Am Mittwoch, dem 11. März, fand Helmut Stadeler klare Worte zu dem, was derzeit um den Förderpreis um Buchhandlungen in Deutschland passiert. Da brilliert ganz offensichtlich ein Kulturstaatsminister, der keine Ahnung hat, „worum es bei Büchern geht.“ Der auch nicht wisse, dass Buchhandlungen eine ganz zentrale Rolle für Meinungsfreiheit spielen, für Denkfreiheit, sagte Stadeler, der für gewöhnlich sehr zurückhaltend ist. Auch als Vorsitzender des Börsenvereins in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Außerdem ist er Verleger, da weiß er, wie wichtig Bücher für die Freiheit im Kopf sind.

Und eigentlich hatte der Börsenverein auch gar nicht ins Haus des Buches in Leipzig geladen, um die geradezu vorgestrige Politik des Kulturstaatsministers zu kommentieren, die so manchen Kenner der Materie an die argwöhnische Zensurpolitik der Metternich-Zeit erinnert, als Bücher und ihre Verbreiter per se mit Misstrauen beäugt wurden von den Mächtigen und ihren Machtwaltern.

Noch nie war ein Kulturstaatsminister so falsch besetzt auf seinem Posten.

Dabei ging es am 11. eigentlich wieder um Bücher. Um die Titel, welche die Verlegerinnen und Verleger Mitteldeutschlands zur Buchmesse 2026 mitbringen. Zumindest einige. Denn drei Minuten Vorstell-Zeit, um auf die wichtigsten Veröffentlichungen zur Buchmesse hinzuweisen, sind nicht viel. Schon gar nicht, wenn die Verlegerin vom Titel so begeistert ist, dass sie gar nicht aufhören kann zu schwärmen.

Christian Wobst vom Claus Verlkag mit Steffen Scholtz' Buch „Mythos Karl Stülpner“. Foto: Ralf Julke
Christian Wobst vom Claus-Verlag mit Steffen Scholtz’ Buch „Mythos Karl Stülpner“. Foto: Ralf Julke

Und wenn Verleger schwärmen, dann hat das mit Stoff und Qualität zu tun. Und mit dem Sturz von Legenden, wie es etwa der Claus Verlag aus Limbach-Oberfrohna gerade macht mit dem berühmten Stülpner Karl, Räuberhauptmann seines Zeichens, filmreife Gestalt und in der rauen Wirklichkeit wohl doch eher ein Typ, dem man besser aus dem Weg ging.

Weshalb Verleger Christian Wobst auch den Stülpner-Fans Steffen Scholtz’ Buch „Mythos Karl Stülpner“ wärmstens ans Herz legt. Es ist ein Buch, das zeigt, warum man Mythen und Legenden nicht trauen darf. Das gilt auch für die Gegenwart. Dafür sind gute Bücher da: Legenden zu hinterfragen. Auch die Legenden der Gegenwart.

Der Blick aus der Distanz

So wie es ein Hörbuch aus dem im Leipzig ansässigen Buchfunk tut, das Johannes Ackner empfiehlt: „Drei Sommer in Paris“ von Patricia Holland Moritz, die 1989 die Gelegenheit wahrnahm, nicht nur die DDR zu verlassen, sondern sich gleich in den Zug nach Paris setzte und dort drei Jahre lebte und die deutsch-deutsche Einheit aus der Ferne beobachtete – mit Distanz und anderen Augen.

Buchfunk produziert seine Hörbücher inzwischen nicht mehr als CD, sondern zum Download über Karten. Das spart Platz. Und man hat die Geschichte trotzdem auf seinem Stick.

Aber der ziemlich verwirrte Vorstoß des aktuellen Kulturstaatsministers, den Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig zu verhindern und die Aufbewahrung von Büchern als nationales Gedächtnis für obsolet zu erklären, war an diesem 11. März noch gar nicht bekannt. Wo lebt dieser Mensch eigentlich? In der Cloud?

Patricia Serve vom Klett Kinderbuch Verlag mit Gerda Raidts "Klassenzimmer". Foto: Ralf Julke
Patricia Serve vom Klett Kinderbuch Verlag mit Gerda Raidts „Klassenzimmer“. Foto: Ralf Julke

Auch wenn viele Menschen heutzutage glauben, alles, was sie wissen müssten, wäre digital verfügbar, lebt das Buch. Auch im Kinderzimmer. Mit Titeln, die genau das anregen, was das Internet mit seinen unsozialen Medien meist plattwalzt: das kritische Denken. So wie im aktuellen Kinderbuch von Gerda Raidt „Klassenbuch“, das der Klett Kinderbuch Verlag jetzt veröffentlicht hat.

