Die erste Ausgabe der „Leipziger Zeitung“ im Jahr 2022 ist da. Und auch wenn drei grimmige Typen auf dem Titelbild den „Widerstandskampf 2022“ proben, geht es in dieser Nr. 1 des Jahres eigentlich um etwas anderes – eine kleine Bestandsaufnahme. Denn schon im nächsten Jahr – 2023 – wird Oberbürgermeister Burkhard Jung etwas abrechnen müssen: sein „Arbeitsprogramm 2023“, in dem er 2019 aufgeschrieben hat, was er mit seiner Verwaltung bis 2023 erreicht haben will.

Was schafft man in vier Jahren, von denen zwei dann auch schon mal durch Corona geprägt waren? Wo steht die Stadt – und wo ist jetzt schon absehbar, dass die Vorhaben von 2019 so schnell nicht umgesetzt sein werden?Mit diesem Thema beschäftigen sich gleich mehrere Beiträge in dieser Ausgabe. Luise Mosig bringt es auf den Punkt, wenn sie schreibt: „Wer die 26-seitige Broschüre einmal von vorn bis hinten durchgelesen hat, verbleibt nicht nur mit der euphorischen Erwartung, dass Leipzig Ende 2023 die realisierte Version einer sozial gerechten, nachhaltigen, prosperierenden Utopie sein wird. Man bekommt auch den Eindruck, dass die Stadtverwaltung so konkrete Pläne bezüglich der einzelnen Vorhaben hat, dass eigentlich nichts mehr schiefgehen kann.“

Na ja – wie das Leben so spielt, die Gelder so fließen und die Ämter so arbeiten: Was sich in den Hochglanzbroschüren so eindrucksvoll liest, erweist sich in den Mühen der Ebenen dann zumeist als zähes Stück Arbeit. Die Mühen der Ebenen stammen übrigens von Brecht: „Die Mühen der Gebirge liegen hinter uns / Vor uns liegen die Mühen der Ebenen.“ Geschrieben 1949.

Wie diese Mühen dann aussehen, schildert Antonia Weber zum Beispiel in ihrem Beitrag „Große Versprechen“, in denen es um die ganz zentralen Themen einer sozialen Stadt geht: Kita-Plätze, bezahlbares Wohnen, Altenpflege, Bildung. Die Großen Erwartungen erinnern mich an Charles Dickens’ großen Gesellschaftsroman von 1861, in dem es – erstaunlicherweise – auch um die Bilanz großer gesellschaftlicher Erwartungen geht.

Ein Roman, den Dickens – wie auf Wikipedia zu lesen – eigentlich mit einem resignierenden Schluss enden lassen wollte: „John Forster berichtet in seiner Charles-Dickens-Biografie, dass sein Freund Dickens dem Roman ursprünglich kein Happy End geben, sondern vielmehr mit einem Schluss voller Resignation und Desillusion enden wollte. Erst auf Anraten des befreundeten Schriftstellers Edward Bulwer-Lytton habe Dickens seinem Roman einen glücklichen Ausgang geschenkt.“

Ja, Journalisten sollten auch dicke Romane lesen. Ziemlich oft trifft man da auf Parallelen zum Hier und Jetzt.

Lucas Böhme versucht den immer noch völlig offenen Stand zum Matthäikirchhof zusammenzufassen.

Maren Wilczek nimmt den Umgang mit der Natur und den Erholungsoasen in und um Leipzig unter die Lupe.

Und zu den ganzen Einzelthemen von Sportforum bis zum Strukturwandel nach der Braunkohle haben sich Birthe Kleemann, Lucas Böhme, Luise Mosig und Maren Wilczek zusammengetan. Eine Zwischenbilanz mit vielen Fragezeichen. Denn das entscheidende Jahr ist ja nicht 2023, sondern 2035. Bis dahin will – und muss – Leipzig klimaneutral sein. Denn genau das geben die in Paris 2015 vereinbarten Klimaziele vor. Nichts anderes.

Dass das mehr als sportlich ist für eine Stadt, das wird schon beim ersten Blick aufs Straßenbahnnetz deutlich. Denn ab 2024 kaufen die Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB) ja die ersten breiteren Straßenbahnen. Doch bislang können die nur auf einer Linie von Endstelle bis Endstelle durchfahren – auf der Linie 16. Bis 2024 sollen dann auch noch die Engstellen auf Linie 15 beseitigt sein. Und dann wird es sehr spannend, ob es die Stadt schafft, bis 2030 das ganze Netz für die neuen Straßenbahnen fertigzubauen: „Löcher im Netz“, Seite 7.

