Es war ein Festival, an dessen Ende eine bohrende Frage steht: Wie viele herausragende Werke sind in den vergangenen Jahrzehnten nicht entstanden, weil das Filmemachen vor allem Männern vorbehalten ist? Beim diesjährigen DOK gingen fast alle Preise an Frauen. Soweit es sich anhand der persönlichen Eindrücke beurteilen lässt, ist das absolut nachvollziehbar. Über den wichtigsten Preis durfte sich eine Italienerin freuen, die zwei feministische Politikerinnen im Kampf für Gleichberechtigung begleitete.

Vor fast einem halben Jahr hatte das Internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm (DOK) mit einem vielleicht einzigartigen Beschluss für Aufsehen gesorgt: Im deutschen Wettbewerb galt ab sofort eine Frauenquote. Mindestens 40 Prozent aller in dieser Kategorie startenden Filme mussten demnach von einer Frau inszeniert sein. Diese Hürde konnte das DOK bereits im ersten Jahr deutlich überspringen: An sechs der neun Wettbewerbsbeiträge waren Frauen beteiligt. Blickt man nun auf die Liste der Preisträger – oder besser: Preisträgerinnen – zeigt sich, dass das Thema bis zum Schluss das Festival prägte.

Insgesamt 22 Preise wurden am Samstagabend verliehen – nur vier davon an Männer. Besonders die Entscheidung im Wettbewerb deutscher Langfilme sorgt für Aufsehen. Einerseits weil ausgerechnet im quotierten Wettbewerb ein Mann gewinnen konnte, andererseits weil es der umstrittene Film „Lord of the Toys“ war, der ausgezeichnet wurde.

Umstrittener Film erfolgreich

Regisseur Pablo Ben Yakov porträtiert darin den Youtuber Max Herzberg aus Dresden und verzichtet auf nötige Einordnungen seiner Art, Reichweite auch in rechten Kreisen zu erzielen – so lautete zumindest der Vorwurf seiner Kritiker, darunter das Aktionsnetzwerk „Leipzig nimmt Platz“. Das DOK sah sich wegen der Kontroversen um den Film gezwungen, am Freitag kurzfristig eine Diskussion zu veranstalten. Während des Films gab es zudem immer dann Gelächter, wenn es um rassistische Äußerungen ging. Ein weiterer Bericht zum Protagonisten des Films folgt bald auf L-IZ.de. Bis dahin hier ein erster Eindruck auf Deutschlandfunk.

Auch in einer anderen wichtigen Kategorie konnte sich ein Mann durchsetzen: Den Next-Masters-Wettbewerb gewann „Cinema Morocco“ von Ricardo Calili. Darin lassen ehemals Obdachlose in einem nicht mehr genutzten und nun besetzten Kino bekannte Filmklassiker wieder aufleben.

Der wichtigste Preis ging dann aber doch an eine Frau: Die italienische Regisseurin Claudia Tosi durfte sich für „I Had a Dream“ über die Goldene Taube im Internationalen Langfilmwettbewerb freuen. Zehn Jahre lang begleitete sie zwei Politikerinnen, die sich – auch gegen Widerstände in der eigenen Partei – für die Gleichberechtigung von Frauen einsetzten.

Der durchaus sehenswerte, aber nicht überragende Film erscheint mit dieser Thematik als konsequente Wahl in diesem Jahr. Dass die beiden Politikerinnen ernüchtert aufgaben, passt jedoch nicht so richtig zu diesem DOK-Festival, das viele Frauen triumphieren ließ.

Drei Preise für „Exit“

Als Highlight entpuppte sich der Aussteigerfilm „Exit“ von Karen Winther, die als Jugendliche in Norwegen selbst in der Neonaziszene aktiv war und 20 Jahre später mit ehemals Gleichgesinnten sprach. Das Ergebnis ist ein niederschmetterndes Meisterwerk voller verbaler Gewalt, das zugleich zeigt, dass selbst die scheinbar hoffnungslosesten Fälle noch zu retten sind. Erfreulicherweise erhielt dieser Film gleich drei der 22 Preise.

Am Sonntag endet die 61. Auflage des DOK. Es ist ein Jahr, das auch wegen seiner Kontroversen in Erinnerung bleiben wird – aber vor allem deshalb, weil die Ideen und Anliegen der Frauen deutlich zu vernehmen waren. Und weil sie es letztlich waren, die – im Gegensatz beispielsweise zum diesmal eher enttäuschenden Werner Herzog – mit lebendigen, einfühlsamen und bewegenden Filmen zum Nachdenken anregten.

DOK Leipzig, Tag 5: Brutal erhellend – der Aussteigerfilm „Exit“ geht an die Grenze des Erträglichen

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