Ein Leipziger Verlag, der inzwischen bekannt ist dafür, die kleinen Leser und Leserinnen ernst zu nehmen und ihre Themen in Bücher zu packen. Oder eben aus anderen Sprachen ins Deutsche zu holen – wie die „Mira“-Serie, ein Comic aus Dänemark, der über all die Tragödien im Leben eines heranwachsenden Mädchens erzählt. Acht Titel hat der Klett Kinderbuch Verlag schon vorgelegt. Und im Sommer – so verriet Patricia Serve – kommt sogar ein „Mira“-Film in die Kinos.

Nicht kleinmachen lassen

Was lernt man dabei? Eine Menge, das weiß jedes Kind. Auch dass man sich nicht kleinmachen lassen darf, sondern mutig einstehen – für sich und seine Freunde und Freundinnen. Das kann man lernen. Mut ist Motivationssache. Auch für die Großen. Da passte es schon, dass Daniela Utecht vom in Leipzig heimischen Lagato Verlag ein Hörbuch wärmstens empfahl, das für einen wehrhaften – sie sagte „physischen“ – Feminismus wirbt: „Fighting like a Woman“ von Andrea Böhm.

Es ist kein Kick-Box-Buch für Frauen, sondern erzählt Geschichten von Frauen aus aller Welt, die sich gewehrt haben. Auch körperlich. Gegen Machos und andere Urwelttiere.

Johannes Ackner empfiehlt die Hörbuch-Titel von Buchfunk. Foto: Ralf Julke
Johannes Ackner empfiehlt die Hörbuch-Titel von Buchfunk. Foto: Ralf Julke

Denn einige Männer denken noch immer so: rücksichtslos, selbstgefällig und auf offene oder subtile Weise brutal. Das betrifft auch ein Thema, das uns derzeit auf allen Kanälen als die heiße Ware des Tages verkauft wird: die Programme, die von ihren Bastlern als „Künstliche Intelligenz“ bezeichnet werden. Da muss man erst einmal draufkommen, solche Programme mit Intelligenz zu verwechseln.

Schaden richten diese KI-Tools heute schon an. Und sie drohen die Welt in einen sehr fürchterlichen Ort zu verwandeln. Ein Thema, das Mathias Rischer in seinem Zukunftsroman „Morgen wird es anders sein“ behandelt. Ein richtiger KI-Roman, wie Verleger Dr. Harry Ziethen erklärt. Den andere Verleger schon abgelehnt haben, als sie den Begriff KI-Roman hörten. Denn mittlerweile werden auch die Verkaufsportale im Internet mit Büchern geflutet, in denen faule Autoren einfach KI eingesetzt haben.

Ein Horror, dem einige Verlage schon dadurch begegnen, dass sie auf dem Cover extra ein Label anbringen: „Ohne KI“. Aber Rischers Roman ist ohne KI geschrieben, behandelt aber die Frage, was aus uns wird, wenn KI anfängt, alle Lebensbereiche zu dominieren.

Wenn es um das wirkliche Leben geht

Es sind gedruckte Büchjer, die die Konflikte unserer Zeit thematisieren. Und davon gibt es jede Menge. Manchmal sind es Krankheiten, die alle großen Träume beenden. Da ist es schon erstaunlich, wenn ein 17-Jähriger seine eigene Geschichte erzählt, wie der Lymphdrüsenkrebs seine Laufbahn als begabter Fußballer beendete.

Auf dieses Buch ist Verleger Siegfrie Nucke, der es im Thüringer Verlag Tasten & Typen veröffentlicht hat, nicht nur stolz. Er erzählte auch etwas, was Leser oft gar nicht ahnen: Dass wirklich bewegende Geschichten auch die Verleger nicht kaltlassen. Die Emotion war ihm auch am 11. März anzumerken, als er Leon Gabriel Riedels Buch „Ich atme. Ich lebe. Ich bin Leon“ vorstellte.

Annette Michael vo Orlanda Verlag mit Marion Krafts Buch „Weltenwechsel". Foto: Ralf Julke
Annette Michael vom Orlanda Verlag mit Marion Krafts Buch „Weltenwechsel”. Foto: Ralf Julke

Es sind solche Bücher, die uns zeigen, dass es im Leben meist um etwas völlig anderes geht, als den schönen Schein, Reichtum und Macht. Dass es das Menschsein selbst ist, das uns aufwühlt und umhaut. Und darin sind wir all den Menschen in den so gern als fremd empfundenen Ländern anderswo gleich. Wir müssen nur zuhören.

