Ob versehentlich aus der Tasche gefallen oder achtlos ins Gebüsch geworfen: Seitdem Menschen zum Schutz vor dem Coronavirus Masken tragen, landen immer mehr von diesen in der Umwelt. Englische Wissenschaftler/-innen haben festgestellt, dass der Anteil, den die Masken am weltweiten Müll hatten, im letzten Jahr um mehr als das 80-fache gestiegen ist.

Das Forschungsteam der Universität Portsmouth hat Daten der App Litterati im Zeitraum von September 2019 bis Oktober 2020 ausgewertet. Mit der App dokumentieren laut Angaben der Betreiber/-innen mehr als 250.000 Nutzer/-innen auf der ganzen Welt Müll, der nicht ordentlich entsorgt worden ist. Deutschland ist eines von elf Ländern, die Teil der Studie waren. Vor der Pandemie sind Schutzmasken den Forschenden zufolge zu 0,01 Prozent im weltweiten Straßenmüll vorgekommen – also so gut wie gar nicht. Zwischen März und Oktober 2020 sei der Anteil auf 0,8 Prozent gestiegen. Was nach einer geringen Menge klingt, wären umgerechnet auf die 3.033 Tonnen Straßenkehricht, die die Stadtreinigung in Leipzig nach eigenen Angaben 2020 entsorgt hat, immerhin rund 24 Tonnen Maskenmüll.

Bei etwa drei Gramm schweren OP-Masken wären das acht Millionen Masken, die im Jahr auf Leipziger Straßen landen. Das würde wiederum bedeuten, dass alle Leipziger/-innen im Schnitt pro Jahr 13 Masken achtlos wegwerfen. 

Es kommt auf die Verpackung an

Eine solche Menge herumliegender Masken sei der Stadtreinigung nicht aufgefallen, sagt Sprecherin Susanne Zohl. Allerdings erhebe das Unternehmen auch nicht, welchen Anteil die Masken an den jährlich tausenden Tonnen Straßenkehricht haben. Littering, das achtlose Wegwerfen oder Liegenlassen von Müll, ist laut Zohl ohnehin ein Problem, unabhängig davon, ob sich zwischen Essensverpackungen, Pappbechern und Flaschen auch noch Masken befinden. 

Die Stadt hat 2020 eine Umfrage durchgeführt, bei der Bürger/-innen angeben konnten, wie sich die Corona-Pandemie auf ihr Leben auswirkt. Mehr als ein Viertel der Befragten gab an, die öffentlichen Grünanlagen mehr zu nutzen. In den vergangenen Sommern ist es laut Zohl schwierig gewesen, den Müll, der dort anfällt, gut zu entsorgen. Wer Essen vom Restaurant oder Imbiss in einen Park mitnehme, stelle schnell fest, dass die Mülleimer dort nicht für alle Verpackungen ausgelegt seien: „Man stopft fünf Pizzakartons rein, dann schauen sie oben raus“, sagt Zohl. 

Die Stadtreinigung stelle im Sommer deshalb zusätzliche Container auf. Trotzdem bliebe immer wieder Müll auf den Wiesen liegen. Der ärgere zum einen andere Besucher/-innen. Zum anderen kämen die Gärtner/-innen der Stadt weniger zum Gärtnern, weil sie den Müll in den Anlagen aufsammeln müssten. Insgesamt sind 2020 laut Statistik der Stadtreinigung allerdings fast 200 Tonnen Straßenkehricht weniger angefallen als 2019. Grund dafür könnten die Ausgangsbeschränkungen in der Pandemie gewesen sein, meint Zohl. 

Müll soll keine Gewohnheit werden

Auch Jeremias Kempt vom Umweltverein Ökolöwe sagt, die Stadt habe grundsätzlich ein massives Müllproblem. Mehr Abfallbehälter würden das Littering nicht beheben, denn dadurch würden sich die Menschen noch mehr daran gewöhnen, ihren Müll immer und überall entsorgen zu können. Sei dann mal kein Mülleimer in der Nähe, steige die Gefahr, dass der Abfall einfach so weggeworfen werde. „Alle Leipziger/-innen sollten sich daran gewöhnen, dass sie, wenn sie Müll produzieren, diesen auch wieder mitnehmen und am besten zu Hause entsorgen“, sagt Kempt, „Diese Eigenverantwortung gilt es zu stärken.“ 

Das Titelblatt der LEIPZIGER ZEITUNG Nr. 98, Januar 2022. Foto: LZ

Auf Eigenverantwortung setzt auch die Stadtreinigung, sagt Susanne Zohl. Als sogenannte „Sauberkeitshelfer“ könnten Leipziger/-innen mit Unterstützung des kommunalen Unternehmens Müll in ihren Vierteln und Grünanlagen sammeln.

