Das zumindest kann man feststellen: Wagner-Festivals in Leipzig gehen nicht mehr so einfach über die Bühne, ohne dass der Antisemitismus des in Leipzig geborenen Komponisten thematisiert wird. Die Frage ist eher, wie das geschieht. Und aus Sicht des Stadtrats Thomas Kumbernuß (Die PARTEI) geschieht das innerhalb der Wagnerfesttage „Wagner22“ ungenügend. Zweimal fragte er dazu nach. Auch beim zweiten Mal steht ihm das Kulturdezernat Rede und Antwort.

Denn die Auseinandersetzung mit Wagners antisemitischer Haltung wird im Zusammenhang mit „Wagner22“ insbesondere in begleitenden Symposien und Ausstellungen thematisiert.

„Die ursprüngliche Antwort zur Anfrage VII-F-07191 versucht, das umfangreiche Programm des Symposions auf wenige Zeilen zu verdichten. Dabei sollte nicht der Eindruck entstehen, die komplexe und in sich widersprüchliche Rezeptionsgeschichte Wagners auf die Jahre der NS-Herrschaft 1933-45 zu verkürzen oder aber die ebenso facettenreiche Auseinandersetzung mit Wagners Werk in der DDR-Zeit pauschal als ‚ideologisch gefärbt‘ abzuqualifizieren“, versucht das Kulturdezernat zu erklären, warum der Umgang mit dem griesgrämigen Komponisten nicht so einfach ist.

„Ziel des Symposiums sollte es gerade sein, hier zu einer kritischen Differenzierung beizutragen. Der Fokus auf der Rezeption Wagners nimmt dabei zu Recht auf das bekannte Faktum Bezug, dass Wagners Ausstrahlung auf die Kunstwelt, Musikszene, Literatur, Politik und Gesellschaft posthum generell umfangreicher und prägender war, als zu Lebzeiten absehbar schien – Wagners auch im Leipziger Denkmal von 2013 sichtbarer ‚Schatten‘ also größer ist als seine durchaus ambivalente, mediokre und auch zu Lebzeiten umstrittene Persönlichkeit. Damit soll jedoch der unheilvolle Einfluss seiner antisemitischen Schriften von 1850/68 in keinster Weise bestritten werden.“

Würdigung für Gustav Brecher

Und dass der diesjährige Wagner-Zyklus ganz besonders im Zeichen des 1933 von den Nationalsozialisten aus dem Amt vertriebenen Intendanten Gustav Brecher steht, habe nichts damit zu tun, Wagner in irgendeiner Weise zu entschuldigen.

„Die detaillierte Beschäftigung mit Gustav Brechers Wirken und seiner Vertreibung aus Leipzig ist ohne Zweifel sinnvoll – auch mit Blick auf einen auch hier bereits vor 1933 virulenten Antisemitismus in Teilen der kulturellen und politischen Eliten“, betont das Kulturdezernat.

„Eine Relativierung des Wagnerschen Antisemitismus war damit keineswegs beabsichtigt; Beispiele wie die Aufführungen Brechers und Angelo Neumanns bereits im späten 19. Jahrhundert zeigen nur die breite Verankerung Wagners im deutschsprachigen Bühnenbetrieb der Zeit generell und zugleich das künstlerische Potenzial, das seiner Musik auch von avantgardistischen Regisseuren und Dirigenten immer wieder zugesprochen wurde – dies wäre allenfalls ein Argument dafür, dass Werk und Schöpfer nicht ganz in eins zu setzen sind und Wagner als ästhetische Herausforderung auch vor und nach 1900 nicht allein den Antisemiten und neuheidnischen Konservativen gehörte.“

Und schon im Vorfeld der Festtage wurde Gustav Brecher ja gewürdigt – mit einem Stolperstein vorm Opernhaus und einem Relief, in Markkleeberg mit Stolpersteinen für ihn und seine Frau vor seinem damaligen Wohnhaus.

„Die Oper Leipzig würdigt Gustav Brecher als Opfer der antisemitischen Politik der Nationalsozialisten. Sie würdigt ihn auch und besonders als Künstler, Musiker und Ideengeber für eine zyklische Aufführung der Werke Wagners. Die Würdigung der Stadtverwaltung wird in dem Grußwort der Beigeordneten für Kultur anlässlich der Weihe des Reliefs für Brecher am 13.05.2022 deutlich“, betont das Kulturdezernat.

Die Rede von Skadi Jennicke zur Weihe des Reliefs von Gustav Brecher.

