Vintage-Shopping, Klamotten von den Eltern und Großeltern wieder auftragen? Na klar! Second-Hand-Mode ist gefragter denn je und ein etablierter Bereich im Kreislauf der Wiederverwendung. Doch auch abseits vom Kleiderschrank gibt es einen Absatzmarkt für Wiederverwendbares: Mitten in der Corona-Zeit hat im Leipziger Westen die erste Materialsammlung der Stadt, das Materialbuffet, eröffnet. Auf der Speisekarte stehen geläufige „Köstlichkeiten“ wie Holz, Fahrradschläuche und Nägel, aber auch besondere „Delikatessen“ wie Requisiten aus dem Theater.

Ein zweites, drittes, viertes Leben

Sie wollen das Material wieder unter die Leute bringen, erzählen Annemarie (28) und Marie (35), die 13 weiteren Mitgliedern zum Kernteam des Materialbuffets gehören. Bevor die guten Stücke neue Besitzer/-innen bekommen, werden sie sortiert aufgearbeitet. Ihre „Ware“ beziehen sie unter anderem von Firmen, Theatern, Museen und Privatpersonen. Unter anderem liefern das Museum für bildende Künste (MdbK) und das GRASSI Museum ab und zu mit Material, auch die Posterlounge Leipzig und das DOK-Festival sind Partner.„Das Schöne ist, dass uns inzwischen auch immer mehr Privatpersonen auf dem Schirm haben. Aber es ist sehr vielfältig: Veranstaltungen, Messen, Filmdrehs.“ Würden die Stücke nicht in den Lagerhallen des Materialbuffets landen, flögen sie höchstwahrscheinlich in den Müll. „Die meisten Sachen, die wir bekommen, sind aber noch super in Schuss“, so Annemarie. „Wir wollen ihnen gern einen zweiten, dritten oder auch vierten Lebenszyklus geben. Und wir glauben daran, dass nachhaltiges Handeln durch Sensibilisierung, Bildung und Selbsterfahrung nachhaltiges Handeln im Alltag verankert werden kann.“

Damit soll der „Second-Hand-Baumarkt“ nicht nur einen Beitrag im Nachhaltigkeitskreislauf leisten, sondern auch Inspirationsquelle sein. „Unser Buffet lebt auch durch die Kreativität, die die verschiedenen Materialien bei vielen auslösen. Oft erhalten wir das Feedback, dass die Stücke, die wir haben und wie sie sortiert sind, einen neuen Kontext bilden können.“

Einen Grund dafür sehen die beiden auch darin, dass die Hemmschwelle, mit bereits gebrauchten, statt neuen Materialien zu arbeiten, niedriger ist. „Man könnte fast sagen, das Material ist persönlicher“, beschreibt Marie den Effekt. Ihre Leidenschaft für das Werkeln und Neuverarbeiten begleitet sie schon von jeher.

„Ich bin so aufgewachsen, wir haben in der Familie viele Dinge repariert und selbst gebaut. Ich nenne es ‚interdisziplinäres Cross-over-Handwerk‘.“ Annemarie teilt die Freude am Bauen, Ausprobieren und Erschaffen. „Wir gehen auch oft selbst durch unseren Markt und lassen uns für eigene Projekte inspirieren.“

Immer wieder entdecken sie selbst Neues in der Sammlung – was in der hauseigenen Werkstatt direkt verarbeitet werden kann. „Es ist wie eine Küche im Supermarkt“, beschreiben die beiden das Gefühl, wenn es in den Fingern juckt, den „Schätzen“ in den Regalen neues Leben einzuhauchen. Dieses Empfinden war besonders stark, als es nach monatelangen Online-Beratungen endlich möglich war, als Team vor Ort zu sein.

„Anfangs haben wir uns dreimal die Woche am Computer getroffen und theoretisch und konzeptionell gearbeitet. Einerseits war es natürlich gut, Gehirnschmalz in die Planung zu stecken und Dinge im Vorhinein zu durchdenken. Als wir dann aber wieder im Materialbuffet zusammengekommen sind, war es eine riesige Freude. Es ist toll, jetzt Dinge auszuprobieren und einfach zu machen.“

„Wir sind alle Idealisten“

Allein von der Herausgabe der Materialien auf Basis von Spenden kann sich das Projekt allerdings nicht finanzieren, geschweige denn seine Initiator/-innen. Alle Mitglieder des Materialbuffets engagieren sich ehrenamtlich in dem gemeinnützigen Verein. „Wir sind alle sehr idealistisch und hoffen natürlich, dass wir so weitermachen können wie bisher. Davon bezahlt man aber keine 900 Euro Miete monatlich“, schmunzelt Marie.