Das sind dann die Mühen der Ebenen. Und dass Leipzig sich sehr schwertut, die sozialen Probleme tatsächlich zu lösen, diskutiert dann Maren Wilczek in ihrer Kolumne „Wie geht’s dir, Leipzig?“

Die nicht ganz zufällig gleich neben ihrem Text zum wachsenden Müllproblem in der Stadt steht. Denn eine soziale Stadt funktioniert nur, wenn alle mitmachen. Aber Leipzig leidet – wie alle deutschen Städte – unter einem zunehmenden Egoismus, einer Rücksichtslosigkeit, die sich in der Corona-Zeit noch verschärft hat. Die drei Typen auf dem Titel haben eine Menge zu tun mit dem Schrott und Müll, den unsere Zeitgenossen mittlerweile rücksichtslos überall abladen und wegschmeißen, wo sie sich unbeobachtet fühlen.

Ein scheinbarer Widerspruch, wenn man dann David Grays großartiges Plädoyer für den moralischen Atheismus liest, in dem er der Kirche jede Relevanz dafür abspricht, sich als moralischer Maßstab zu gerieren. Aber es ist kein Widerspruch. Kirche schwebt nicht mit unversehrter Heilsbotschaft über unserer Gesellschaft. Vom Bischof bis zum Laienbruder sind sämtliche Kirchenmitglieder Teil unserer Gesellschaft. Und müssen sich an denselben ethischen Maßstäben messen lassen, die für alle gelten. Sie besitzen nicht das Monopol auf Moral – aber sie können sich irgendwie nicht von der Vorstellung trennen, dass sie es besitzen.

Dass „die Kirche“ schon lange daran scheitert, den Menschen wirklich eine hilfreiche Krücke in bedrängten Zeiten zu sein, das wird deutlicher, wenn Jens-Uwe Jopp in seiner Kolumne „Bertolds Bruch und Friedrichs Fiasko“ auf den tatsächlichen Zustand unserer Gesellschaft zu sprechen kommt: „‚Krank‘ ist eine Gesellschaft und die sie steuernde Politik, die in eingefahrenen Bahnen das Wohlergehen und Wachsen des eigenen Volkes an scheinbar unhinterfragbares Leistungs- und materielles Besitzdenken bindet.“

Mit Folgen bis in die Demonstrationskultur hinein: „Diese Entsolidarisierung setzte nicht erst mit der Corona-Pandemie ein, hat sie doch in der Vergangenheit liegende, multiple Ursachen.“

Beides auf Seite 15 zu lesen.

Das Titelblat der LEIPZIGER ZEITUNG Nr. 98, Januar 2022. Foto: LZ

Und natürlich hat das mit dem „Arbeitsprogramm 2023“ auch zu tun, auch wenn wir keine roten Bindfäden in die Zeitung legen, die zeigen, was alles mit allem verbindet. Denn wie will man eine gerechte und solidarische Stadt schaffen, wenn ein ziemlich großer Teil der (Stadt-)Gesellschaft sich nicht als Teil des Ganzen versteht, sondern auf seinen Sonderrechten beharrt und darauf, dass sich für sie nichts ändert?

Da wird einem schon bange um das Jahr 2035. Nicht nur für Leipzig. Denn bekanntlich wettert auch die sächsische Landespolitik hinein in das Leipziger Wohlergehen. Der Freistaat hat ja noch nicht einmal das Jahr 2035 im Blick, sondern will sogar noch Kohle verfeuern bis 2038. Was wir im Blatt diesmal freilich nicht thematisieren.

Vielleicht ist jetzt mal ein großes Interview mit Burkhard Jung fällig: über Bremser und Berufspessimisten.

Denn unter denen leiden wir alle, gerade all jene, die mit eigensinnigen Projekten wie Leipzigs erster Second-Hand-Materialsammlung (Seite 17) längst begonnen haben, Stadt anders zu denken und zu leben. Denn bis 2035 muss sich Leipzig viel radikaler ändern, als es sich die meisten auch nur vorstellen können.

So gesehen haben wir schon wieder wertvolle Jahre verloren. Mit Betonung auf „verloren“. Denn nichts ist so wertvoll wie Zeit.

Denn nur in der Zeit, die wir haben, können wir unserem Leben auf Erden einen Sinn geben. Wir geben ihm einen Wert und einen Inhalt. „Das Leben ist Mangel – etwas fehlt immer“, schreibt unsere Blatt-Philosophin Konstanze Caysa. Aber den Sinn, den es hat, den müssen wir ihm vorher geben, bevor der Tod die große Schlussrechnung macht.

Und wer dann nicht mal versucht hat, was draus zu machen – vielleicht aus „lauter Angst vor allem“ – der ist schon gestorben, bevor der Sensenmann kommt. Den man sich sehr gut vorstellen kann, mit der Frage: „Hast du die Zeit genutzt, die dir geschenkt wurde?“

Da kann man mal drüber nachdenken. Mitten beim Zeitunglesen oder danach, wenn auch Ilse Schnickenfittich ihren Senf dazu gegeben hat, der da natürlich lautet: „Und sterben müssen wir alle mal.“

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