Und auch Wagners Verhältnis zu Felix Mendelssohn Bartholdy sieht die Stadt ganz und gar nicht als eine künstlerische Auseinandersetzung. Denn dazu braucht es nun einmal zwei, die sich auf Augenhöhe begegnen. Doch das ist schlicht nicht möglich, wenn sich der Angegriffene – also Felix Mendelssohn Bartholdy – nicht einmal wehren kann, weil er schon tot ist.

Von Antipoden kann keine Rede sein

„Wagner und Mendelssohn Bartholdy als direkte ‚künstlerische Antipoden‘ anzusehen, wäre tatsächlich eine Verkürzung des komplexen Sachverhaltes und entspräche zudem nicht der zu Lebzeiten beider vor 1847 völlig ungleichen Wahrnehmung beider Musiker in der Öffentlichkeit und Musikwelt, die ja einer der Auslöser des Wagnerschen Neidkomplexes war“, geht das Kulturdezernat auf dieses Missverhältnis ein.

„Dass sich Wagners Angriffe aus das sogenannte ‚Judenthum in der Musik‘ aber direkt am Werk und Wirken seiner früheren Vorbilder und Förderer Mendelssohn und Meyerbeer entzündete und diese dabei massiv diffamierte, ist eine Tatsache und macht die Infamie dieser Hetzschrift wesentlich aus. Insofern war und ist es angezeigt, die wesentlich von Wagner und seinen Anhängern in die Welt gesetzten Verzerrungen heute geradezurücken und das Verhältnis und künstlerische Erbe von Wagner und Mendelssohn wissenschaftlich fundiert auszuloten – insbesondere in der von Mendelssohn epochal geprägten Musikstadt und dem Wagnerschen Geburtsort Leipzig.

Die in der Beantwortung der ersten Anfrage verwendete Formulierung ‚Antipoden‘ ist unglücklich gewählt, da sich Wagners Antisemitismus in seiner Schrift ‚Das Judenthum in der Musik‘ auf eine Reihe von Komponisten bezieht. Es bietet sich allerdings an, das Thema Antisemitismus gerade am Beispiel dieser beiden Vertreter der Leipziger Musikgeschichte zu beleuchten.“

Was natürlich das komplexe und nicht konfliktfreie Verhältnis von Wagners Geburtsstadt zum Festspielkomponisten nicht auflöst.

Und auch nicht auflösen kann, wie das Kulturdezernat betont: „Der Antisemitismus Richard Wagners ist ein breit diskutiertes Faktum, mit dem sich Wissenschaft und Opernwelt seit Jahrzehnten auseinandersetzen. Gleichwohl ist das Werk Richard Wagners von zentraler Bedeutung für die Musikgeschichte und genießt weltweit hohe Anerkennung.

Die Oper Leipzig zeigt eine Werkschau des Komponisten jenseits jeglichen Personenkults und thematisiert den Antisemitismus Richard Wagners im Rahmen der Aufarbeitung der Rezeption Richard Wagners im Nationalsozialismus.

Durch das Aufzeigen dieser fatalen Rezeptionslinien bleibt der Antisemitismus Richard Wagners kein rein historisch-biografisches Faktum, sondern legt die Mechanismen des Antisemitismus im Wandel der Zeit frei und ordnet sie in den Leipziger Kontext ein. Ziel ist eine kritische Auseinandersetzung mit Komponist, Werk und Rezeption im Hier und Heute.“

Und dann war da ja noch die kritische Nachfrage von Thomas Kumbernuß zu der durchaus wichtigen Unterscheidung zwischen Antisemitismus mit Antijudaismus, die auch das Kulturdezernat für wichtig erachtet:

„Eine kategoriale Vermengung des religiös grundierten Antijudaismus mit dem in dieser Form erst nach Mitte des 19. Jahrhunderts anzusiedelnden und tatsächlich von Wagners Schriften im Bereich der Kunst wesentlich beförderten rassisch motivierten Antisemitismus wäre tatsächlich fachlich nicht angezeigt und war so gewiss auch nicht intendiert. Insofern wäre auch der Verweis auf Luther und Bach in diesem Kontext nicht zielführend.

Vielmehr wäre eine jeweils zeit- und kontextabhängige Beschäftigung mit derlei sehr unterschiedlichen Erscheinungsformen unbedingt vorzuziehen; das Projekt Wagner 22 könnte und sollte hierbei Anlass sein, die im Rahmen der Reformationsdekade 2009/19 sowie einzelner Bachprojekte bereits geleistete kritische Aufarbeitung derartiger Werkfacetten jetzt auch für den Komplex Wagner fruchtbar zu machen. Das Dezernat Kultur und die beteiligten Institutionen sehen sich in diesem Bemühen der Stadtratsanfrage zweifellos verbunden.“

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