Das Titelblatt der LEIPZIGER ZEITUNG Nr. 98, Januar 2022. Foto: LZ

Einen Großteil der Kosten deckt der Verein bisher über Spenden ab. Es gebe außerdem deutschlandweite Fördertöpfe, auf die sich das Buffet beworben hat. Von der Stadt Leipzig erfolgt bisher keine Unterstützung.

Aber auch hier ist man interessiert daran, etwas zu ändern im Umgang mit Ressourcen: „Im letzten Jahr hat die Kulturstiftung des Bundes, mit der wir auch zusammenarbeiten, einen Workshop-Tag für Leipziger Akteur/-innen in der Materialwirtschaft organisiert. An dem Runden Tisch war auch die Stadt beteiligt.“ In 2022 sind weitere Workshops angedacht – mit dem Ziel, aus der Materialwirtschaft einen -kreislauf zu machen.

Auf dem Buffet zumindest kreiselt es schon: Jeden zweiten und vierten Freitag im Monat stehen die Pforten zur Materialsammlung von 12 bis 18 Uhr offen. Seitdem die Leipziger Öffentlichkeit mehr und mehr auf das Projekt aufmerksam wird, hat sich auch der Andrang exponentiell vergrößert. An solchen Ausgabe-Tagen können Materialien aber auch abgegeben werden.

Wer sichergehen möchte, nicht umsonst mit Sack und Pack in der Diezmannstraße aufzutauchen, sollte sich im Vorhinein darüber informieren: Denn auf dem Buffettisch landen zwar viele, aber auch nicht alle „Zutaten“. Eine Liste der Stoffe und Materialien, die angenommen werden, hat der Verein auf seiner Website (www.materialbuffet.de) veröffentlicht.

Häppchenweise zum Zukunftsbuffet

„Wir haben die Vision, dass das Buffet sozusagen ein Zentrum für Materialkreisläufe wird. Sodass nicht nur wir als Materialretter/-innen dabei sind, sondern auch andere Personen, die sich auf bestimmte Bereiche spezialisieren.“ Bisher funktioniert das schon mit dem Leipziger Kollektiv „Kunststofferei – Precious Plastic“, das ebenfalls in der Diezmannstraße angesiedelt ist.

Zum Zukunftsmenü gehört ebenso ein breites Workshop-Angebot rund um die Themen Zero Waste, Circular Society, Upcycling & Do-it-yourself. In Planung sind momentan auch eine Art Schwarzes Brett für Handwerker/-innen sowie Angebote und Unterstützung zum selbst kreativ werde und im Umgang mit Maschinen.

„Dieses Bildungsbuffet wollen wir auch gern in Zusammenarbeit mit anderen Vereinen und Initiativen auf die Beine stellen.“ Denn um den lokalen Kreislauf noch mehr in Schwung zu bringen, ist Vernetzung ein entscheidender Faktor. „Klar freuen wir uns, wenn die Sachen vorbeigebracht werden und wir direkt bei der Planung von Projekten einbezogen werden“, erklärt Marie.

„Oft bekommen wir spontane Anrufe, zum Beispiel von Filmdrehs, und dann heißt es: Das Material sollte bitte sofort abgeholt werden. Und meistens machen wir das möglich. Je mehr Menschen uns aber auf dem Schirm haben, desto planbarer können solche Abholungen stattfinden.“ Im besten Falle denkt man vor der Umsetzung eines Projekts darüber nach, was mit Stoffen, Hölzern und Co. passiert, wenn sie nicht mehr gebraucht werden.

Wer die Materialsammlung unterstützen möchte, ob mit Stücken für die Regale oder Spenden, findet alle Angaben dafür ebenso auf der Website. In der Zukunft sollen auch Fördermitgliedschaften im Verein ermöglicht werden. Auch bei der Abholung von Materialien werden regelmäßig helfende Hände benötigt.

Die nächsten Öffnungstage im „Second-Hand-Baumarkt“ sind der 11. und der 25. Februar. Ein weiteres Lager des Buffets befindet sich außerdem in den Pittlerwerken in Leipzig-Wahren. Auch hier werden die Pforten in regelmäßigen Abständen zum „Einkauf“ geöffnet. Alle aktuellen Updates sind auch auf dem Instagram-Profil „materialbuffet_ev“. Beim Einkaufen und Stöbern in den „heiligen Hallen“ gilt derzeit die 2G-Regelung.

„Leipzigs erste Second-Hand-Materialsammlung“ erschien erstmals am 28. Januar 2022 in der aktuellen Printausgabe der Leipziger Zeitung (LZ). Unsere Nummer 98 der LZ finden Sie neben Großmärkten und Presseshops unter anderem bei diesen Szenehändlern.

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