Annette Michael vom Leipziger Orlanda Verlag legte den Zuhörenden am 11. März ein solches Buch ans Herz, das Grenzen überschreitet: „Weltenwechsel“ von Marion Kraft, ein Buch, das über das Leben von drei Frauen erzählt, die im Deutschland der Nachkriegszeit Fuß zu fassen versuchten und gleichzeitig einer zutiefst rassistischen Gesellschaft begegneten.

Gerald Diesener vom Universitätsverlag mit „Das Vaterland, wie fesselt es uns ...“. Foto: Ralf Julke
Gerald Diesener vom Universitätsverlag mit „Das Vaterland, wie fesselt es uns …“ Foto: Ralf Julke

Deutschland hat immer wieder arge Schwierigkeiten gehabt, mit Menschen aus anderen Kulturen umzugehen. Auch wenn diese Menschen – wie die Juden im 19. Jahrhundert – ein wesentlicher Teil der Gesellschaft wurden und das Land prägten.

Das gilt ebenfalls das kleine Königreich Sachsen, dem sich der Titel „Das Vaterland, wie fesselt es uns …“ widmet, der ein auch in der Wissenschaft bislang eher wenig beleuchetes Kapitel der jüdischen Geschichte in Sachsen beleuchtet: die Zeit zwischen 1806 und 1871 – also von der Niederlage bei Jena/Auerstedt bis zur Reichsgründung 1871.

Olaf Buchheim mit den aktuellen Titeln aus dem Buchheim Verlag. Foto: Ralf Julke
Olaf Buchheim mit den aktuellen Titeln aus dem Buchheim Verlag. Foto: Ralf Julke

Nur lauter ernste Themen also? Nicht nur. Der in Grimma heimische Buchheim Verlag bringt ganze Stapel spannender Unterhaltungsromane aus dem englischen Raum auf den deutschen Buchmarkt. Olaf Buchheim stellte am 11. März zum Beispiel „Das Ende der Welt, wie wir sie kennen“ vor, „Neue Geschichten aus Stephen Kings The Stand“.

Die Geschichten, die man für gewöhnlich übersieht

Und Helmut Stadeler, der – siehe oben – so einfache wie wichtige Worte über die Rolle des Buches gesagt hatte, brachte an diesem Tag den dritten Band einer Reihe mit, bei der sich Buchliebhaber ohnehin wundern: „Villenstadt Blankenburg. Altes Gold“.

Und es findet Leser und Liebhaber, weil auch das ein Buch ist, das die Aufmerksamkeit auf Schätze lenkt, die man als gewöhnlicher Spaziergänger übersieht. Da braucht es erst kenntnisreiche Autoren, die einen aufmerksam machen auf die verbogenen Schönheiten.

Die herausragenden Titel aus der Evangelischen Verlagsanstalt kennen LZ-Leser ohnehin. Einen aktuellen – Sebastian Lindners profunde Arbeit zum Frauenzuchthaus „Hoheneck“ – legte Tilman Meckel den Lesern besonders ans Herz.

Denn auch das macht Bücher wichtig: Sie halten fest, was im Rausch der Geschichte vergessen zu werden droht. Auch das Schlimme und Traumatische. Auch zur Warnung für die Zukunft. Lest, Leute, kann man da nur sagen.

Jens Korc (Paperento) mit dem Titel „Schöne Grüße aus der Provinz“ von Stefan Tschök. Foto: Ralf Julke
Jens Korc (Paperento) mit dem Titel „Schöne Grüße aus der Provinz“ von Stefan Tschök. Foto: Ralf Julke

Manchmal entdeckt man dann auch eine Gegend, die man bisher nicht besucht hat. Was 2025 ja bekanntlich in Chemnitz für ein Feuerwerk sorgte, als die Stadt ein Jahr lang Kulturhauptstadt sein durfte. Die in Chemnitz heimische Edition Wannenbuch/Paperento Verlag, die in letzter Zeit mit Sachsen-Krimis von sich reden macht, nutzte die Gelegenheit, um auch mal ein Entdeckerbuch für Chemnitz aufzulegen. Mit Augenzwinkern natürlich: „Schöne Grüße aus der Provinz“ von Stefan Tschök.

Natürlich stellten die auch aus Thüringen und Sachsen-Anhalt angereisten Verlegerinnen und Verleger noch viel mehr Bücher vor. Auch so eine Runde beim Börsenverein kann immer nur eine Auswahl sein, eine Einladung, sich in die reiche Welt der Bücher zu begeben und dabei immer neue Entdeckungen zu machen, die Kopf und Herz erwärmen.

Und ein Verlag feiert zur Buchmesse sogar ein richtig großes Jubiläum: Der Mitteldeutsche Verlag wird in diesem Jahr 80 Jahre alt. Dazu gleich mehr an dieser Stelle.

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