Das trage auch zur Sensibilisierung bei: „Dadurch bekommt man das Gefühl, wie schwierig es ist, stundenlang den Abfall aufzusammeln – und wie einfach es ist, wenn jeder Bürger seinen Abfall in den Papierkorb wirft.“ Aktuell engagieren sich laut Zohl 32 Einzelpersonen und Gruppen in der Stadt als Sauberkeitshelfer/-innen. 

Illegaler Elektroschrott hat sich versechsfacht 

Noch schwerer als Masken, Kartons und Flaschen wiegen Zohl zufolge im wahrsten Sinne des Wortes die Abfälle, die vorsätzlich in der Natur oder an unbeobachteten Ecken der Stadt abgeladen werden. Die Stadtreinigung habe 2020 rund 2.630 Tonnen dieses Mülls entsorgt – und damit fast 1.000 Tonnen mehr als im Vorjahr. Die Zahl der Elektrogeräte, die unsachgemäß und illegal weggeworfen werden, hat sich laut Zohl von 217 Stück im Jahr 2019 innerhalb eines Jahres mehr als versechsfacht – auf 1.344 Stück 2020. 

„Das ist wirklich nicht nachzuvollziehen“, sagt Zohl, „In Leipzig haben wir den Luxus, dass wir 15 Wertstoffhöfe haben. Und trotzdem wird der Müll auf der Straße entsorgt.“ Die illegalen Müllhaufen fänden sich häufig rund um Glascontainer und Alttextilbehälter oder an Orten mit wenig Publikumsverkehr.

„Das ist wirklich alles, was Sie sich an Sperrmüll vorstellen können“, berichtet Zohl, „Da stehen schon mal Matratzen oder Kühlschränke.“ Um dem Problem etwas entgegenzusetzen, hat der Stadtrat 2021 beschlossen, ab 2023 drei Umweltdetektive in Leipzig einzusetzen. „Wir erhoffen uns, dass sie die Verursacher aufdecken können“, sagt Zohl. 

Auch wenn es eher ein Zahlenspiel sein mag, dass in Leipzig jährlich acht Millionen gebrauchte Corona-Schutzmasken abseits von Mülleimern landen, ist das Müllproblem der Stadt in den vergangenen Jahren größer geworden. Um dieses Pandemie-Problem zu beheben, sind die Stadt, ihr Reinigungsunternehmen, Initiativen und engagierte Bürger/-innen aktiv. Zohl ist zuversichtlich: „Wir wollen ja alle eine saubere Stadt.“ 

„Pandemüllproblem“ erschien erstmals am 28. Januar 2022 in der aktuellen Printausgabe der Leipziger Zeitung (LZ). Unsere Nummer 98 der LZ finden Sie neben Großmärkten und Presseshops unter anderem bei diesen Szenehändlern.

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Es gibt 2 Kommentare

Hallo und vielen Dank für das Feedback und die zahlreichen Anregungen.
Umwelt- und Klimathemen in Leipzig werden mich sicherlich auch weiterhin beschäftigen, darum nehme ich einige Ihrer Hinweise gerne mit.

Wie im Artikel geschrieben, sind die acht Millionen Masken eher ein Zahlenspiel. Ich finde die Studie nach wie vor ein eindrucksvolles Beispiel, um nicht nur bei dem Eindruck zu verharren, dass seit der Pandemie praktisch überall viele olle Masken rumliegen, sondern mal ein wenig konkreter zu werden.
Aber natürlich gibt es Unsicherheiten: Ich frage mich zum Beispiel auch, wie stark die Erhebung dadurch verzerrt ist, dass viele von uns sich seit 2020 sehr viel mit der Pandemie und den Schutzmaßnahmen befassen und dadurch mehr Aufmerksamkeit für herumliegende Masken haben als für Verpackungen, Kippenstummel oder Bierdosen. Dazu kommt die Frage, wie viele Personen zu welchem Zeitpunkt und an welchem Ort mitmachen.

Solange niemand misst, bleibt es letztendlich, wie Sie schreiben, bei der Schlussfolgerung, dass mehr Masken zu mehr Maskenmüll führen. Oder wir können Schätzungen heranziehen.

