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Gleich mehrfach wurden am vergangenen Freitag, dem 19. Juni, im Garten des Literaturhauses am Haus des Buches Insekten von Buchseiten gepustet. Es roch nach Sommer in der Stadt und Schweiß, Parfum und Bratwurststand. Hin und wieder rasselte in der Ferne eine Straßenbahn vorbei oder Kids grölten. Draußen mochte die Stadt ihrer Feierabendroutine folgen, die Biergärten sich füllen und auf der anderen Seite der Welt fand auch eine Fußball-WM statt.

Hier aber hatten sich einhundert und ein paar Leute versammelt, um Literatur zu lauschen und einen erstaunlichen Erfolg zu feiern, der zwar kein ganz leiser gewesen war, aber, weil er der Kunst und den Künstlern galt, auch nicht brüllend in Schlagzeilen verkündet worden war.

Leipzig bleibt sein Literaturhaus zumindest mittelfristig erhalten. Denn nach 30 Jahren erfolgreicher Arbeit hatte seit letztem Jahr die Finanzierung gefährlich gewackelt. Mithilfe einer geschickten Kampagne von Autor/-innen, Unterstützern und dem Verein Kuratorium des Haus des Buches e.V. konnte die Schließung abgewendet werden. An prominenten Fürsprechern hat es nicht gemangelt. Sie zu motivieren, die Öffentlichkeit auf den drohenden Verlust aufmerksam zu machen, stellt man sich als Heimspiel vor.

Dennoch war es auch keine Selbstverständlichkeit, dass sich im ganzen Land Künstler und Kunstmanager für den Erhalt eines Ortes einsetzten, in dem das leise Wort und der kantige Gedanke mehr zählt, als Geschrei oder Konformität. Bücher seien Briefe an unbekannte Freunde, hatte der Essayist, Lyriker und große Briefeschreiber Jean Paul einst behauptet. Der Mann war Romantiker und hat vielleicht etwas übertrieben.

Trotzdem mochte man an diesem heißen Freitagabend in Leipzig daran glauben, dass das Wort, die Freiheit und der Geist weiter Gewicht haben in einer Epoche der raschen und beängstigenden Wandlungen.

Die verwaisten Altäre …

Giorgio Ferretti las an diesem Abend über Resilienz an tristen Sonntagnachmittagen, Martina Hefter beschwor die (wahrscheinlich zumindest im poetischen Sinne) heilkräftigen Säfte von Bäumen und vertrat ihren leider kranken Mann, den Lyriker Jan Kuhlbrodt, Linn Penelope Rieger vermaß die apokalyptische Macht von Vulkanen gegenüber der von Pandemien, Anja Kampmann machte sich Gedanken über die drohenden Blutmeere des Zweiten Weltkriegs und Clemens Meyer las von einem Mann, der mit seiner billigen Tarnjacke wahrscheinlich nicht in die Lobby eines Luxushotels in Karlsbad gehören kann.

Die Band spielte Coversongs von Leonard Cohen und Rio Reiser. Man war unter sich. Es wurde sogar vereinzelt auf dem Rasen getanzt.

„Die verwaisten Altäre sind von Dämonen bewohnt“, kommentierte der umstrittene Anarch und verspätete Humanist Ernst Jünger einst sein 20. Jahrhundert der Kriege und absaufenden Ideologien. Dämonen, wie Jünger sie meinte, diskutieren und rätseln nicht, sie sind sich selbst genug in ihrem schillernden Schrecken. Ein kleines Stück Exorzismus gegen solch furchtbare blaue oder braune Dämonenmacht wurde am vergangenen Freitag im Garten des Literaturhauses Leipzig betrieben.

Mögen jene schönen Verlierer der Künste noch lange weiter ihre Wacht halten können vor den furchtbaren Geistern, die gerade aus Vergangenheit und Zukunft her gegen die Paläste der Worte und Mauern der Metaphern anrennen.

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