Am 21. Mai 2020 erzählte an dieser Stelle Peter Uhrbach von einem fast vergessenen Leipziger Musiker, von Gustav Brecher, von 1923 bis 1933 Operndirektor am Neuen Theater am Augustusplatz, dem Vorgängerbau des heutigen Opernhauses. Am Dirigentenpult stand er zum letzten Mal am 4. März 1933. Bevor ihn die triumphierenden Nationalsozialisten aus dem Amt und aus dem Land vertrieben. Damals schrieben wir: „Wobei ein Stolperstein auch vor dem Opernhaus denkbar wäre …“

Genau das passiert jetzt auch. Für die Oper Leipzig sogar direkt im Zusammenhang mit dem Wagner-Festival „Wagner22“. Denn Brecher gehört zu den Intendanten, die Richard Wagner in einem großen Zyklus inszenieren wollten. Was ihm aber nicht mehr vergönnt war. Peter Uhrbachs Artikel hat also tatsächlich etwas bewegt.

Die Oper Leipzig selbst erzählt dazu:

„Gustav Brecher, ab 1914 Generalmusikdirektor der Leipziger Oper, der u. a. Werke wie Kurt Weills ‚Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny‘ oder Ernst Kreneks ‚Johnny spielt auf‘ in Leipzig aus der Taufe hob, beschäftigte sich mit dem ambitionierten Vorhaben, anlässlich des 50. Todestages Richard Wagners im Jahre 1933 alle Werke des Komponisten in dessen Geburtsstadt auf die Bühne zu bringen. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Frühjahr desselben Jahres wurde der Komponist jüdischer Herkunft, der auch aufgrund seiner Affinität zur sogenannten ‚entarteten Musik‘ heftig angegriffen wurde, aus seinem Amt entfernt.“

Am Montag, 16. Mai, ist die Stolpersteinverlegung für Brecher vorgesehen – im Rahmen einer ganzen Reihe von Stolpersteinverlegungen an diesem Tag, zu denen das Archiv Bürgerbewegung einlädt.

Für Brecher gibt es sogar gleich zwei Stolpersteine. Denn den Auftakt gibt es am 16. Mai um 11 Uhr in Markkleeberg, wo zwei Stolpersteine verlegt werden. Sie sollen an Gertrud und Gustav Brecher erinnern, die von 1928 bis 1933 in der Villa in der Markkleeberger Parkstraße 2 lebten.

„Gustav Brecher wirkte als Operndirektor von 1923 bis 1933 am Neuen Theater (Oper) in Leipzig und prägte das Haus in dieser Zeit maßgeblich“, lädt die Stadt Markkleeberg ein.

„Am letzten freien Wohnort der Brechers in Markkleeberg beginnt die Verlegung der Stolpersteine für Gustav und Gertrud Brecher um 11:00 Uhr. Die AG Spurensuche des Gymnasiums ‚Rudolf-Hildebrand-Schule‘ übernimmt die Organisation und Durchführung der Veranstaltung. Gunter Demnig verlegt die Steine. Alle interessierten Einwohnerinnen und Einwohner sind zu der Veranstaltung herzlich willkommen. Markkleeberg verfügt bislang über neun Stolpersteine im Stadtgebiet.

Sie erinnern an Olla und Ludwig Bamberger (Hauptstraße 3), Gertrud, Lucie, Rosa und Friedrich Berliner (Rathausstraße, gegenüber der Rathausgalerie), Chane Suhl (Hauptstraße 68), Alexander Eisenberg (Am Wolfswinkel 14) und an Helene Knothe (Pater-Kolbe-Straße).“

Während in Markkleeberg beide Eheleute gewürdigt werden, gilt der Stolperstein am Opernhaus ganz allein dem einstigen Operndirektor.

Hier ist die Stolpersteinverlegung für 15:45 Uhr geplant.

„Von 1923 bis zu seinem Berufsverbot 1933 war Generalmusikdirektor Gustav Brecher Intendant am Neuen Theater Leipzig, dem Vorgängerbau der Oper. Entrechtet und gedemütigt nahm er sich auf der Flucht in Belgien 1940 das Leben“, fasst das Archiv Bürgerbewegung hier sein Schicksal zusammen.

Die Patenschaft über den Stolperstein hat übrigens Openintendant Prof. Ulf Schirmer übernommen.

Das traumatische Ende

„Am 11. März 1933 wurde er offiziell vom Leipziger Oberbürgermeister Carl Goerdeler entlassen“, erzählt Björn Eggert im Zusammenhang mit dem in Hamburg verlegten Stolperstein für Gustav Brecher über sein späteres Schicksal.

„Vollkommen isoliert verkauften die Brechers ihr Haus in Oetzsch wieder und verließen Leipzig. Ein Engagement in Leningrad (Sowjetunion) Anfang 1934, um das dortige Rundfunk-Orchester zu leiten, war nur von kurzer Dauer. Zu groß waren die Sprachbarrieren, um seine musikalischen Vorstellungen vermitteln zu können. Gustav Brecher ging zurück nach Berlin. Die Eheleute wohnten in einer Villa in Berlin-Dahlem, die Gertruds Mutter gehörte.

Doch auch die jüdische Familie Deutsch wurde enteignet. Nach kurzen Engagements in Wien und Prag verließen Gertrud und Gustav Brecher Deutschland Anfang 1939 und gingen nach Brno in die Tschechoslowakei. Doch die Flucht nahm kein Ende. Im März 1939 wurde das Nachbarland annektiert. Anfang April 1939 flohen die Eheleute weiter nach Belgien, wo sie mit Gertruds Mutter zusammentrafen.

In Antwerpen warteten sie auf die Papiere für eine Schiffspassage nach Lissabon. Doch mit ihren tschechoslowakischen Reisepässen wurde ihnen die Einreise nach Portugal verweigert, denn sie waren Bürger eines Staates, den es nicht mehr gab. Im Juni 1939 zogen alle drei nach Ostende. Die bürokratischen Hürden zur legalen Ausreise blieben unüberwindlich.

Als Deutschland am 10. Mai 1940 in Belgien einmarschierte, schien die Aussicht auf Flucht und Rettung endgültig zunichte. Nach jahrelanger Demütigung und Hoffnungslosigkeit beendeten Gertrud Brecher (45 Jahre) und Gustav Brecher (61 Jahre) in dieser ausweglosen Situation im Mai 1940 ihr Leben selbst.“

Was dann die mehr als lückenhaften Ausführungen auf Wikipedia deutlich ergänzt.

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