Sie haben vielleicht den Hinweis gesehen, dass der Text zuerst in der Printausgabe der Leipziger Zeitung erschienen ist. Das bedeutet, anders als online, dass der Platz begrenzt ist. Den habe ich nicht weiteren Schätzungen oder Mutmaßungen gewidmet, sondern dem ganzen anderen Müll, der sich in der Stadt noch so anhäuft. Oder hätten Sie gerne noch weitere Rechnungen gelesen, um am Ende trotzdem mit einem “So könnte es sein, genau wissen wir es aber nicht” dazusitzen? 😉

Und Sie haben Recht: Rund um den Müll in der Stadt lohnt es sich, weiter zu recherchieren. Ich finde beispielsweise die Frage interessant, wer die Sauberkeitshelfer*innen sind, was sie bewegt und wie die Initiativen sich organisieren. Ich denke allerdings nicht, wie Sie andeuten, dass mit „Eigenverantwortung“ gemeint ist, dass Bürger*innen in ihrer Freizeit den Müll anderer wegräumen – sondern vielmehr, dass sie mit ihrem eigenen Abfall verantwortungsbewusst umgehen.
Und spätestens wenn es draußen wieder wärmer wird, wird die Frage interessant, wie dieser verantwortungsbewusste Umgang in der Realität funktioniert, wenn er im Zweifelsfall bedeutet, einen Pizzakarton kilometerweit aus dem Park nach Hause zu tragen.

Viele Grüße
Maren Wilczek

Guten Morgen,

Um Ihnen bei Ihrem Denkfehler mit den Masken auf die Sprünge zu helfen:
Sie sind ja selber bestimmt schon darauf gekommen: keine Maske ist wie die andere. Kurze Recherche zeigt, das Gewicht schwankt von, einfachen Mund-Nase-Bedeckung 1-2g bis zu Schwergewichten, wie den “richtigen” FFP2-Masken mit Filter, die bis zu 16g wiegen. Bei dem Fehler kommen Sie mit Ihrer Milchmännchen*Müllmädchen-rechnung zu keinem brauchbaren Ergebnis.

Wie zählt man Maskenteile?
Zählt man Verpackung und Beilagen mit oder extra?
Und wozu ist dieser komische Plastikhaken an der Maske?
Sind die erfassten Werte überhaupt für Leipzig repräsentativ?

Die zitierte Studie kommt aus dem Königreich auf der Insel. Es gibt auch noch andere. Wenn man die nackten Zahlen nimmt, leben dort auch die größten Verschmutzter/innen. Vermutlich ist aber auch die Probengröße für alle anderen Länder nicht aussagekräftig genug.

Wenn Sie sich aber die Mühe machen, die zitierte Studie auch bis zum Ende zu lesen, finden Sie dort auch die Tabelle mit den zugrunde liegenden Rohdaten von opendata.litterati.org in Stück und je Nation. litterati selbst, eigentlich eine schöne Idee. Publikumsbasierte Erfassung von Straßenmüll mit Fotobeweis und Kategorisierung durch den Nutzer. Die gemeldeten Funde können auf der Internetseite bei Interesse nach Ort, Zeit und “#-Tag” abgefragt werden.

Die Suche nach Leipzig lohnt jedoch nicht. Für den Standort wurden seit offiziellem Pandemiebeginn (11.03.2020) ganze 14 Fundstücke verzeichnet. Davon nur eine einzige mit der Kennzeichnung “facemask”. Der Rest: 4x Plastikverpackungen (je eine Flasche, Tüte und Gabel und eine Nimm2-Verpackung) und 9x Zigarettenstummel. Lassen Sie uns also nun Ihre Rechnung mit den genauen Daten für die Stadt an der Pleiße zu Ende führen:
Verlassen wir uns auf die, von Ihnen recherchierten, 3.033t Straßenkehricht und die angenommenen 3g je Maske, ergeben sich also rund:
1.950t Zigarettenstummel
867t Platikverpackungen,
und “nur” 217t oder 123 Stück Masken je Einwohner seit 11/03/2020. Jetzt haben Sie Ihre Story 😉

Aber sehen Sie das Problem? In diesem Zusammenhang ist Ihnen leider der Verweis auf den Artikel der/des Kolleginn/e/innen/en/*, über den fachgerechten Umgang mit dem “großen” Aschenbecher entgangen. Es bleibt nur die triviale Aussage: mehr Masken führen zu mehr Maskenmüll.

Zuletzt möchte ich mir erlauben Ihnen, neben dem Hinweis auf litterati.org, einige interessantere Fragen aus der von Ihnen zitierten Studie zurück zu geben:
Welche Auswirkung hat das Wegwerfen oder Vermüllen (deutsch für Littering) der Masken? Hat es wirklich welche?
Welchen Einfluss haben Regierungsmaßnahmen oder Aussagen aus dem öffentlichen Raum (Institutionen/Vereinigungen/Personen/Medien) gehabt? Haben sie wirklich welche? Welchen Einfluss sollten sie in Zukunft vielleicht nehmen?
Welchen Chance haben 32 Sauberkeitshelfer/-innen/* gegen 36,1 Mio Masken Jährlich? ^^
Und wofür bezahlen wir unsere Stadtreinigung, wenn deren Susanne dann “Auf Eigenverantwortung setzt”? Könnte man das nochmal im Zusammenhang mit der geplanten Coronprämie zur Sprache bringen?

LIZ, bitte übernehmen Sie ..

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