Im Grunde ist es ein riesengroßes Abschiedsgeschenk, das sich Intendant und Generalmusikdirektor Prof. Ulf Schirmer da selbst gemacht hat mit „Wagner22“, den Wagner-Festtagen, die Leipzig vom 20. Juni bis 14. Juli zum Mittelpunkt der Wagnerwelt machen werden: Alle 13 Bühnenwerke des in Leipzig geborenen Komponisten, der seine Faszination teilweise auch daher bekommt, dass er nach wie vor umstritten ist. Und dann ist da ja auch noch ein fast vergessener Leipziger Intendant namens Brecher.

Im Interview sprachen wir mit Ulf Schirmer über Richard Wagner, das weltweit einzigartige Wagner-Festival, bei dem nicht nur sein „Ring“ zu erleben sein wird, sondern auch all seine Frühwerke, die Wagner so gern in der Versenkung hätte verschwinden lassen.

Aber seit der umjubelten Aufführung von „Die Feen“ von 1834 am Openhaus Leipzig gehören Wagners frühe Stücke genauso zum festen Repertoire wie seine Spätwerke. Und so gibt es ab dem 20. Juni etwas zu erleben, das so auch Bayreuth nicht zeigen kann: den kompletten Wagner.

Was auch etwas sichtbar macht, was Wagner so gern verleugnet hat: Wie sehr er im Schatten des von ihm später so geschmähten Felix Mendelssohn Bartholdy stand. Im Gespräch kommt Ulf Schirmer genauso darauf zu sprechen wie auf seine schon frühe Begegnung mit Gustav Brecher bei seinem Studium in Hamburg, ohne zu ahnen, dass er ihm in Leipzig wiederbegegnen würde. Unverhoffterweise.

Denn Leipzig hatte den begnadeten Intendanten, Musikdirektor und Dirigenten, der das Neue Schauspiel in Leipzig am Augustusplatz von 1914 bis 1933 prägte, so gut wie vergessen.

„Warum gibt es keine Brecherstraße in Leipzig?“, fragt Schirmer.

Das Relief für Gustav Brecher vor der Probebühne der Oper Leipzig,  gestaltet von Bildhauer Jochen Zieger und Steinmetz Frank Lager, gegossen in der Bronzebildgießerei Noack. Foto: LZ
Das Relief für Gustav Brecher vor der Probebühne der Oper Leipzig, gestaltet von Bildhauer Jochen Zieger und Steinmetz Frank Lager, gegossen in der Bronzebildgießerei Noack. Foto: LZ

Was kein Zufall war, denn Leipzig hatte auch vergessen, wie grandios das Leipziger Kulturleben einmal war, bevor die Nationalsozialisten alles zertrampelten, was ihnen zu modern, zu liberal, zu weltoffen war. Und dass Brecher für das Jahr 1933 schon einen kompletten Wagnerzyklus plante, erfuhr auch Ulf Schirmer erst so richtig 2013, als Leipzigs Opernhaus nach vielen Jahren der Distanz wieder daran ging, Wagner im großen Zyklus auf die Bühne zu bringen. Mehr geschoben als selbstverständlich.

Aber den 200. Geburtstag des Komponisten, der nun einmal im Jahr der Völkerschlacht in Leipzig geboren wurde, nicht zu feiern, das ging überhaupt nicht. Bei allen Diskrepanzen, die auch damals schon in der Stadtgesellschaft heiß diskutiert wurden.

Auch das Wagner-Denkmal von Stephan Balkenhol am Goerdelerring bildet diese Dissonanzen ab. Dissonanzen, die weit über die Kritik an Wagners Schrift „Das Judenthum in der Musik“ hinausgehen. „Wagner war ein Revolutionär“, sagt Schirmer. Was einiges verständlicher macht in seinem Leben, das mit seinem späten Ruhm ab 1871 auch von einem Geniekult geprägt war, in dem es der Komponist genoss, als „der Meister“ verehrt zu werden.

Hatte da noch ein Mendelssohn Platz neben ihm? Eine spannende Frage. Durfte überhaupt noch einer neben dem „Auserwählten“ stehen, der via Zeitung durchaus auch Marketing in eigener Sache betrieb?

Ulf Schirmer wird zu „Wagner 22“ selbst am Dirigentenpult stehen. Und auch wenn es auch ihm so geht, dass er sich schwer vorstellen könnte, mit einem Richard Wagner selbst in ein normales Gespräch zu kommen, versteht er doch die Faszination, die von Wagners Bühnenwerken ausgeht. Überrascht hat es ihn trotzdem, dass 450 Wagner-Enthusiasten tatsächlich das volle Programm „Wagner22“ gebucht haben.

Seit Mai heißt die Probebühne der Oper Leipzig Gustav-Brecher-Probebühne. Foto: LZ
Seit Mai heißt die Probebühne der Oper Leipzig Gustav-Brecher-Probebühne. Foto: LZ

Dass man Wagner besser nicht durch die Brechtsche Brille betrachtet und die Opern auch nicht in ein Potpourri verwandeln sollte, erklärt er auch.

Die Forschungen zu Gustav Brecher haben inzwischen so einiges ans Tageslicht gebracht, was den dann im Exil so tragisch gestorbenen Mann als Person wieder greifbar macht. Stolpersteine vor seinem Wohnhaus in Markkleeberg erinnern seit Mai an ihn und seine Frau.

Und auch vorm Opernhaus selbst liegt seitdem einer dieser Erinnerungssteine, die uns all jene Menschen wieder gegenwärtig machen, die einst von den Nationalsozialisten vertrieben, ermordet und enteignet wurden. Oft mit der Folge, dass sie tatsächlich für Generationen vergessen wurden.

Doch heute erinnert auch ein Relief vor der Probenbühne im Opernhaus an den einst deutschlandweit geachteten Intendanten. Die Probenbühne selbst bekam den Namen Gustav-Brecher-Bühne, sodass der Name auch den Künstler/-innen und Mitarbeiter/-innen im Haus wieder gegenwärtig ist.

Und in Brechers Geist steht natürlich auch „Wagner22“, denn so ähnlich wollte er ja die Wagner-Stücke 1933 auch auf die Bühne bringen. Was ihm nicht mehr vergönnt war, weil ihn die randalierenden Nationalsozialisten aus seinem Amt verjagten.

Und auch, welche Wagner-Oper er allen ans Herz legt, die mit den Festspiel-Stücken noch nichts anfangen können, verriet Ulf Schirmer: Es ist „Der fliegende Holländer“. Warum man so vielleicht am schnellsten Zugang findet zu dieser sehr eigensinnigen Opernwelt, verrät er im Gespräch.

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