 15. Juni bis 4. September 2022 die Leipzig so prägenden Musikerpersönlichkeiten Richard Wagner und Felix Mendelssohn Bartholdy gegenüber. Die Idee dazu kam vom Richard-Wagner-Verband Leipzig.“

„Musikerpersönlichkeit“ ist ein großes Wort, ein sehr großes. Auf Mendelssohn trifft es unbedingt zu.

Aber bei Richard Wagner wird es ganz schwierig. Wikipedia erwartet von einer Persönlichkeit durchaus zu Recht „einen lebenserfahrenen, reifen Menschen mit ausgeprägten Charaktereigenschaften“. Und das bei Wagner?
Selbst seine Festspiele erzählen etwas Anderes.

Hochzeit, Marsch!

Und auch das, was die Studierenden in der Ausstellung gesammelt haben, erzählt von einem sehr gebrochenen Verhältnis, das Wagner gegenüber dem früh verstorbenen Idol seiner Jugend bis zum Schluss hatte.

Und da staunten die Musikstudent/-innen auch noch darüber, dass beide Komponisten bis heute im Wettstreit liegen mit den berühmtesten Hochzeitsmärschen.

„Mit ihren Hochzeitsmärschen komponierten Mendelssohn und Wagner zwei Evergreens, die zu den meistgespielten Musikstücken überhaupt zählen. Doch persönlich blieb ihr Verhältnis unterkühlt. Abgesehen von wenigen Zeichen gegenseitigen Respekts überwog der ‚Rosenkrieg‘, der auch nach Mendelssohns Tod kein Ende fand“, formuliert das Stadtgeschichtliche Museum etwas, was so ganz nicht stimmt.

Und das weiß man dort auch. Denn von Mendelssohns Seite gab es nie einen „Rosenkrieg“ und auch keinen Anlass, mit Richard Wagner irgendetwas öffentlich auszustreiten. „In der Musikszene ging man sich aus dem Weg: Der große Opernschöpfer und Kulturrebell Wagner verfolgte ganz andere Ziele als der gefeierte Sinfoniker, Familienmensch und Kirchenmusiker Mendelssohn. Doch was beide einte, war Leipzig, dieses magische Musikzentrum, der Ort von Wagners Taufstein und Mendelssohns Sterbehaus.“

Worte können so falsch sein. Denn auch das stimmt nicht, dass sie sich „aus dem Weg gingen“. Dazu muss man sich überhaupt erst einmal nahegekommen sein. Aber dazu waren selbst ihre Lebenswege viel zu verschieden.

Oder wie es das Stadtgeschichtliche Museum formuliert: „Von Anbeginn ihrer Karriere konnten die Voraussetzungen gar nicht unterschiedlicher sein. Beide waren junge Männer, von denen einer (Mendelssohn) bereits internationale Triumphe feierte, während der andere (Wagner) ohne Erfolg die Universität verließ und fast autodidaktisch seine Meisterschaft erlangte. Auch wenn sie sich bald schon auf Augenhöhe befanden, blieb das gegenseitige Missbehagen bestehen.“

Missbehagen?

Die Leben der beiden haben sich so gut wie gar nicht berührt, stellt auch Dominik Dungel, Studierender am Institut für Musikwissenschaft der Universität Leipzig, fest: „Ein faszinierender Aspekt war für mich die äußerst vielschichtige Aufarbeitung zweier Persönlichkeiten, die im realen Leben kaum aufeinandertrafen, sich aber in der Forschung heute umso häufiger begegnen.“

Ein posthumer „Musikerstreit“

Und auch Dr. Anselm Hartinger, Direktor der Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig, sieht hier eher eine erst posthum geschaffene Zweierbeziehung:

„Doch waren es nicht allein charakterliche Unterschiede, dissonante Schaffensschwerpunkte und getrennte Künstlerkarrieren, die die posthume Rezeption beider Meister häufig schroff voneinander trennte und eine zu Lebzeiten kaum denkbare Sprachlosigkeit ihrer jeweiligen Fangemeinden im Umgang miteinander herbeiführten. Den definitiven Bruch löste Richard Wagner aus, der in seiner Schmähschrift ‚Das Judenthum in der Musik‘ nicht nur seine früheren Vorbilder Mendelssohn und Meyerbeer verunglimpfte, sondern Menschen jüdischer Herkunft pauschal die Befähigung zu ‚wahrhafter Kunst‘ absprach.

Diese antisemitische Verschwörungstheorie hat nicht nur das Andenken Wagners in der Neuzeit überschattet, sondern auch zur Indienstnahme seines Werkes im Nationalsozialismus beigetragen, der wir uns stellen müssen, wenn wir das Wirken und die Lebensleistung beider Meister als Leitfiguren der Leipziger Musiktradition heute wieder abgewogen einordnen wollen. Dazu möchte diese Ausstellung nachhaltig beitragen.“

„Für dieses Ausstellungsprojekt, das erstmals beide Musikerpersönlichkeiten vergleichend beleuchtet, begaben sich Studierende des musikwissenschaftlichen Instituts der Universität Leipzig auf Spurensuche“, formuliert das Museum. „Es sind nur wenige Zeugnisse ihrer künstlerischen und privaten Beziehung überliefert. Sie werden jetzt präsentiert. Unkonventionelle Elemente wie Karikaturen mit Denk- und Sprechblasen regen zudem die Fantasie der Gäste an und ermuntern, über das Interagieren der beiden nachzudenken.“

Wenn man ein solches Interagieren überhaupt entdecken kann. Denn warum sollte Mendelssohn mit Wagner interagieren? Während Wagner natürlich „interagierte“. Er war in seinem frühen Schaffen stark geprägt von Mendelssohn. Und seine Aversion war auch die Aversion eines Schülers, der sich von seinem großen Vorbild abnabeln wollte. Aber halt nicht souverän, wie man das von einer starken Persönlichkeit erwarten könnte. Sondern eher wie ein Kind, das gegen den (Über-)Vater wütet, aggressiv und rücksichtslos.

Ein doppeltes Notenpult

„Kaum zu glauben, dass man immer wieder neue Aspekte über die reiche Leipziger Musikgeschichte entdeckt! Im Gespräch mit interessierten Studierenden ergeben sich ganz neue Blickwinkel zu altbekannten Themen. Schön die Ideen mit den Gewandhaus-Stühlen, dem doppelten Notenpult, dem Zeitstrahl und den Handschrift-Gutachten“, sagt Dr. Birgit Heise, Dozentin Universität Leipzig, Institut für Musikwissenschaft, die das Projekt betreut hat.

Die Studioausstellung ist in Zusammenarbeit mit Studierenden der Musikwissenschaft der Universität Leipzig entstanden und wird vom Richard-Wagner-Verband Leipzig unterstützt.

„Hochzeitsmarsch mit Rosenkrieg. Wagner und Mendelssohn in Leipzig“, Studioausstellung im Haus Böttchergäßchen (Böttchergäßchen 3) vom 15. Juni bis zum 4. September.

Öffnungszeiten: Di–So, Feiertage 10–18 Uhr,
Eintritt: Erwachsene 5 Euro, ermäßigt 2,50 Euro, Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre frei, Freier Eintritt an
jedem 1. Mittwoch im Monat.

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